Zukunft der Windkraft: Schwimmende Anlagen und Schaufensterprojekte

Zukunft der Windkraft: Schwimmende Anlagen und Schaufensterprojekte

von Angela Schmid

Viele Pläne, viele Hürden: Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer des Clusters Erneuerbare Energien Hamburg.

„Die Windenergie der Zukunft wird effizienter, attraktiver und aus dem Alltag der Menschen nicht mehr wegzudenken sein.“ Ein starkes Statement, aber was soll Jan Rispens, Geschäftsführer des 2011 gegründeten Clusters Erneuerbare Energien Hamburg (EEHH-Cluster), auch anderes sagen.

Doch die Konzepte klingen tatsächlich spannend: Es werde schwimmende Offshore-Anlagen geben oder Windtürme im Legobauprinzip, aus Holz und mit Flugzeugradar. Flächen gebe es On- wie Offshore noch genug. Und auch die Überholung der ersten alten Windenergieanlagen (WEA) dürften die Leistungsfähigkeit der Windkraft steigern.

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Anlass unseres Gesprächs ist der heutige bundesweite Tag der Erneuerbaren Energien. Er erinnert jährlich am letzten Sonnabend im April an die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vom 26. April 1986. Und die Windkraftbranche will Lösungen bieten, die Atomstrom möglichst schnell vergessen machen sollen.

Rund 3000 Megawatt (MW) installierte Leistung gibt es zurzeit in Nord- und Ostsee. Bis 2030 soll dies bis auf 15.000 MW ausgebaut werden. „Da ist noch ein ordentliches Mengenpotential.“ Zudem sind die WEA heute wesentlich effizienter und der Strom ist damit günstiger zu produzieren. An guten Standorten seien die Kosten für die Stromerzeugung von etwa 20 Cent pro Kilowattstunde vor rund 20 Jahren auf etwa fünf, sechs Cent pro Kilowattstunde gesunken. „Das ist eine gewaltige Entwicklung.“

Schwimmende Windanlagen kommen

Einen weiteren Schub erhoffe man sich von schwimmenden WEA. Die Rechnung ist einfach: Auf dem offenen Meer weht der Wind stärker als in Küstennähe, daher ist der Energiebetrag höher, je weiter entfernt Windenergieanlagen von der Küste stehen. Allerdings können ab rund 50 Meter Wassertiefe keine fest im Meeresboden verankerten Fundamente mehr gebaut werden. Deshalb werden derzeit verschiedene Ansätze und Techniken für schwimmende Konstruktionen entwickelt.

Als Vorbild gilt eine Anlage des norwegischen Energieunternehmens Statoil, die bereits 2009 in Kooperation mit Siemens installiert wurde. (Siehe Foto.) Weitere Projekte gibt es bereits vor den Küsten Portugals und Japans. Das Hauptproblem: Noch ist die Technik zu kostenintensiv, da überwiegend teurer Stahl für schwimmende Fundamente verwendet werden muss. Die Unternehmen setzen ihre Hoffnung auf günstigeren und leichteren Beton.

Ausschreibungsmodell statt BürgerwindparksViele Pläne also, die die Branche allerdings durch die neue EEG-Novelle in Gefahr sieht. Denn die Bundesregierung will den Ausbau drosseln und zudem den Preis für Strom künftig durch Ausschreibungen ermitteln. „Das kann funktionieren, auch wenn es ein kompliziertes Unterfangen ist“, schätzt Rispens.

Zwar glaube man in seinem Cluster „prinzipiell, dass es ein Weg sein kann, wenn die Modalitäten vernünftig ausgestaltet werden.“ Daran hat er jedoch seine Zweifel. Viel zu schnell werde das Gesetz aus seiner Sicht durch die Instanzen gewunken.

Dabei könnten die Bürgerwindparks auf der Strecke bleiben - eine Vermutung, die nicht nur aus der Wind-Branche selbst kommt. Die Marktvielfalt werde auf jeden Fall kleiner. Das sei auch schade, weil viele Bürger sich gegen einen Ausbau in ihrer Nähe aussprächen. Gerade an der Westküste Schleswig-Holsteins, der Wiege der Windenergie, nehmen die Proteste nach einem massiven Ausbau der Windenergie zu.

„Es ist ein Spannungsfeld, das sich vermutlich noch verstärken wird“, schätzt Rispens. Eine Alternative sieht er nicht - Länder und Kommunen müssten den Spagat zwischen den Zielen der Bundesregierung und dem Protest in den Kommunen aushalten. Denn auch wenn es paradox klingt - der heimische Markt ist wichtig für den Export.

Die herstellende Industrie hat schon länger eine Exportquote von etwa 80 Prozent. Zuletzt hat Siemens mit 102 Sieben-MW-Windturbinen für das Projekt East Anglia ONE vor der britischen Küste einen Großauftrag an Land gezogen hat. Der deutsche Markt ist für die Hersteller aber nach wie vor ein Schaufenstermarkt, um der Welt zu zeigen, was die Anlagen leisten können. Rispens: „Wenn auf dem Heimatmarkt etwas nicht funktioniert, dann fehlt die Möglichkeit für Referenzen.“

Und das gilt nicht nur für die Wind-Branche. Die Anlagen liefern Überschussstrom, der aufgrund von überlasteten Netzen nicht produziert, aber vergütet wird. Verbranntes Geld, dabei könnte dieser in Batterien gespeichert oder für die Erzeugung von Wasserstoff und Methan genutzt werden. Bisher werden für netzbedingt stillstehende Anlagen häufig fossile Kraftwerke hochgefahren werden. Die Betreiber dieser Kraftwerke werden bezahlt, die Kosten über die Stromrechnung auf die Verbraucher umgelegt. „Es gibt viele Unternehmen in Hamburg, die den Strom zur Gewinnung von Prozesswärme einsetzen möchten“, so Rispens. Durch die anfallende Netzgebühr ist das aber unwirtschaftlich. „Da ist noch viel Arbeit zu leisten.“

Welche Innovationen die Branche konkret im Köcher hat, können Sie Montag an dieser Stelle lesen.

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