Wärmewende: Heizen mit Grünstrom auf dem Vormarsch

Wärmewende: Heizen mit Grünstrom auf dem Vormarsch

von Wolfgang Kempkens

Immer mehr Pilotprojekte zeigen, wie man mit Wind- und Sonnenstrom Wohnungen beheizen kann. Das Potenzial für die Energiewende ist enorm.

Das oberfränkische Städtchen Wunsiedel wird zur Vorzeigeregion für erneuerbare Energien. Die 90 Millionen Kilowattstunden, die jährlich durch das Netz des städtischen Stromversorgers fließen, stammen jetzt schon zu 70 Prozent aus Windkraft- und Solaranlagen. Deutschlandweit sind es gerade einmal 30 Prozent.

Inzwischen produzieren die Ökostromer um Wunsiedel aber so viel Elektrizität, dass sie in die Überlandnetze eingespeisen müssen, weil der Strom vor Ort nicht mehr verbraucht werden kann. Künftig sollen ihn die Kunden aber wieder vor Ort nutzen.

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Windräder liefern WärmeDazu brauchen die Stadtwerke Wunsiedel (SSW) ausgerechnet die häufig als unökologisch verurteilten elektrischen Heizungen. 570 Haushalte haben dieser vermeintlich veralteten Technik die Treue gehalten, teilweise auch mit modernen Systemen wie Wärmepumpen.

Haushalte, die sich an dem Projekt beteiligen wollen, rüstet die SSW bei Bedarf auch mit neuartigen Heizungen aus, die die Wärme in einen Eisenoxidspeicher aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben können. Entwickelt hat die Technik das Unternehmen GlenDimplex aus dem bayerischen Kulmbach.

Die Heizkörper werden an eine Art WLAN-Router angeschlossen, auf den die SSW Zugriff hat. Die Stadtwerker können die Heizungen immer dann mit Wärme aufladen, wenn überschüssiger Strom vor allem aus Windenergieanlagen zur Verfügung steht.

Umgekehrt wird der Wärmespender von der Stromzufuhr abgeschnitten, wenn zu wenig elektrische Energie im Netz verfügbar ist. Auch Wärmepumpen und elektrisch betriebene Boiler für warmes Brauchwasser lassen sich über das SSW-System steuern.

Dabei soll sichergestellt sein, dass die Bewohner nicht frieren oder kalt duschen müssen. Über einen Touchscreen kann der Hausbesitzer das System beeinflussen und entscheiden, wie viel Wärme er braucht und nutzen möchte.

Die Leistungsaufnahme aller elektrischen Wärmegeräte in Wunsiedel liegt bei fünf Megawatt, was immerhin der Leistung einer großen Pufferbatterie entspricht, die gebaut werden, um das Stromnetz zu stabilisieren.

Während die Riesenakkus jeweils mehr als fünf Millionen Euro kosten, lässt sich das Wunsiedeler System prinzipiell mit den vorhandenen Geräten realisieren. Lediglich Soft- und Hardware für das Energiemanagement müssen beschafft werden.

Elektroheizungen mit riesigem PufferpotenzialWunsiedel ist aber nicht allein, was die Nutzung von Grünstrom zum Heizen angeht. Auch Siemens und der Energieversorger RWE haben in einer 20 Jahre alten Wohnsiedlung im Essener Stadtteil Stoppenberg ein ähnliches System in 50 Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäusern getestet. Das Projekt mit dem sprechenden Namen "Windheizung" wurde im vergangenen Jahr erfolgreich abgeschlossen.

Die teilnehmenden Haushalte in Essen sind mit Fußbodenheizungen ausgerüstet, die ursprünglich mit Nachtstrom betrieben wurden. Das Essener Unternehmen Tekmar rüstete die Heizungen mit neuen Reglern aus, die nicht von einer Zeituhr gesteuert werden, sondern per Funk vom Stromversorger. Dieser gibt den Ladestrom immer dann frei, wenn Wind und Sonne im Überfluss produzieren. Auch in Meckenheim bei Bonn erhielten 30 Häuser eine ähnliche intelligente Heizungsregelung über das RWE-Projekt.

Nachtspeicheröfen sind auch auf der Nordseeinsel Pellworm weit verbreitet, wo sie als Puffer für überschüssigen Ökostrom genutzt werden und zu einer 100 Prozent erneuerbaren Energieversorgung beitragen.

Nach Angaben des Bundes der Energieverbraucher heizen in Deutschland rund zwei Millionen Haushalte mit Strom. Eine Hochrechnung auf der Basis der Daten aus Wunsiedel ergäbe einen Pufferspeicher mit 18.000 Megawatt Leistung, das ist mehr als das Doppelte aller deutschen Pumpspeicherkraftwerke. Im Gegensatz zu diesen können die Heizungen den Strom allerdings nicht wieder abgeben.

„Das Gelingen der Energiewende hängt davon ab, ob wir es schaffen, die Stromerzeugung und den Verbrauch zu synchronisieren“, sagt SSW-Geschäftsführer Marco Krasser. Das bedeute auch, die Investitionen in das Stromnetz mithilfe von Lastenverschiebung so wirtschaftlich und effizient wie möglich zu gestalten. Denn je mehr Strom vor Ort produziert und verbraucht wird, je weniger Stromnetze müssen für den Transport der Elektrizität über weite Strecken gebaut werden.

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