Studie im Auftrag von Kohlekraftwerksbetreiber fordert: Kohleaustieg!

Studie im Auftrag von Kohlekraftwerksbetreiber fordert: Kohleaustieg!

von Wolfgang Kempkens

Berliner Energiexperten: Für den Klimaschutz muss die Kohle vom Netz - am besten schon ab 2024.

Der Klimaschutz in Deutschland droht katastrophal zu scheitern. Trotz ständig wachsender Wind- und Solarparks laufen Kohlekraftwerke teilweise mit Volllast, umweltfreundlichere Gas- und Kombikraftwerke sind außer Betrieb. Zudem werden emissionsfreie Kernkraftwerke bis 2022 vollständig vom Netz genommen.

Das Ergebnis: 2040 werden wir feststellen, dass die Klimaschutzziele um 35 Prozent verfehlt wurden. Eigentlich will die Bundesregierung bis dahin den CO2-Ausstoß im Vergleich zum Jahr 1990 um 70 Prozent senken.

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Kohle muss vom NetzDieses düstere Szenario zeichnet das Berliner Beratungsunternehmen enervis energy advisors in einer Studie (hier als PDF), die der Aachener Kraftwerksbetreiber und Stadtwerkeverbund Trianel in Auftrag gegeben hat.

Den Schuldigen haben die Experten schnell identifiziert: Nämlich das Festhalten an existierenden Braun- und Steinkohlekraftwerken, die besonders viel Kohlendioxid in die Luft pusten. Eine Kehrtwende in Richtung Gas- und Dampfkraftwerke (GuD) scheitert allerdings daran, dass mit deren Strom kaum noch ein Geschäft zu machen ist. Investitionen in Neuanlagen bleiben deshalb aus.

Zum Hintergrund: GuD-Anlagen werden mit dem emissionsärmsten fossilen Brennstoff betrieben, mit Erdgas. Außerdem glänzen sie mit hohen Wirkungsgraden. In Irsching bei Ingolstadt zum Beispiel betreibt E.On den Weltmeister in dieser Klasse. Mehr als 60 Prozent der eingesetzten Energie wird in dem von Siemens gebauten Kraftwerk in Strom umgewandelt. Braunkohlekraftwerke liegen im Schnitt bei 37 Prozent.

Deutschland müsste deshalb massiv in Gaskraftwerke investieren, fordern die Autoren der Studie.

"Klimaschutz zunichte gemacht"„Unsere Berechnungen zeigen, dass wir drauf und dran sind, unsere Investitionen in die erneuerbaren Energien ad absurdum zu führen“, warnt enervis-Geschäftsführer Uwe Hilmes. Denn die deutsche Stromversorgung ist im Zuge der Energiewende keinen Deut klimafreundlicher geworden.

„Wenn wir aus den veralteten Technologien nicht sukzessive aussteigen, dann verpufft das Geld, das wir in den Ausbau der erneuerbaren Energien stecken. Denn der Klimaschutz, den wir damit erreichen könnten, wird durch einen alten und vergleichsweise unflexiblen konventionellen Kraftwerkspark weitgehend wieder zunichte gemacht“, kritisiert Hilmes. Interessant: Sein Auftraggeber Trianel hat gerade erst ein neues Steinkohlekraftwerk in Lünen ans Netz gebracht.

Als Alternative entwerfen die Autoren einen idealen Kraftwerksmix, mit dem sich die Klimaschutzziele erreichen lassen. Steinkohlekraftwerke sollen demnach im Jahr 2024 komplett abgeschaltet werden, zwei Jahre, nachdem das letzte Kernkraftwerk stillgelegt worden ist.

Eine handvoll Braunkohlekraftwerke bleibt am NetzBraunkohlekraftwerke sollen nach den Vorstellungen der Berliner im Jahr 2040 nur noch mit einer Gesamtleistung von etwa 3500 Megawatt am Netz sein, das entspricht etwa einem Sechstel der heutigen Leistung. Aktiv wären dann nur noch vier größere Braunkohlekraftwerle, heute sind  Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe, da Braunkohle der günstigste Energieträger in Deutschland ist.

Das Minus bei Kohlekraftwerken sollen im Wesentlichen besonders flexible Gaskraftwerke und GuD-Anlagen ausgleichen, von denen die meisten neu gebaut werden müssten.

Insgesamt sollen künftig nach den Vorstellungen von Enervis Kohle- und Gaskraftwerke mit einer Leistung von gut 80.000 Megawatt am Netz sein. Das entspricht ungefähr der Menge an Kraftwerken, die auch heute Strom produziert. Es wären aber rund ein Drittel mehr als bei einer Fortschreibung der heutigen Stromversorgungsplanung der Regierung.

Die zusätzlichen Investition – vor allem für neue Gaskraftwerke – lägen in diesem Szenario bei rund 20 Milliarden Euro. Hinzu kämen die Kosten für die Stilllegung von Kohlekraftwerken. Knapp die Hälfte des Stroms stammt nach den Vorstellungen von enervis im Jahr 2040 aus Wind- und Solarkraftwerken. Deren Gesamtleistung liegt dann bei rund 160.000 Megawatt.

Erneuerbare unterschätzt?Um Schwankungen auszugleichen, sind die übrigen Kraftwerke da, vor allem die auf Gas- und Braunkohlebasis. Stromspeicher, Wasserkraft und Biomasse tragen in bescheidenem Umfang zur Versorgung bei.

Was ist nun von der Studie zu halten? Insgesamt entwerfen die Experten ein eher konservatives Szenario, denn laut den Zielen der Bundesregierung sollen Erneuerbare schon 2035 bis zu sechzig Prozent des deutschen Stroms liefern. Bis dahin werden sie auch sehr viel günstiger sein als Gaskraftwerke.

Positiv wiederum ist: Die Notwendigkeit eines fast kompletten Kohleausstiegs scheint auch bei den Energieversorgern anzukommen. Ob die Verantwortlichen bei Trianel sie ernst nehmen, ist eine andere Sache.

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