Trinkwasser: So gefährlich sind Medikamentenreste

Trinkwasser: So gefährlich sind Medikamentenreste

Gefährden wir mit Medikamenten unser Trinkwasser? Unsere Gastautoren Martina Winker und Konrad Götz gehen der Sache auf den Grund.

Von Martina Winker und Konrad Götz, Forscher am ISOE - Institut für Sozial-Ökologische Forschung, Frankfurt am Main. Winker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ISOE im Forschungsschwerpunkt Wasserinfrastruktur und Risikoanalysen, Götz arbeitet dort im Forschungsschwerpunkt Mobilität und Urbane Räume.

Wenn die Naturwissenschaftlerin oder der Sozialforscher auch mal Party machen und den Beruf vorübergehend vergessen wollen, dann geht es uns oft wie Ärzten oder Anlageberatern bei geselligen Anlässen. Denen antwortet gerne mal ein Gast auf die Frage nach dem Beruf: „Ach, Sie sind Anlageberater, da können Sie mir doch sicher erklären wie…?“ oder „Internist, wie interessant! Wissen Sie, ich habe da seit einiger Zeit solch ein komisches Ziehen…“.

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Wenn wir verraten, dass wir zum Thema Medikamentenrückstände im Trinkwasser und den damit verbundenen Risiken forschen, stellen wir verdutzt fest, dass plötzlich nicht mehr Small Talk, sondern verantwortungsvolle Lebensberatung angesagt ist. "Eigentlich hätte ich jetzt auch mal gerne Feierabend", denken wir. Aber statt in ausweichendes Fachchinesisch zu verfallen, reißen wir uns zusammen und versuchen, die komplexe Materie einfach und verständlich zu erklären.

Alles halb so wild – für den MenschenDenn unsere Mitmenschen sind beunruhigt. Angesichts von Pressemeldungen und Fernsehfilmen über die schleichende Zunahme mehr oder minder gefährlicher Spurenstoffe im Wasser, suchen sie nach einer Expertenmeinung jenseits von beschwichtigenden Plattitüden und reißerischen Aufmachern. Schließlich wollen sie sich und ihre Lieben keinen Gefahren aussetzen.

Doch wie groß ist die Gefahr wirklich, die von Spurenstoffen im Wasser ausgeht? Existiert sie tatsächlich oder ist die Aufregung nur auf die Lobbyarbeit von Umwelt- und Tierschutzaktivisten zurückzuführen, die meinen, gegen die ach so mächtigen Pharmakonzerne endlich einen guten Hebel gefunden zu haben? Oder stecken die Wasserwerksbetreiber dahinter, in der Hoffnung, über diese Schiene Gelder für teure Investitionen locker zu machen, um auch so eine schicke neue Aufbereitungsanlage wie in der Nachbargemeinde bauen zu können?

Nüchtern betrachtet können wir Entwarnung geben. Es besteht keine direkte Gefahr für den Menschen. Auch die abnehmende Zahl von Spermien bei Männern ist nie kausal auf Medikamentenrückstände zurückgeführt worden.

Für kleinere Lebewesen sieht die Lage etwas anders aus: Männliche Frösche, die sich in von der Antibabypille hormonell belastetem Wasser aufhalten, quaken deutlich unmännlicher, sodass sich die Weibchen zur Fortpflanzung lieber Partner mit ausgeprägterem Quakton suchen. Das hat Einfluss auf die Population. Gut zu sehen ist dies in dem ZDF-Film “Immer mehr Chemikalien im Trinkwasser“. Bei Fischen führte das in Antibabypillen eingesetzte Östrogen im Experiment zu einer Verweiblichung.

Behörden setzen auf VorsorgeFolgerichtig hat die EU deshalb beschlossen, zwei Hormone, darunter den Antibabypillen-Wirkstoff und Diclofenac, unser aller Lieblingsschmerzmittel bei Gelenk- und sonstigen Gliederschmerzen, europaweit auf Grundlage der Wasser-Rahmenrichtlinie unter Beobachtung zu stellen.

Das Umweltbundesamt (UBA) – Deutschlands oberste Autorität in Sachen Umweltschutz – ist auch der Ansicht, dass gegenwärtig für Menschen keine akute Gefahr von Spurenstoffen im Wasser ausgeht. Das UBA verbindet diese Aussage aber mit der klar vorgetragenen Position, vorbeugendes Handeln sei angesagt um unser Wasser – und dadurch auch wieder uns Menschen – vor möglichen Gefahren zu schützen.

Diese Haltung basiert auf dem Vorsorgeprinzip und ist nicht eine Erfindung übertrieben sensibler Gutmenschen, sondern herrschendes europäisches Umweltrecht. Vorsorgend handeln bedeutet für die Wissenschaft, dass sie auch über das forscht, was in Zukunft sein könnte. Damit das kein blindes Stochern im Nebel ist, stellt sie Hypothesen auf. Beispielsweise gibt es in Deutschland etwa 30.000 Präparate mit 2.600 Wirkstoffen - davon konnten 190 im Wasserkreislauf nachgewiesen werden. Eine Hypothese dazu lautet, dass diese miteinander in Wechselwirkung treten könnten. Von solchen möglichen Cocktailwirkungen würden wir nichts erfahren, wenn sich die Forschung lediglich auf Einzelstoffe konzentrieren würde.

Unklare LangzeitwirkungenEin anderer weißer Fleck auf der Forschungslandkarte ist das Thema Langzeitwirkung, unter Experten "chronischer Effekt" genannt. Also die Frage, ob der regelmäßige Konsum winzig kleiner Pharmakonzentrationen über einen langen Zeitraum, z.B. mehrere Jahrzehnte, schädlich für den Menschen ist. Ein weitere Hypothese, die gegenwärtig geprüft wird, lautet, dass die immer intensivere Behandlung unseres Wassers mit immer neuen Reinigungsstufen (z.B. mit Ozon), Rückstände zum Beispiel von Röntgenkontrastmitteln zwar immer besser herausfiltern, dass dies aber zu Umwandlungsprodukten führt, die für die Umwelt wiederum schädlich sein können.

Um derartige Hypothesen zu testen und um herauszufinden, welche vorsorgenden Maßnahmen überhaupt in Betracht kommen, gibt es aktuell eine Vielzahl von deutschen und internationalen Forschungsprojekten - z.B. die vom BMBF finanzierten Forschungsprojekte im Verbund RiskWa oder die EU-Projekte des Pharma Clusters. Sie alle haben die Aufgabe, adäquate Maßnahmen zum Schutz der Gewässer zu entwickeln. Das reicht von der Entwicklung neuer umweltfreundlicher Wirkstoffe über die Schulung von Ärzten, Kommunikationskampagnen für Patienten bis hin zur korrekten Entsorgung der Reste (PDF) und effizienten Elimination der ausgeschiedenen Reststoffe im Abwasser (PDF).

Abwarten bis Wissenschaftler und Politiker die perfekten Lösungen gefunden haben müssen wir allerdings nicht. Schon jetzt können wir dazu beitragen – ganz im Sinne des Vorsorgeprinzips – dass Gefahren erst gar nicht entstehen. Denn so viel hat die Wissenschaft bereits herausgefunden: Für den größten Eintrag pharmazeutischer Rückstände in die Umwelt sind wir selbst verantwortlich. Zum einen durch die Ausscheidung von im Körper nicht verwendeten Arzneimittel-Wirkstoffen über den Urin. Zum anderen – das ist der mengenmäßig deutlich kleinere Anteil - gelangen Rückstände durch die falsche Entsorgung von Arzneimittelresten in der Toilette oder der Spüle ins Abwasser.

Umdenken beim Arztbesuch"Was kann ich also tun?", fragt unser jetzt schon leicht entnervter Gesprächspartner. Soll ich etwa Fröschen beim Quaken helfen? "Viel einfacher", antworten wir. Nicht jede Art von Grippe verlangt nach einem Antibiotikum, denn das hilft nicht gegen Viren, sondern nur gegen Bakterien. Wichtig ist auch ein Umdenken beim Arztbesuch: Nicht immer müssen wir die Praxis mit einem Rezept verlassen.

Ein weiterer Rat: Immer die kleinste Packungsgröße verlangen, die für eine erfolgreiche Therapie ausreicht. Keine Medikamente horten. Den Arzt darauf hinweisen, dass Sie noch gültige Restbestände eines Medikaments haben, die für eine anstehende Behandlung genutzt werden können. Bei eher harmlosen Krankheiten überlegen, ob es nicht Alternativen zur sofortigen Medikamenteneinnahme gibt. Werfen Sie Medikamentenreste nicht in die Toilette, sondern entsorgen Sie sie mit dem Hausmüll. Es ist ja prima, dass wir alle die Glasfläschchen und die Papierverpackungen recyceln wollen. Aber meist bleibt dann der flüssige Rest übrig. Schütten Sie diesen auf ein saugfähiges Papier und werfen Sie es in den Restmüll. Dann wird er nämlich verbrannt und gelangt nicht in unsere Gewässer.

Und wenn unser Gegenüber auch jetzt noch nicht genug hat, machen wir ein wirklich großes Fass auf: Kaufen Sie bewusst ein, lautet unser Rat. Es ist doch eigentlich logisch, dass Billigfleisch nur unter Einsatz von großen Mengen Medikamenten in der Tierhaltung hergestellt werden kann. Den Rest kann sich jeder selbst denken….

Unser Gesprächspartner macht endlich einen zufriedenen Eindruck und zieht weiter. Und wir? Wir fühlen uns nach diesem kleinen Exkurs gut, läuten endgültig den Feierabend ein und sind einmal mehr froh über unseren Beruf. Denn die Anlageberaterin hat sich jetzt in den Fallstricken der Finanzkrise verheddert und der Internist zappelt in den Fängen eines weiteren medizinischen Laien, der dank der Medizinseiten des Internets meint, sich bestens auszukennen.

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