Studie zum Kohleausstieg: "Energiekonzerne könnten profitieren"

Studie zum Kohleausstieg: "Energiekonzerne könnten profitieren"

von Nora Marie Zaremba

Ist die Abschaltung von rund 40 Kohlemeilern ökonomisch durchführbar? Ja, argumentiert eine Studie.

Sigmar Gabriel macht die Kohle zu schaffen. Sie ist ein undankbares Thema, denn er kann es keinem Recht machen. Nicht der eigenen Partei, die in der Kohlestrom-Frage gespalten ist. Nicht den Umweltverbänden, die ihm auf öffentlichen Veranstaltungen auch gerne mal Brocken des Energieträgers direkt vor die Füße schütten. Nicht der Industrie, die Sturm läuft, wenn er vom Klimaschutz redet. Eine vertrackte Situation für den Bundeswirtschaftsminister, der selbst vielleicht gar nicht so sehr an der Kohle hängt – der aber Kanzler werden möchte.

Es ist traurig genug, dass der Klimaschutz dem politischen Kalkül untergeordnet wird. Tatsächlich ist die Situation alles andere als rosig: Jüngsten Prognosen des Bundesumweltministeriums zufolge wird Deutschland sein Ziel, bis 2020 40 Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen als 1990 um sieben Prozent verfehlen. Es klingt nach wenig, doch handelt es sich um ganze 70 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid. Der Grund: Die Kohleverstromung boomt.

Anzeige

Wie teuer wäre der Kohleausstieg?Das Fatale daran ist, dass das nicht sein müsste. Deutschland verfügt über hochmoderne Gas-Kraftwerke, die sehr viel CO2 ärmer sind als die teilweise über 30 Jahre alten dreckigen Kohlemeiler. Nur ist Kohle ein unschlagbar günstiger Energieträger und rund dreimal billiger als Erdgas, weshalb die Kohlemeiler auf Hochtouren laufen. Aber geht es wirklich nicht ohne Kohle?

Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW ) in Berlin untersucht im Auftrag der Grünen-nahen Heinrich Böll Stiftung und der European Climate Foundation, wie eine gezielte Stilllegung von Kohlekraftwerken in Deutschland aussehen würde und wie sich das auf den Strompreis auswirkt.

In ihrem Modell nehmen die Forscher bereits für das kommende Jahr Steinkohlekraftwerke mit einer Kapazität von drei Gigawatt und Braunkohlekraftwerke mit einer Kapazität von sechs Gigawatt vom Netz. "Es sind die ältesten Kraftwerke und die CO-intensivsten", erklärt Claudia Kemfert, Chef-Umweltökonomin am DIW und Leitautorin der Studie. Entsprechend ineffizient arbeiten sie auch. Insgesamt würde es sich um rund 45 Kraftwerksblöcke handeln.

23 Millionen Tonnen CO2 würden gespartDadurch käme es in der Stromproduktion zu einer Verschiebung von Kohle hin zu emissionsärmerem Gas. 23 Millionen Tonnen CO2 würden 2015 eingespart, immerhin schon ein Drittel, um die "Klimaschutzlücke" bis 2020 doch noch zu schließen. Hinzu kommen Emissionseinsparungen aus der Abschaltung weiterer Steinkohlekraftwerke (insgesamt weitere drei Gigawatt), die ohnehin politisch vorgesehen sind und heute schon bei der Bundesnetzagentur bekannt sind. Ein Versorgungsengpass sei in dem Szenario nicht zu befürchten, schreiben die Autoren, weil Deutschlands Kraftwerkspark ohnehin zu groß ist.

Am interessantesten ist die Frage, wie sich die Stillegung auf den Strompreis auswirkt. Kemfert und ihrem Team zufolge steigt der Strompreis an der Börse um circa 1,3 Cent auf etwas über fünf Cent pro Kilowattstunde an, wenn mehr Gas statt Kohle verfeuert wird. Da die Berechnungen des DIW aber noch nicht den europäischen Strommarkt einbeziehen, ist davon auszugehen, dass es weniger ist.

Eine andere, von dem Energieberater Enervis durchgeführte Studie kommt in ihrem Ausstiegs-Szenario von 10 Gigawatt zu einem Preisanstieg von 0,4 Cent bis 0,5 Cent pro Kilowattstunde.

Auch Vorteile für StromerzeugerEin Anstieg des Strompreises an der Börse habe Vorteile für die Stromerzeuger, schreiben die DIW-Autoren. Denn die würden für ihr Produkt wieder mehr Geld bekommen. “Strom wird derzeit verramscht”, beschreibt Kemfert die Situation auf dem deutschen Strommarkt. Die Überkapazitäten machten ihn selten günstig. Da die EEG-Umlage sich aus der Differenz zwischen Großhandels-Strompreis und Endpreis ergibt, würde durch einen Anstieg des Börsenpreises die Umlage sinken. Preissteigerungen für die Haushalte sind laut DIW nicht zu erwarten.

Alles super also? Die Frage ist, ob ein Anstieg des Börsenpreises langfristig nicht doch an die Endverbraucher weitergeleitet würde.

Die in Politik und Medien viel debattierte Frage nach einem möglichen Verlust von Arbeitsplätzen durch Kraftwerksstillegungen lässt die Studie ganz bewusst offen. “Es ist Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, wie der Strukturwandel funktioniert”, erklärt Kemfert. Die Politik müsste auch organisieren, welches Kraftwerk wann vom Netz geht. Ein freiwilliges Abschalten der Kraftwerke durch die Versorger ist kaum zu erwarten.

Dennoch bleiben Fragezeichen im Klimaschutzplan des DIW: Zwar würde Deutschland durch die Abschaltung einiger Kohlekraftwerke seinem Klimaschutzziel näher kommen. Da die Kraftwerke aber in den europäischen Emissionshandel eingebunden sind, könnte andere Unternehmen zum Beispiel in Portugal dafür wieder mehr CO2 ausstoßen. Gewonnen wäre unterm Strich wenig. Um auch europaweit positive Effekte zu haben, müsste die EU also auch ihren Zertifikatehandel reformieren. Dafür sprechen sich auch das DIW Berlin und die beiden an der Studie beteiligten Stiftungen aus.

Das ist auch im Hinblick auf einen zweiten Faktor wichtig: Ein durchschnittlicher Börsenstrompreis von fünf Cent, wie er im DIW-Szenario berechnet wird, genügt bei weitem nicht, um Gaskraftwerke wirtschaftlich zu betreiben. Dafür wären eher sieben Cent nötig. Bei höheren Preisen für CO2 im europäischen Emissionshandel könnten sich die sauberen Gaskraftwerke aber wiederum lohnen.

Nicht nur in Berlin wartet auf Gabriel also viel Arbeit, sondern auch in Brüssel.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass Enervis in ihrem Szenario einen Preisanstieg des Börsenstrompreises von 1,7 Cent bis 5 Cent pro Kilowattsunde errechnet hat. Tatsächlich gehen sie von 0,4 bis 0,5 Cent pro Kilowattstunde aus. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%