Stromleitungen: Machen kluge Steuerungen den Netzausbau überflüssig?

Stromleitungen: Machen kluge Steuerungen den Netzausbau überflüssig?

von Angela Schmid

Bislang sind die Stromnetze blind. Intelligente Einspeisesteuerungen könnten Kraftwerke gezielter zu- und abschalten.

Die deutschen Stromnetze sind blind. Wieviel Strom durch sie hindurchfließt, können selbst die Energieversorger nicht sehen. Eine intelligente Steuerung könnte den Stromfluss sichtbar machen – und gleichzeitig den Netzausbau fast überflüssig.

Im Grunde müssten Anlagen nur um fünf Prozent übers Jahr verteilt herunterreguliert werden, damit doppelt so viel Strom durch die Netze fließen kann. Das hat eine Studie des Instituts für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft (IAEW) der Technischen Hochschule Aachen im Auftrag des Norddeutschen Versorgers EWE ergeben.

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„Es gibt nur wenige kritische Stunden, in denen das Netz überlastet ist“, erklärt IAEW-Mitarbeiter Sebastian Dierkes den geringen Eingriff. Könnte man diese identifizieren und den Stromfluss beobachten, könnte man geschickter steuern, welche Kraftwerke weiter wie viel Strom zur Verfügung stellen.

Solche „Verkehrsleitsysteme“ schonen nicht nur die Mittelspannungsnetze, an welche die meisten Windparks und großen Photovoltaikanlagen angeschlossen sind. Auch im Ortsnetz, wo die kleinen Anlagen einspeisen, lassen sich mit regelbaren Transformatoren, die automatisch auf Schwankungen im Netz reagieren, Engpässe entschärfen.

Mit Intelligenz im Netz bleibt Ökostrom nach Ansicht von Ines Kolmsee, Technikvorstand der EWE AG, kaum noch ungenutzt. Werden Windräder und Solaranlagen aber einfach vom Netz genommen, können sie laut der Studie künftig über 20 Prozent ihres Stroms nicht mehr einspeisen. Es sei denn, die Netze werden massiv ausgebaut. Kosten, die letztendlich der Verbraucher über seine Stromrechnung bezahlt.

70 Prozent weniger Kosten für NetzausbauDer Energiedienstleister aus Oldenburg ist überzeugt, dass sich mit solchen intelligenten Steuerungen 70 Prozent der Netzausbaukosten vermeiden lassen. Und die sind hoch. Alleine EWE investiert in Aus- und Umbau der Netze bis 2017 rund 100 Millionen Euro, um sie fit für Strom aus erneuerbare Energien zu machen.

Getestet wurde das „intelligente Einspeisemanagement“ an der niedersächsischen Küste - im beschaulichen Landkreis Wittmund. Übertragen lässt es sich nach Berechnungen des IAEW auch auf andere Regionen. Aber: Alle Netze sind nicht dafür geeignet.

Etwa 70 Prozent der bestehenden Energieinfrastruktur wäre dazu geeignet, intelligente Steuerungen zu nutzen. Trotzdem ein immenses Potenzial, das nun auch der Gesetzgeber erkannt hat: In seinem „Weißbuch“ zur Energiemarktreform will das Bundeswirtschaftsministerium solche „Tempolimits“ zu Stoßzeiten im Netz ermöglichen. Unklar ist jedoch, wie das „Verkehrsleitsystem“ dafür aussehen soll. Größtes Potenzial sehen die Aachener Forscher in intelligenter Mess- und Steuertechnik.

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