Tschüss Grafenrheinfeld: Jetzt wird die Energie-Landkarte neu gezeichnet

Tschüss Grafenrheinfeld: Jetzt wird die Energie-Landkarte neu gezeichnet

von Peter Vollmer

Die Abschaltung des AKW Grafenrheinfeld zeigt, dass Netz- und Speicherausbau langsam kommen müssen.

Eigentlich hat sich mit der Abschaltung des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld nicht viel verändert. Der Strom fließt weiter, die Kühltürme stehen weiter, der Brennstoff strahlt weiter.

Es wird Jahre dauern, bis die Brennstäbe abgekühlt sind, Jahrzehnte, bis das Kraftwerk zurückgebaut ist. Viele Mitarbeiter werden weiter dort arbeiten. Nicht einmal ein kurzer Stromausfall begleitete das Ende des Meilers.

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Und doch kündigt die Abschaltung tiefgehende Veränderungen an. Schon vor Jahren warnte der Netzbetreiber Tennet, dass man neue Stromtrassen brauche. Denn der Standort wird für die Energieerzeugung immer wichtiger, nicht nur bei den Erneuerbaren. Die Erzeugung wird immer dezentraler. Das müssen die Netze aushalten.

Durch die Unvorhersehbarkeit von Strom aus natürlichen Quellen und die fehlende Flexibilität von fossilen Kraftwerken müssen die Betreiber Kraftwerke häufiger hoch- und runterregeln. Windanlagen stehen plötzlich still, da der Strom nicht dorthin transportiert werden kann, wo er gebraucht wird. Intelligenter verknüpfte Netze könnten das in Zukunft ausgleichen.

Bayern verzögert die EnergiewendeDoch gerade in Bayern zeigt sich, wie schwierig das wird. Es finden sich Gegner für alles: Windräder, Stromleitungen oder Endlager. Die sogenannte Thüringer Strombrücke, die Kohle- und Ökostrom aus dem Nordosten liefern soll, ist erst zur Hälfte fertig. Immer noch wird gebaut, immer noch gegen das Projekt geklagt.

Die große Verbindung Südlink, die die Windstromanlagen des Südens verbinden soll, wird selbst wenn alles nach Plan geht erst 2022 fertiggestellt - dann ist Deutschland wohl schon atomfrei. Doch auch hier hat sich der Widerstand bereits organisiert.

Grafenrheinfeld hatte den Vorteil, 33 Jahre lang relativ zuverlässig Strom geliefert zu haben, ohne großen Störfall, ohne schlechte Luft, direkt vor Ort. Nur: Den Atommüll lagern, das sollen doch bitte andere Bundesländer machen.

Bei den Stromnetzen wird sich Bayern aber kaum sperren können. Denn das Land wird in zehn Jahren nach Prognosen des Handelsblatts mehr als ein Drittel seines Stromes importieren müssen. Und der kommt in seiner günstigsten Form vielleicht von Offshore-Windanlagen, vielleicht von Kohlekraftwerken, jedoch nicht aus Bayern.

Erneuerbare lösen Atomstrom abDabei tragen Erneuerbare bereits 35 Prozent zur bayerischen Stromproduktion bei, so der Bundesverband Erneuerbare Energie. (41 Prozent Wasserkraft, 29 Prozent Fotovoltaik und 25 Prozent Biomasse.)

Dem stehen 40 Prozent Atomstrom gegenüber. Lassen sich diese ersetzen? Bislang ist das Wachstum der Erneuerbaren so groß gewesen, dass es Atomabschaltungen kompensieren konnte. Das wird auch in Zukunft möglich sein, zeigen einige Studien, zuletzt eine der Organisation „Ausgestrahlt“.

Allerdings braucht es für den regionalen Ausgleich stabile Netze und für den zeitlichen Ausgleich zusätzlich Energiespeicher, das zeigte auch zuletzt eine Fraunhofer-Metastudie. Die Netze brauchen den Segen der Politik und zumindest die Duldung der Anwohner, die Speicher könnten mit Subventionen schmackhafter gemacht werden, zumindest aber, indem politische Hemmnisse abgebaut werden.

Beides sollte zügig passieren, die Regierung hat sich mit dem Atomausstieg einen ambitionierten Zeitplan gesetzt. In sieben Jahren soll Deutschland komplett atomfrei sein. Doch die großen Veränderungen, die das mit sich bringt, stehen Bürgern und Politik noch bevor.

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