USA: Schiefergas-Boom macht Atomkraftwerke unwirtschaftlich

USA: Schiefergas-Boom macht Atomkraftwerke unwirtschaftlich

von Peter Vollmer

In den USA nehmen die Betreiber Atomkraftwerke vom Netz. Billiges Schiefergas drückt den Strompreis.

In den USA drohen düstere Zeiten für die Betreiber von Atomkraftwerken: Am vergangenen Montag ging mit "Vermont Yankee" das vierte Atomkraftwerk innerhalb von zwei Jahren vom Netz. Die niedrigen Gaspreise machten den Betrieb unrentabel, sagte der Betreiber Entergy der New York Times. Eigentlich lief die Betriebslizenz erst im Jahr 2032 aus.

Vermont Yankee ist einer der ältesten Reaktoren in den USA, der Meiler wurde bereits in den 60er-Jahren gebaut. Zuletzt gab es immer wieder Probleme mit Lecks, Einstürzen von Kühltürmen (die aus Holz waren) und erhöhter Strahlung. Nicht wenige der rund 100 Atomkraftwerke in den USA leiden unter Alterserscheinungen. Die meisten sind zwischen 25 und 45 Jahre alt.

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Billiges Erdgas macht Atom untwirtschaftlichEigentlich sollten diese Altmeiler abgeschrieben und deshalb hochrentabel sein. Doch: "Der Preis für Erdgas aufgrund der Schiefergas-Förderung hat die Aussichten für die Energieinfrastruktur der USA grundlegend verändert", erklärte Barrett Green, der für Entergy die Stilllegung von Vermont Yankee leitet, dem Boston Globe. Und National Geographic sieht eine "neue Realität" auf die US-amerikanische Kernenergie zukommen.

In den sechs Staaten New Englands an der US-Ostküste, darunter auch Vermont, macht Atomkraft immer noch ein Drittel der Stromversorgung aus. Erdgas ist für 46 Prozent verantwortlich. Ein enormer Anstieg: Im Jahr 2000 lag Gas noch bei 15 Prozent, hat seitdem aber nur Kohle und Öl ersetzt – die Atomkraft trug auch 2000 zu knapp einem Drittel der Stromproduktion bei. Zahlen, die in anderen US-Staaten ähnlich aussehen.

Die niedrigen Preise des Schiefergases sind ein Problem, die Atomstrom-Einspeisung ins Netz ein weiteres: Windkraft hat einen priorisierten Zugang. Im Zweifel sind andere Kraftwerke gezwungen, die Erzeugung zurückzufahren. Das setzt die Betreiber weiter unter Druck, weil es die Einnahmen im Kraftwerksbetrieb senkt.

Hinzu kommen die steigenden Lagerkosten für Atommüll. In den USA gibt es kein Endlager. Zwar wurden seit den 80er-Jahren Milliarden Dollar in ein Projekt im Bergrücken "Yucca Mountain" in Nevada gesteckt, das allerdings in einem Erdbebengebiet liegt und deshalb derzeit gestoppt ist. Mittlerweile sitzen die USA aber auf über 70.000 Tonnen strahlendem Material – ohnehin weit mehr, als das Lager unter Yucca Mountain fassen könnte.

Atomkraftwerke staatlich gefördertUnd solange keine Alternativen gefunden sind, müssen die Betreiber selbst für die Lagerung des Mülls aufkommen. Diese dürfte auch beim Kraftwerk Vermont Yankee zunächst den größten Teil der Folgekosten ausmachen. Wegen der hohen Strahlung wird die Anlage ohnehin frühestens in den 2040er-Jahren demontiert werden können.

Trotz dieser aus Betreibersicht ungünstigen Entwicklung trieb Präsident Barack Obama den Ausbau der Atomkraft in den vergangenen Jahren wieder voran, die ersten neuen Meiler werden in den kommenden Jahren ans Netz gehen. Die Gründe dafür sind dann auch eher politischer Natur: Einerseits haben auch die USA ihre Kohlendioxid-Emissionen im Blick, die sich auch bei Schiefergas nicht vermeiden lassen.

Vor allem aber gibt es in den USA große Uranvorkommen, die sich nun durch die steigenden Weltmarktpreise und neue – ökologisch bedenkliche – Fördermethoden rentabel erschließen ließen: ein weiterer Baustein einer unabhängigeren Energieversorgung, die sich Obama auf die Fahnen geschrieben hat.

AKW-Neubauten als InvestitionsruinenOb sich die neuen Kraftwerke für die Betreiber rechnen werden, zweifeln Experten zumindest an. Zwar sind die modernen Kraftwerke mit mehreren Blöcken wesentlich effektiver, als die Ein-Block-Meiler aus den 60er-Jahren. Michael Golay, Professor am Massachusetts Institute of Technology, hält Neubauten dennoch für "fragwürdig": "Die Tatsache, dass die Wirtschaft nur langsam wächst, bedeutet, dass die Notwendigkeit einer neuen Generation [von Atomkraftwerken] niedriger ist, als erwartet." Verglichen mit Gaskraftwerken rechnet die US-Energiebehörde EIA für neue Kernkraftwerke, die 2019 ans Netz gehen, mit 50 Prozent höheren Stromkosten.

Sollten sich die Kraftwerke nicht rentieren, haben die Betreiber starke Argumente dafür, dass der Staat sich an den Verlusten beteiligt, die er durch seine Förderung erst heraufbeschworen hat. Auch wenn Präsident Obama dann nicht mehr im Amt ist – die Atomkraft könnte sich auch für die Regierung als kostspielig herausstellen.

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