Wüstenstromprojekt in Tunesien: England soll Energie aus Afrika bekommen

Wüstenstromprojekt in Tunesien: England soll Energie aus Afrika bekommen

von Wolfgang Kempkens

In Deutschland ist das Projekt Desertec gescheitert. Bald könnten die Engländer Sonnenenergie importieren.

Kaum ist das deutsche Projekt Desertec, das Strom aus den Wüsten Nordafrikas, nach Europa bringen sollte von den beteiligten Unternehmen beerdigt worden, gibt es schon die nächste Wüstenstromidee für Europa. Dafür soll das mit Abstand größte Solarturmkraftwerk der Welt in Tunesien gebaut werden. Mit einer Leistung von 2000 Megawatt wäre es deutlich größer als ähnliche Anlagen wie Andasol in Spanien.

Der Plan: Per Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) wird die Energie zuerst nach Mittelitalien transportiert. Letztlicher Nutznießer ist Großbritannien, das das Vorhaben mitfinanzieren soll. 9,5 Milliarden Kilowattstunden sollen jährlich auf Umwegen ins Inselreich fließen, das ist ungefähr die Strommenge, die ein großes Kernkraftwerk jährlich produziert. 2,5 Millionen britische Durchschnittshaushalte können damit versorgt werden. Wie beim Kraftwerk Andasol, das aus drei 50-Megawatt-Blöcken besteht, sind auch in Tunesien Salzspeicher geplant, in denen Wärme für die Nacht gepuffert wird, so dass der Stromfluss nie stoppt.

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Desertec in Klein2016 soll der Bau von Tunur beginnen, wie das Projekt heißt, und 2018 der erste Strom fließen. „Tunur ist ein seriöses Projekt“, beteuert der in Deutschland geborene Tunur-CEO Kevin Sara. „Natürlich ist es mit Risiken verbunden. Doch das gilt für alle Großprojekte.“

Der Hintergrund für den Vorstoß von Tunur: Erst kürzlich ermöglichte es die britische Regierung, dass auch Energieprojekte im Ausland von Förderung profitieren können. Vorausgesetzt, der Strom kommt am Ende wirklich auf der Insel an.

Die Kraftwerksblöcke sollen in Rijm Maatoug südlich der tunesischen Hauptstadt Tunis auf einem Areal entstehen, das mit rund 90 Quadratkilometern der Fläche der rheinischen 150.000-Einwohner-Stadt Neuss entspricht. Die Kabel, die in einen Graben auf dem Meeresgrund verlegt werden, enden in Montalto di Castro rund 100 Kilometer nordwestlich von Rom.

Mit dem italienischen Netzbetreiber Terna gebe es bereits eine Übereinkunft über die Einspeisung des Stroms ins Netz, sagen die Tunur-Verantwortlichen. Zur Realisierung des Projekts haben sich die britischen Projektentwickler Low Carbon und Nur Energie zusammengetan.

Kosten von 15 Milliarden EuroVerglichen mit den deutschen Desertec-Plänen ist Tunur deutlich kleiner. Desertec sollte eine Leistung von mehr als 50.000 Megawatt haben und 400 Milliarden Euro kosten. Allerdings sollte der meiste Strom auch in Nordafrika selbst verbraucht werden.

Daran gemessen dürften für das tunesische Projekt Investitionskosten von 15 Milliarden Euro anfallen. Setzt man zehn Prozent pro Jahr für Zinsen und Tilgung an, würde die Kilowattstunde rund 15 Eurocent kosten. Das sei immerhin konkurrenzfähig zu Offshore-Windanlagen, wie die Initiatoren beteuern. Das neue Atomkraftwerk im britischen Hinkley Point erhält von der Regierung zugesagte elf Cent pro Kilowattstunde.

Vorgesehen für Tunur sind Solarturmkraftwerke. Bei dieser Technik konzentriert ein riesiges Spiegelfeld die Strahlen der Sonne auf den Receiver an der Spitze eines Turms, der mit keramischen Formkörpern gefüllt ist. Luft, die hindurch geblasen wird, erhitzt sich auf bis zu 900 Grad Celsius. Diese Energie wird zur Dampferzeugung genutzt, der einen Turbogenerator antreibt.

Ein Teil der Wärme wird in riesigen Speichern in Form von flüssigem Salz zwischengelagert. Mäandernde Rohre, durch die heiße Luft aus dem Receiver strömt, erhitzen das Salzbad. Nachts fließt Wasser durch die Rohre, das sich in Dampf verwandelt und auf die Turbine geleitet wird.

Alle bisher gebauten, größer dimensionierten Solarwärmekraftwerke arbeiten nicht mit einem Turm, sondern nach dem Parabolrinnenprinzip. Riesige gewölbte Spiegel konzentrieren die Sonnenstrahlen auf ein Rohr in der Brennlinie, durch das ein Thermoöl fließt. Es erhitzt sich auf relativ bescheidene 400 Grad Celsius. Der in einem Wärmetauscher produzierte Dampf entspricht nicht den Anforderungen einer modernen Turbine. Nötig ist eine teure Spezialanlage. Den Dampf aus Solarturmkraftwerken verarbeiten dagegen kostengünstige Serienturbinen.

Planta Solar 20, das größte bisher gebaute Solarturmkraftwerk in Europa, läuft in Spanien und hat eine vergleichsweise bescheidene Leistung von 20 Megawatt. Errichtet hat es das spanische Unternehmen Abengoa. Ob es auch in Tunesien zum Zuge kommt, ist noch offen. Die Ausschreibung hat noch nicht begonnen. Auch ein erster Teil des Turmkraftwerks Ivanpah produziert in der Wüste Kaliforniens schon Strom. Es soll bei Fertigstellung 369 Megawatt Leistung haben.

Auch hierzulande gibt es ein Vorhaben, das Ausland stärker in die Stromversorgung einzubinden: Das Stromkabel, das Deutschland und Norwegen verbinden soll – der Bau ist gerade beschlossen worden – hat eine Leistung von 1400 Megawatt. NordLink, wie es heißen soll, schafft überschüssigen Wind- und Solarstrom nach Norwegen. Dort wird er genutzt, um Speicherseen zu füllen. Bei Strommangel in Deutschland kehrt der zwischengelagerte Strom heim.

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