Studie: Erdgas ist klimaschädlicher als Kohle

Studie: Erdgas ist klimaschädlicher als Kohle

von Benjamin Reuter

Die Studie eines US-Forschers könnte die globale Energiepolitik umkrempeln. Er behauptet, Erdgas sei hochgradig klimaschädlich.

Eigentlich scheint das Rennen um die Energieträger der Zukunft schon entschieden: Will die Menschheit erfolgreich gegen die Erderwärmung kämpfen, muss sie auf Energieträger setzen, die mit der Kraft der Sonne, des Windes, des Wassers oder Erdwärme arbeiten. Mancher Klimaforscher zählt auch die Kernkraft zu diesem klimafreundlichen Quartett dazu.

Sicher ist auch, dass der Anteil der fossilen Brennstoffe wie Kohle und Erdöl an der Energieversorgung drastisch sinken muss. Eine Ausnahme bildete bisher das Erdgas, das bei vielen Experten immer noch als vergleichsweise klimafreundlich galt, weil im Vergleich zur Kohle bei der Verbrennung nur etwa halb so viel CO2 entsteht. Zudem gilt Erdgas als perfekte Ergänzung, um Sonne- und Windkraft zu unterstützen und wird deshalb auch von der Bundesregierung immer wieder als "Brückentechnologie" ins postfossile Zeitalter gepriesen.

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Erdgas als sauberer Energieträger überschätztAuch Energie-Unternehmen wie Shell oder die Norweger von Statoil inszenieren sich regelmäßig als Klimaschützer, wenn sie auf ihre Anstrengungen verweisen, die Welt mit Erdgas zu versorgen.

Nun vermiest aber ein US-Professor die Geschichte vom sauberen Erdgas. In den USA sorgen die Studien von Robert Howarth von der renommierten Cornell University im Bundesstaat New York schon länger für Aufsehen. Jetzt, da seine neueste Untersuchung im Fachmagazin Energy Science & Engineering erschienen ist (hier als PDF), könnte das auch in Europa passieren.

Howarths zentrale These: Wer neben dem Treibhausgas CO2 auch auf Methan schaut, der sieht, dass Erdgas ein größerer Treiber für die Erderwärmung ist als Kohle und Erdöl.

Für aus Schiefer- und Sandstein per Fracking gewonnenes Erdgas hatte der Forscher seine Ergebnisse schon im Jahr 2011 veröffentlicht. Damals allerdings, so gab auch Howarth zu, fehlten verlässliche Datensätze. Das habe sich seitdem geändert, glaubt er, und auf die seit 2011 veröffentlichten Daten stützt sich seine aktuelle Studie. Hinzu kommen jetzt auch Betrachtungen für konventionelles Erdgas.

Methan schlägt CO2Hintergrund ist, dass Methan ein 20- bis 100-mal stärkeres Klimagas als CO2 ist. Die Werte schwanken so stark, weil Methan nur vergleichsweise kurz in der Atmosphäre bleibt. Je länger der Betrachtungszeitraum, je besser schneidet also Methan in der Klimabilanz ab.

Betrachtet man die kurzfristigen Klimawirkungen können schon kleine Mengen Methan, die in die Atmosphäre entweichen, einen mindestens genauso starken Einfluss auf den Klimawandel haben wie CO2. Bedeutet: das Gas wurde in der Diskussion um den Klimawandel bisher sträflich unterschätzt. Das prangert auch Howarth an.

Das Methan entsteht aber nicht bei der Verbrennung (bei der unter anderem CO2 entsteht), sondern hauptsächlich bei der Förderung, beim Transport und der Verarbeitung von Erdgas. Experten sprechen hier von Upstream und Downstream. In seine Rechnung bezieht Howarth auch die Effizienz mit ein, mit der Erdgas im Vergleich mit Kohle und Erdöl verbrannt wird.

Howard nimmt nun an, dass zwischen 1,7 und acht Prozent des Erdgases und damit des Methans bei der Förderung und beim Transport entweichen. Das Ergebnis seiner Vergleichsrechnung zeigt die folgende Grafik:

Sowohl für die Wärmeerzeugung im Haushalt (links) als auch für die Stromproduktion (rechts) schneiden Erdöl und Kohle auf eine Betrachtung von 20 Jahren besser ab als Erdgas. Der Wert in Orange gibt dabei die CO2-Emissionen bei der Verbrennung an. Der rote Balken steht für die Klimawirkung des Methan (in CO2-Werte umgerechnet).

Kritik ist programmiertHowarth ist für seine erste Studie im Jahr 2011 von Forschern und Industrievertretern stark kritisiert worden. Auch diesmal werden die Kritiker nicht lange auf sich warten lassen. Denn trotz der Forschungen, auf die sich Howarth stützt, ist es immer noch umstritten, wie viel Methan vor allem bei der Förderung von Erdgas austritt. Außerdem setzt er die Effizienz von neuen Erdgaskraftwerken rund 20 Prozent zu niedrig an und nimmt stattdessen die Werte bestehender Anlagen in den USA.

Sollten sich seine Berechnungen allerdings als annähernd richtig herausstellen, bedeutet das nicht weniger als ein Erdbeben für die weltweite Energie- und Klimapolitik. Auf einmal würde die Kohle wieder salonfähig und ein Grund sie aus Klimaschutzgründen vor den Erdgaskraftwerken abzuschalten, bestünde nicht mehr.

Für eine endgültige Einschätzung ist aber noch viel Forschungsarbeit nötig, vor allem mit Messgeräten, die den Methanausstoß verlässlich vor Ort messen. Zeit also, dass die Experten sie endlich angehen. Howarth zieht derweil seine ganz eigenen Schlüsse aus den Ergebnissen seiner Studie: Er will gleich alle fossilen Energieträger vom Netz nehmen.

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Update: Andere Forscher bleiben dabei, dass sowohl Schiefergas als auch konventionell gewonnes Erdgas bei der Stromerzeugung nur ungefähr halb so viel Treibhausgase verursacht wie Kohle (hier die Studie vom April als PDF)

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