USA im Ölrausch: Der Fluch des schwarzen Geldes

USA im Ölrausch: Der Fluch des schwarzen Geldes

von Benjamin Reuter

In North Dakota verdienen Indianerstämme hunderte Millionen Dollar am Ölboom. Das könnte ihr Untergang sein.

In Sachen Indianerromantik ist in Fort Berthold für den Besucher wenig zu holen. Zwar veranstalten die Ureinwohner in ihrem Reservat einmal im Jahr ein großes Pow-Wow mit Tänzen und bunten Kostümen. Aber der Alltag im Nordwesten des US-Bundesstaates North Dakota ist so weit entfernt von einem ursprünglichen Leben im Einklang mit der Natur wie eine Erzählung von Karl May vom realen Wilden Westen.

1870 wies die Regierung in Washington Fort Berthold als Reservat für die Stämme der Mandan, Arikara und Hidatsa aus. Noch heute leben rund 4000 von ihnen hier auf einer Fläche, die vier Mal größer ist als Berlin.

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Die Hauptstraße von New Town, mit knapp 2000 Einwohnern die größte Siedlung in Fort Berthold, säumen eine Handvoll Cafés, Burgerläden, Tankstellen und Gebrauchtwagenhändler. Auf ihr drängeln sich den ganzen Tag bis weit in die Nacht im Stop-and-Go hunderte Sattelschlepper in einer schier endlosen Reihe.

Statistisch gesehen ist jedes dritte Fahrzeug auf den Straßen des Reservats ein mehr als 15 Meter langer Truck. Geladen haben sie Millionen Liter Wasser, Frackingchemikalien, Sand, Pipelinestücke, Stahlcontainer und Bohrtürme - also alle Zutaten für einen rekordverdächtigen Ölboom.

Der Reservatsverwaltung und den Stammesmitgliedern bringt dieser Boom jeden Monat zig Millionen Dollar ein. Aber es ist ein Reichtum, der die Natur im Reservat bedroht und eine ganze Generation ihre Zukunft kosten könnte.

Die Geschichte von Fort Berthold im Ölrausch ist eine Art schreckliches Märchen über Geld und Gier und das, was schlechte Politik anrichten kann.

Erzählen lässt sich die Geschichte von Fluch und Segen des schwarzen Geldes in vier Teilen.

In den Statistiken der Rohstoffbehörde von North Dakota sind aktuell rund 9400 aktive Ölbrunnen verzeichnet. 1600 davon liegen in Fort Berthold. In den nächsten Jahren könnten Tausende weitere hinzukommen.

Dann könnten täglich bis zu 1,6 Millionen Fass des Rohstoffs aus North Dakota in die ganze Welt verkauft werden. Eine Menge, mit der sich mehr als die Hälfte des deutschen Ölverbrauchs decken ließe. North Dakota wäre damit der größte Ölproduzent der USA - noch vor Texas und Alaska.

Der Ölboom macht North Dakota derzeit zum wirtschaftlich erfolgreichsten Bundesstaat der USA. Doch reiche Leute gab es in dieser Gegend und vor allem im Indianerreservat nie. Aber auch keine Umweltzerstörung, Drogen und Selbstmorde. Jetzt gibt es all das – und manche meinen, schon zu viel davon.

2. Teil: Von Indianern und MillionärenBevor der Ölboom im Reservat begann, hatten die knapp 20 Beamten der Indianerverwaltung - vor Ort das 'Bureau of Indian Affairs' genannt - rund 200 Millionen Dollar Schulden angehäuft. Viel Geld floss in den Aufbau von Unternehmen, die Wirtschaftswachstum und Jobs bringen sollten. Aber die Geschäfte scheiterten allesamt.

In den notorisch schlecht verwalteten Reservaten Nordamerikas sind solche Geschichten eher die Regel als die Ausnahme.

Inzwischen sind die Schulden in Fort Berthold abbezahlt. Rund zwölf Millionen Dollar treten die Ölunternehmen jeden Monat an Steuern an das Bureau ab. Dass die Verwalter das Geld besser investieren als früher, lässt sich aber nicht sagen: Inzwischen nennt die Reservatsverwaltung ein riesiges Motorboot und einen Hubschrauber ihr Eigen - das Boot ist seit Monaten unbenutzt am Rande des großen Stausees aufgedockt, der das Reservat zerschneidet. Besucher, die damit umhergefahren werden sollen, fehlen.

Aber nicht nur die Reservatsverwaltung profitiert vom Öl, sondern auch Mitglieder der Stämme.

Zwei von ihnen sind Theodora Bird Bear und Marylin Hudson. Die beiden Rentnerinnen arbeiten ehrenamtlich im Reservatsmuseum, das die Kultur und Geschichte der Stämme von den Anfängen bis heute erzählt. In einem großen Bau aus Beton und Holz etwas außerhalb von New Town hängen Kleider, Kopfschmuck und Werkzeuge mit Bildern aus dem vorletzten Jahrhundert an den Wänden.

Die beiden nehmen an einem großen Holztisch in einer Ecke des Museums Platz, um ihre Geschichte zu erzählen.

Bird Bear und Hudson haben ihr Land, wie die allermeisten Bewohner des Reservates, an die Ölfirmen verpachtet. Nach einem einmaligen Betrag von 160.000 Dollar erhalten sie jetzt monatlich 18 Prozent der Erlöse aus der Ölförderung. Hudson und ihre Verwandten verdienen so knapp 50.000 Dollar jeden Monat. Eine Nachbarin von Bird Bear, die mehr Land besitzt, bekommt alle 30 Tage das Doppelte ausbezahlt.

Manchem reicht aber auch das nicht. Zum Beispiel Spencer Wilkinson, bis vor kurzem der Betreiber des 4 Bears Casino. Das nach dem berühmtesten Häuptling der drei Stämme benannte Glücksspielhaus liegt direkt neben dem Museum.

Wilkinson nutzte seine Kontakte zur Reservatsverwaltung, um zu Beginn des Ölbooms Landrechte über dutzende Quadratkilometer für einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag zu erwerben. Vor einigen Monaten verkaufte er sie an Ölfirmen weiter - für spektakuläre 925 Millionen Dollar. Der Fall wird mit Verdacht auf Korruption mittlerweile vor Gericht verhandelt.

Geschichten wie diese gebe es viele, sagt die Rentnerin Bird Bear. Aufregen würden sich darüber aber die wenigsten. An dem Boom verdienten schließlich alle. Demnächst will die Indianer-Verwaltung einen Teil des schwarzen Geldes an die Bürger ausschütten. Rund 600 Dollar monatlich soll jedes Mitglied des Stammes dann erhalten.

Es ist eine ur-amerikanische Geschichte, die sich in Fort Berthold gerade vollzieht: From rags to riches - aus Habenichtsen werden quasi über Nacht reiche Leute.

Man könnte meinen, Bird Bear und Hudson würden dieser Erfolgsgeschichte nur Positives abgewinnen. Aber mitnichten. „Wir verdienen doch mittlerweile alle genug“, sagt Hudson. Man müsse das Öl nicht aus jedem Winkel fördern. Rund 1000 neue Ölbohrungen wollen Unternehmen in den nächsten Jahren im Reservat durchführen. Aber der Boom, so sagen beide, gerate schon jetzt außer Kontrolle.

Um die 1400 Ölbrunnen im Reservat zu überwachen, hat Baker vier Mitarbeiter zur Verfügung. Er versucht gar nicht erst zu leugnen, dass die Geschwindigkeit der Entwicklung ihn überfordert. „Uns fehlt es hier an Leuten, Geld und Wissen", sagt er.

Wenn Baker Fragen zu technischen Aspekten des Fracking oder den dabei eingesetzten Chemikalien hat, muss er erst die Umweltbehörde EPA in Washington anrufen und dort einen Experten konsultieren.

Schon seit Monaten versucht er, mehr Mittel von der Verwaltung in New Town zu bekommen. Das scheitert weniger am Geld, denn am Willen Bureau of Indian Affairs, glaubt er. Inzwischen sei die Reservatsverwaltung auch mit eigenen Ölfirmen am Geschäft beteiligt.

„Bis hier jemand mehr Geld für Kontrollen der Bohrungen in die Hand nimmt, muss erst etwas richtig Großes passieren“, fürchtet Baker. Entweder ein Ölbohrturm fange Feuer oder eine Pipeline laufe aus. Im ersten Fall gebe es nicht mal eine reservatseigene Feuerwehr, um zu löschen. „Da sind wir auf die Hilfe der Unternehmen angewiesen.“

Kleinere Unfälle passieren auch jetzt schon – und es sind nicht wenige. Gesammelt sind sie in einer 57 Seiten langen Excel-Tabelle auf Bakers Computer. Allein aus den ersten sechs Monaten 2013 sind dort mehr als 100 Vorfälle gelistet.

Sie reichen von mit Chemikalien versetztem Frackingwasser, das von Bohrflächen in die Prärie floss, bis zu Truck-Unfällen, bei denen Öl austrat. Wie hoch er die Dunkelziffer der Unfälle schätzt? Als Antwort zuckt Baker nur mit den Schultern. Derzeit melden nur die Unternehmen selbst die Unfälle.

Manchmal schlägt auch ein Farmer Alarm. Wie bei einem Trucker, der die chemikalienhaltige Frackingflüssigkeit kürzlich einfach am Rande eines Feldes verklappte. Die Polizei konnte ihn daraufhin verhaften.

Und nur zufällig entdeckten Autofahrer vor einigen Monaten ein weiteres gravierendes Umweltproblem, das wahrscheinlich über Jahre unentdeckt blieb: Frackingfilter, die direkt am Highway abgeladen wurden - und die, was die Finder nicht wussten, leicht radioaktiv strahlen.

Die Filter sehen aus wie riesige Teebeutel und sammeln im Ölbohrloch festes Material, das aus dem Schiefergestein an die Oberfläche schwemmt. Diesen Abfall müssten die von den Ölfirmen beauftragten Unternehmen eigentlich zu Sondermülldeponien in die Nachbarstaaten schaffen. Die gemessenen Strahlungswerte sind zu hoch für die Lager in North Dakota. Da das aber teuer ist, landen die Säcke häufig in der Wildnis. Oder in Handtücher eingewickelt in den Seitenstraßen der Dörfer und Kleinstädte, wo auch Kinder spielen.

Wer einige Minuten in dem chaotischen Büro von Baker sitzt, dem wird klar: In North Dakota sieht es nicht nur aus wie einst im Wilden Westen - im Falle der Ölförderung herrscht auch heute noch Wild-West-Gesetzlosigkeit. Um den Ölrausch zu kontrollieren, fehlen Regularien und Personal. Das Reservat verfügt gerade einmal über ein halbes Dutzend eigene Polizisten.

In seinem Büro in New Town bereiten Edmund Baker noch zwei weitere Entwicklungen Sorgen, die weit über die direkten Umweltschäden hinausgehen, mit denen er sich jeden Tag befasst: Luftverschmutzung und die Wasserversorgung der Landwirtschaft.

Einmal ist da das Erdgas, das mit dem Öl an die Oberfläche kommt. Rund ein Drittel des Gases verbrennen die Unternehmen in North Dakota, den Rest bringen Pipelines in Aufbereitungsanlagen. Wie viele der Partikel aus der Verbrennung in Bodennähe bleiben und Tiere und Menschen schädigen, wisse derzeit niemand, sagt Baker. Er hat in den Senken der Hügel, wo sich, wie er glaubt, die Schadstoffe sammeln und die Luftverschmutzung mutmaßlich am höchsten ist, schon tote Rehe gefunden.

Und dann ist da noch das Grundwasser. Die meisten Farmer im Reservat beziehen den Rohstoff zur Bewässerung für ihre Felder aus einem riesigen unterirdischen Speicher, Fox Hills genannt. Aber da ohne Wasser bei der Ölförderung nichts läuft, wird auch dieser Rohstoff zunehmend teurer. Deshalb verkaufen ihn Brunnenbesitzer an die Frackingunternehmen.

In den vergangenen zehn Jahren sei das Niveau des Speichers um rund fünfzehn Meter gefallen, klagt Baker. Wie viel Wasser derzeit zum Fracken verkauft werde? "Wer soll das denn feststellen?" Nur eines sei klar: Bis sich der Speicher wieder füllt, dauere es wohl Jahrhunderte.

Und was ist mit dem Wasser aus dem riesigen Stausee in dem Reservat? Als der in den Fünfzigerjahren für ein Wasserkraftwerk geflutet wurde, verloren Dutzende Farmer ihre Felder und Häuser. Sie alle zogen in das neu gegründete New Town.

Aber wer die Rechte am Wasser im Stausee halte, sei bis heute ungeklärt, sagt Baker. Deshalb könne es auch niemand für das Fracking verkaufen.

Wo einst Reichtum war, herrscht nun bittere Armut. Die Folge: Die Kriminalitätsrate explodierte, ebenso der Drogenhandel. Die Aidsrate stieg. In seinen letzten Monaten in Hobbema verhaftete Ground immer mehr seiner alten Freude, mit denen er als Kind gespielt hatte.

Auch in New Town werfen die Millionen aus dem Ölgeschäft erste Schatten.

In der formals friedlichen Gemeinde von 2000 Menschen kommt es immer häufiger zu Verbrechen: Im Sommer vergangenen Jahres wurde eine Großmutter mit ihren drei Enkeln in ihrem Haus erschossen. Der mutmaßliche Täter hatte sich einige Wochen vorher eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert. Als sie nach dem Mord an seine Tür klopften, jagte er sich eine Kugel in den Kopf. Das Motiv für die Morde ist bis heute unbekannt. Geraubt wurde nichts in dem Haus.

Vor einigen Wochen verhaftete das FBI in New Town außerdem 22 Mitglieder eines Drogenrings, der Methamphetamine und Heroin dealte. Auch die kolumbianische Mafia soll schon vor Ort sein. Genaue Zahlen zum Drogenkonsum im Reservat gibt es nicht. Die Folgen zeigen sich eher indirekt: Die Zahl der Babys, die drogensüchtig geboren werden, steigt.

Während Theodora Bird Bear und Marilyn Hudson sich an dem großen Holztisch im Museum von New Town über diese Vorfälle Gedanken machen, werden ihre Stimmen immer leiser. "In diesem Jahr sind schon zehn junge Menschen an Autounfällen und Drogen gestorben oder haben sich umgebracht", sagt Hudson. So eine Häufung habe sie noch nie erlebt.

„Sicher, wir alle verdienen viel Geld am Öl, aber der Reichtum hat einen hohen Preis.“

Zum Abschied laden Bird Bear und Hudson den Besucher noch zu einem Treffen von Landbesitzern am selben Abend in New Town ein. Man überlege nämlich, erklären sie, das Innenministerium der Vereinigten Staaten in Washington zu verklagen. Das schreibe vor, dass Landbesitzer in den Reservaten nur 18 Prozent aus den Erlösen für das Öl bekommen. Diese Regel wollen sie kippen. Unternehmen sollen ihnen künftig für jedes Barrel Öl ein Drittel des Wertes ausbezahlen. Für Fort Berthold und seine Bewohner ginge der Ölrausch dann erst richtig los.

Dies ist der zweite Text einer Serie in drei Teilen über den Ölboom in den USA. Im ersten Teil ging es um die technischen Fortschritte beim Fracking. Im dritten Teil treffen wir einen Ingenieur, der das größte Ölfeld der Welt in Colorado anzapfen will.

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