Verwaistes Ackerland: Investoren kehren Biokraftstoffen den Rücken

Verwaistes Ackerland: Investoren kehren Biokraftstoffen den Rücken

von Thiemo Bräutigam

Noch boomt der Markt für Biosprit. Doch vor allem die vermeintliche Wunderpflanze Jatropha wird zu einem Investitionsgrab.

Auf den ersten Blick scheint Land gerade der ganz große Renner. Internationale Investoren und Unternehmen haben sich weltweit Ackerfläche gesichert, die der Größe von ganz Deutschland entspricht. Ganze 36 Millionen Hektar Land sind von diesen milliardenschweren Bodendeals betroffen – meist in Schwellen- und Entwicklungsländern. Auf immerhin einem Viertel dieser Flächen sollen Pflanzen zur Gewinnung von Biokraftstoffen wachsen.

Insbesondere Gebiete in Afrika südlich der Sahara locken derzeit Investoren an, die auf Biosprit setzen. Das ist kein Zufall, denn in den trockenen Savannengebieten gedeiht eine Pflanze, die lange Zeit als nachhaltige Alternative zu Soja, Rohrzucker und Palmöl gepriesen wurde: Jatropha. Der stark ölhaltige Samen des Strauches macht sie zu einem begehrten Rohstoff für Biokraftstoffe.

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Mehr als Tank gegen TellerJatropha ist nicht nur sehr robust und somit in sonst schwierigen klimatischen Bedingungen einsetzbar, sondern umgeht zudem ein zentrales Problem der Biokraftstoffe: Teller gegen Tank. Unter diesem Motto kritisieren Menschenrechtsgruppen und Umweltaktivisten seit langem den Einsatz von Biokraftstoffen. Statt Pflanzen zur Nahrungsmittelproduktion zu nutzen und so gegen Hunger und Unterernährung zu kämpfen, würden sie im Tank von Autos landen, so die Argumentation der Gegner.

Die bittere Jatrophanuss kommt jedoch als Nahrungsmittel nicht in Frage. Ein Segen, der laut einer aktuellen Studie des German Institute of Global and Area Studies (GIGA), einem staatlichen Think-Tank und Forschungsinstitut in Hamburg, jetzt zum Fluch wird.

Untersuchungen von Wissenschaftlern des GIGA kamen zu dem Ergebnis, dass Jatropha-Projekte verhältnismäßig oft scheitern. Denn die Plantagen benötigen ein vergleichsweise hohes Startkapital und eine gute Ausdauer, um schließlich Rendite zu erzielen. Jeder Fünfte Investor, der den Jatropha-Hype mitnehmen wollte, um kurzfristige Gewinne zu erzielen, zog sich rasch wieder zurück – oft noch bevor die Pflanze mit fünf bis sieben Jahren erntereif wird. Ob sie dann bleiben, ist noch nicht ausgemacht – denn viele Jatropha-Planatagen werfen weniger Ernte ab, als erwartet.

"Wir gehen davon aus, dass Cowboy-Investoren dem Markt aufgrund schwieriger Investitionsbedingungen den Rücken kehren. Investoren, die die Durststrecke überlebt haben, werden jedoch dauerhaft bleiben", schreiben die Autoren in ihrer Studie.

Verbrauch steigt stark anDer Markt für Biokraftstoffe wächst. Zwischen 2007 und 2011 steigerten die Unternehmen die weltweite Produktion des grünen Sprits um 70 Prozent. Im selben Zeitraum verdoppelte sich der Verbrauch von 0,9 auf 1,9 Millionen Barrel pro Tag. Das hat zur Folge, dass immer mehr Ackerflächen zur Gewinnung von Biosprit erschlossen und von Investoren gekauft werden.

Schätzungen zufolge hat die Jatropha-Pflanze weltweit ein Anbaupotenzial von 30 Millionen Hektar. Die Kehrseite: Auch Landgrabbing, also die aggressive Landnahme durch wirtschaftlich starke Akteure, kann dadurch zunehmen. Oft mit fatalen Folgen für Umwelt und Bewohner der betroffenen Gegenden. Ausländische Investitionen bewegen sich hier auf dem schmalen Grat zwischen Entwicklungsarbeit und Ausbeutung.

Politische Rahmenbedingungen, wie Transparenz der Vergabepraxis, sind laut GIGA entscheidend. Eine ausschließlich positive Bewertung oder grundsätzliche Ablehnung von Agrarinvestititionen sei deshalb nicht sinnvoll. Von einem Diebstahl von Land könne ohnehin keine Rede sein, jedoch seien die Pachtverträge teils ohne Absprache mit derzeitgen Nutzern geschlossen worden oder es werden zu niedrige Zinsen verlangt.

Betroffene werden nicht gefragtIn den seltensten Fällen sitzt die betroffene Bevölkerung am Verhandlungstisch. Während ausländische Investoren – vermehrt übrigens auch aus Europa – mit Regierungsvetretern verhandeln, werden so die Interessen der Bewohner vernachlässigt. Das liegt auch an unzureichenden Definitionen von Landrecht in den jeweiligen Ländern. Fehlerhaft sei somit eher der politische Rahmen, als die Agrarinvestitition selbst, meinen die GIGA-Experten.

„Die Förderung von erneuerbaren Energien hat in vielen Ländern weiterhin hohe Priorität. Die Nachfrage nach Biokraftstoffen wird voraussichtlich anhalten oder sogar zu einer neuen Welle von Biokraftstoffinvestitionen führen“, heißt es in der Studie weiter. Der weltweite Hype von Biokraftstoffprojekten, insbesondere mit Jatropha, sei aber überschritten. Nun komme es zu einer Stabilisierung im Markt.

Offene Fragen bleiben dennoch: Profitieren die Produktionsländer tatsächlich von der Biokraftstoffproduktion? Sollte der landwirtschaftliche Schwerpunkt in Entwicklungsländern nicht eher der Nahrungsmittelproduktion dienen? Und sind Biokraftstoffe global gesehen tatsächlich effizient?

Wenn sich enttäuschte Investoren nach kurzer Zeit zurückziehen, bleiben die Bauern oft ratlos zurück. Das Land ist dann längst verpachtet, doch genutzt wird es nicht mehr. Für die betroffene Bevölkerung ist das alles andere als profitabel. Felder, die der Nahrungsmittelproduktion dienen, wären hier sinnvoller gewesen, bestätigt auch eine Studie der Welternährungsorganisation zur Situation in Tansania (FAO). Wegen kargen Böden und schlechter Ernten machten die Bauern mit Jatropha teils sogar Verlust.

Zwischen den Annahmen der Investoren und der Realität der Bauern liegen dabei oft Welten. 120 Dollar pro Monat könnten Bauern verdienen, fünf Mal mehr als bisher, sagen zum Beispiel niederländische Jatropha-Plantagenbetreiber. Die Bauern vor Ort berichten dagegen von Monatslöhnen um drei bis vier Euro. Kein Wunder, dass viele den Anbau aufgeben. Bei Bauern und Investoren ist der Hype mittlerweile der Ernüchterung gewichen.

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Lesetipp: Wie die einstige Wunderpflanze Jatropha vom Hoffnungsträger zur Enttäuschung wurde, beschreibt ein Artikel in der WirtschaftsWoche.

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