VW-Abgas-Manipulationen: Das Gegenteil von grün

VW-Abgas-Manipulationen: Das Gegenteil von grün

von Peter Vollmer

VW erlebt in den USA einen Skandal um manipulierte Abgastests. Und erweist damit nicht nur der Green Economy einen Bärendienst.

Software kann Autos revolutionieren. Mit Einparkhilfen, Verbrauchsoptimierung und bald auch Programmen, die das Auto von alleine fahren lassen. Das ist fahrer- und umweltfreundlich.

Die Software, die VW nun 18 Milliarden Euro kosten könnte, ist es nicht. Eine so hohe Strafe erwartet VW nämlich für ein Programm, das die Abgasbegrenzung deaktiviert. So hatten Teile der VW-Dieselflotte in den USA – etwa 500.000 Fahrzeuge – gute Zahlen bei Labortests, auf der Straße hingegen kamen ganz andere Werte heraus.

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Im Zentrum der Kritik steht eine Software, welche die US-Umweltbehörde EPA als „hoch entwickelt“ beschreibt. „Sie entdeckt, wenn das Auto offizielle Emissions-Tests durchläuft, und schaltet dann für den Test die komplette Schadstoffregulierung ein“, schreibt die EPA in einer Meldung.

Solche Software wird auch „Defeat Device“ genannt - und ist in den USA verboten. Weiter schreibt die EPA: “Die Effektivität dieser Einrichtung zur Emissionsregulierung wird in normalen Fahrsituationen umfassend reduziert. Dies führt dazu, dass das Auto Abgasstandards im Labor oder in Testsituationen einhält, aber unter normalen Bedingungen einen 40-fachen Stickstoffausstoß hat.“

Die Software erkennt unter anderem am Lenkradwinkel oder der Beschleunigung, dass sich der Wagen in einer Testsituation befindet. Ob auch andere Einstellung in die Erkennung einfließen – Klimaanlage und Radio etwa sind bei Tests ausgeschaltet – ist noch nicht bekannt.

Wozu die Manipulation dienen sollte, ist noch nicht ganz klar. Offensichtlich schränken die Sparfunktionen der Dieselfahrzeuge die Alltags-Fahrt dermaßen ein, dass sich das Risiko lohnt, hier den Sparmodus wieder abzuschalten. Solche Modi können etwa die Motorleistung beeinträchtigen.

Wenn der Sparmodus aber grundsätzlich deaktiviert werden muss, stellt sich die Frage, ob die kommunizierten Abgaswerte mit einem Dieselfahrzeug überhaupt ansatzweise einzuhalten sind. Wie sich der Treibstoffverbrauch verändert, hat die EPA ebenfalls noch nicht aufgeklärt.

Problemfall StickstoffDie NGO "International Council on Clean Transportation" (ICCT) hat im vergangenen Jahr einen Report veröffentlicht, der einige der Hintergründe des Abgasskandals erklären könnte. Die Autoren schreiben, dass Stickstoff – um den es der Umweltbehörde in diesem Fall hauptsächlich geht – nur schwierig zu filtern ist. Während der Beschleunigung wird etwa überproportional viel Stickstoff emittiert, genauer eine NOx genannte Verbindung aus Stickoxiden.

Außerdem führe eine strikte Stickstoffkontrolle zu einem höheren Treibstoffverbrauch, was wiederum alle anderen Emissionen – etwa CO2 – erhöhe. So entstehe „ein Anreiz für die Hersteller, den Treibstoffverbrauch auf Kosten der Stickstoff-Leistung zu optimieren.“

Aufgefallen war die Manipulation wohl zunächst der West Virginia University, die mit dem ICCT zusammenarbeitet. Vermutlich haben Tests, die nicht unter Laborbedingungen stattfanden, die erhöhten Schadstoffwerte ans Tageslicht gebracht – konkret will sich das ICCT noch nicht zur Entdeckung äußern. Schließlich gab die Hochschule einen Hinweis an die Umweltbehörde EPA.

„Solche Defeat Devices in Autos zu nutzen, um Luftqualitätsstandards zu umgehen, ist illegal und eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit, sagt EPA-Vertreterin Cynthia Giles. Für jedes Fahrzeug, das nicht den amerikanischen Abgasnormen entspreche, könne eine Strafe von 37.500 Dollar verhängt werden. Unter Verdacht stünden 482.000 Autos, die seit 2008 verkauft wurden - zusammengerechnet rund 18 Milliarden US-Dollar.

Großer VertrauensverlustNachdem EPA ihre Vorwürfe veröffentlichte, sackte der VW-Aktienkurs um 14 Prozent ab. Die Verkaufszahlen von VW, Audi und Co. dürften in den Staaten ebenfalls zurückgehen. Der Imageschaden ist allerdings nicht nur auf den US-Markt beschränkt. „Das Vorgehen ist nicht nur kriminell, es ist auch unglaublich dumm“, kritisiert daher die Frankfurter Rundschau. Die taz fordert nun Tests unter Straßen- und nicht mehr unter Laborbedingungen.

Allerdings geht es vorerst nur um einen Schadstoff, nämlich Stickstoff. Andere Emissionswerte dürften zwar auch höher sein als im Labor, aber nicht wegen einer betrügerischen Software. Und der hohe Stickstoffausstoß scheint auch nur ein Problem bei Diesel-Personenfahrzeugen zu sein. Ein Vertrauensverlust in die ganze Branche wäre überzogen, solange nicht auch andere Defeat Devices entdeckt werden.

Für die Green Economy ist die Manipulation trotzdem ein herber Rückschlag. Sie zeigt, dass das Kreativpotenzial einer Milliardenbranche in Manipulationssoftware verloren geht. Eine gefährliche Botschaft, denn sie lässt das Vertrauen in die Green Economy erodieren, die für umweltfreundliche Innovationen steht. Wenn Entwickler den Mut verlieren, an umweltfreundlichen Innovationen zu tüfteln, und Kunden resignieren, weil Nachhaltigkeit nicht umsetzbar scheint, dann wird der Schaden deutlich höher als 18 Milliarden Dollar sein.

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