Wüstenstrom-Projekt: Warum Desertec nicht gescheitert ist

Wüstenstrom-Projekt: Warum Desertec nicht gescheitert ist

Viele Kritiker sagen, das Wüstenstromprojekt Desertec sei im Sand verlaufen. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Gastbeitrag

Am 13. Juli 2009 versetzte eine Mitteilung die Teilnehmer einer Pressekonferenz in München in Aufregung, deren gewaltiges Echo die Urheber selbst am meisten überraschte: "Unternehmen planen Gründung einer ‚Desertec Industrial Initiative‘“ war sie lapidar überschrieben.

Ziel der Initiative sei die „Analyse und Entwicklung von technischen, ökonomischen, politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen zur CO2-freien Energieerzeugung in den Wüsten Nordafrikas“, hieß es in dem Schreiben.

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Der Plan: Bis 2050 sollte eine Kette von Ökokraftwerken am Südufer des Mittelmeeres entstehen. Es sollte aber nicht nur ums Geschäft gehen. Zu den weiteren Zielen gehörte die „Energiesicherheit in der EU und der Mittelmeerregion, Entwicklungschancen für die Mittelmeeranrainer in Nordafrika, die Sicherung der Trinkwasserversorgung durch Meerwasserentsalzung und ein Klimaschutzbeitrag.“

Das waren hehre Ziele.

Heute, fast sechs Jahre nach Veröffentlichung des Planes für ein Projekt, das später als Desertec bekannt werden sollte, ist Ernüchterung eingetreten.Viele Beobachter meinen sogar, dass es gescheitert sei. Aber das ist nicht der Fall. Desertec war sogar ein Erfolg. Warum, möchte ich im Folgenden erläutern.

Hype um Desertec-ProjektDie Dii, so das inzwischen weit bekannte Firmenkürzel, ist von 60 zwischenzeitlich erreichten Gesellschaftern und Partnern aus 16 Ländern auf drei (aus drei Ländern) geschrumpft und nach Dubai umgezogen, wo sie als Beratungsfirma die Vision vom Wüstenstrom weiter vorantreiben will.

Im Sommer 2009 brach ein schier unglaublicher Medien-Hype los. Die Idee des Club-of-Rome-Mitglieds Gerhard Knies zog Beobachter anscheinend magisch in ihren Bann. Denn nicht nur Journalisten lieben Superlative.

Die einen sahen im Desertec-Projekt die „größte technische Herausforderung seit dem Apollo-Programm“ andere eine „Herkulesaufgabe“ oder das „größtes Industrievorhaben der Geschichte“; ein sensationsheischender Großbegriff jagte den nächsten.

Bald waren den Autoren der Mitteilung (und den Dii-Mitarbeitern) die marktschreierischen Attribute eher peinlich, hatten sie doch übertriebene Erwartungen geweckt: Als seien auf dem  Dii-Konto die Milliarden für die Projekte schon eingegangen, oder, als käme übermorgen der erste Wüstenstrom aus deutschen Steckdosen.

Rund 70 Projekte in PlanungIm Gegenteil: Für die kleine Dii-Gruppe begannen die Mühen der Ebene. In nüchternen Arbeitsgruppen analysierten in einem Münchener Büro-Altbau 35 Fachleute die Realisierung der Desertec-Vision – insgesamt fast fünf Jahre lang, und mit besseren Ergebnissen, als vor kurzem von manchem behauptet.

Denn der erarbeitete Datenberg ist mindestens so imposant wie der Werbeerfolg für die Erneuerbaren Energien, nicht nur in der Mittelmeer-Region, die auch als MENA-Region bekannt ist.

Im der Rückschau von Dii-CEO Paul van Son klingt das so: „Wüstenstrom wurde durch das Projekt tatsächlich als langfristig wirtschaftliche Option für die Energieversorgung in fast allen Ländern 'salonfähig'.“ Und er fügt an: „Inzwischen sind in der MENA-Region Ökostrom-Kraftwerke mit rund drei Gigawatt in Betrieb, bis 2020 sollen es mehr als 30 Gigawatt sein.“

Referenzprojekt fehlteDie bei der Gründung der Dii definierte Aufgabe bestand aus drei Teilen:

1. Für die einzelnen Länder sollten die Fachleute den besten Energiemix aus Konzentrierter Solarenergie (CSP) oder Photovoltaik (PV), Windenergie oder Geothermie definieren.

2. Die Fachleute sollten ein Referenzprojekt vorbereiten; es sollte bewusst kein Pilotprojekt der Dii sein, denn die verstand sich nicht als Marktteilnehmer. Vielmehr sollte die Dii eine Art Think Tank sein.

3. Hinzukommen sollte ein Rollout-Plan mit einer Perspektive für die Nutzung des Wüstenstroms bis 2050.

Diese drei Aufgaben sind nach Ansicht der Beteiligten auch mehr oder weniger gut gelöst worden, was die Berge an Studien und Untersuchungen bezeugen, die die Mitarbeiter in München produzierten. „Punkt zwei hätten wir allerdings weiter bringen sollen und können“, sagt ein Ex-Dii-Mitarbeiter.

Dass dieses Referenzprojekt fehlte, hat viel zum negativen Eindruck in der Außenwahrnehmung von Desertec beigetragen. Teilweise führten auch Falschinformationen zu diesem schlechten Eindruck. Zum Beispiel, dass die deutsche Industrie- und Finanzwirtschaft entschlossen sei, 400 Milliarden Euro in den Aufbau eines Verbundsystems zwischen der EU und Nordafrika zu investieren. Eine solche Zusage hat nie gegeben.

Ausbau der Erneuerbaren geht voranDie Dii hatte in den vergangenen Jahren viele Stürme zu überstehen: Es gab Querelen innerhalb der Mannschaft, einseitige Interessen und Eingriffsversuche der beteiligten Unternehmen, die Wirren des arabischen Frühlings. Dennoch wurde die Dii, zunächst für nur drei Jahre gegründet, Ende 2013 um zwei Jahre verlängert.

Auch Dii-Mitgründer Jochen Kreusel vom Schweizer Technikriesen ABB sieht die Dii-Mission weitgehend erfüllt: „Im Vergleich zu 2009 ist der Ausbau der Erneuerbaren spürbar in Gang gekommen. Rund 70 Projekte sind in der MENA-Region inzwischen realisiert oder in Umsetzung. Darüber hinaus haben die umfangreichen Dii-Studien Klarheit über den Nutzen einer Vernetzung Europas mit der MENA-Region geschaffen.“

Nach fünf Jahren Jahren Desertec lässt sich also sagen: Das Projekt ist nicht im Treibsand verschwunden, sondern das erarbeitete Wissen wirkt bis heute nach und treibt die grüne Entwicklung im Mittelmeerraum und der arabischen Welt insgesamt voran.

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Der Autor Gerhard Hofmann leitet die Agentur Zukunft, eine Beratung für Zukunftsfragen. Er arbeitete auch als Berater für die Dii und betreut aktuell mit der Max-Planck-Gesellschaft das Internetportal www.solarify.eu.

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