Umwelt: Fünf Wege aus der Klimafalle

Umwelt: Fünf Wege aus der Klimafalle

Das größte Problem der Klimapolitik derzeit? Der Wohlstand der Gegenwart ist wichtiger als die Klimaprobleme der Zukunft. Dennoch gibt es Lösungen.

Von Franz Josef Radermacher. Der Ökonom und Mathematiker arbeitet als Professor für Informatik an der Universität Ulm. Er engagiert sich seit Jahren für eine ökosoziale Marktwirtschaft und für die Global Marshall Plan Initiative, die für eine gerechtere Globalisierung eintritt.

Die internationalen Klimaverhandlungen kommen nicht richtig vorwärts. Zehntausende reisende Unterhändler, drängende NGOs und kommentierende Journalisten und allenthalben Frust, da der Umfang an Klimagasemissionen unentwegt wächst. Viele Beobachter haben das Zwei-Grad-Ziel längst aufgegeben und argumentieren nicht mehr für mehr Klimaschutz, sondern für den Schutz der Bevölkerung vor den Folgen einer nicht mehr zu verhindernden Klimakatastrophe.

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Es gibt noch eine Chance mit neuen Ansätzen: nämlich mit mehr systemische Intelligenz, die die Weltgemeinschaft aus dem Hamsterrad der bisherigen Verhandlungslogik herausbringt.

Die bisherige Verhandlungslogik der Klimagipfel zielt auf die Drosselung der weltweiten Klimagasemissionen auf ein genügend niedriges Niveau, um insgesamt im Rahmen eines sich ständig verringernden Gesamtbudgets noch zulässiger Emissionen zu verbleiben. Gestritten wurde all die Jahre über die Größe des Gesamtbudgets, seine Aufteilung auf die Staaten und begleitende Finanztransfers von Nord nach Süd. Ein tragfähiger Kompromiss kam nie zustande.

Beharren wird zum ultimativen KlimarisikoHeute ist ein Klimaabkommen gemäß dieser Logik sachlich unmöglich, weil die Drosselung mittlerweile so weit gehen müsste, dass sie weltweit den Wohlstand und in den aufholenden Ländern die legitimen Wachstumsambitionen verunmöglichen würde. Das kann keine politische Führung gegenüber ihrer Bevölkerung verantworten. Der Wohlstand der Gegenwart ist kurzfristig wichtiger als potenzielle Klimaprobleme in der Zukunft.

Deshalb braucht die Welt einen neuen Verhandlungsansatz und einen starken Joker, verbunden mit der Erkenntnis, dass das Beharren auf dem bisherigen Lösungsansatz zum ultimativen Klimarisiko wird. Eine immer stärkere Drosselung unter Beachtung des immer kleiner werdenden Restbudgets an verkraftbaren Emissionen reicht nicht mehr aus. So viel wie notwendig wäre, kann kurzfristig gar nicht gedrosselt werden.

Die neue Aufgabe besteht darin, den CO2-Gehalt der Atmosphäre aktiv zu managen. Die CO2-Bilanz hat zwei Seiten, nicht nur die Seite der Klimagasemissionen, sondern auch die Seite des Herausholens von CO2 aus der Atmosphäre. Letzteres muss in Zukunft massiv geschehen, um Zeit zu gewinnen für den natürlich unverzichtbaren Umbau der weltweiten Wertschöpfungssysteme.

Wenn all das zusammen kommt, gibt es fünf Wege, wie sich das Klima doch noch retten lässt.

1. China und die USA werden zu VorreiternEine mögliche neue Logik für einen Weltklimavertrag, ein pragmatischer Ansatz, wurde in Kopenhagen in einer Absprache zwischen China und den USA entwickelt. Das gilt es zu würdigen, weiterzuverfolgen und umzusetzen. Ein derartig pragmatischer Vertrag ist auch jetzt noch möglich, auch wenn er zugegebenermaßen unvollständig ist. Die von China und den USA angedachte Kopenhagenformel ist ein realistischer Kompromiss, welcher die Kyotoformel, die in Doha in letzter Minute für die Übergangszeit verlängert wurde, klug fortschreibt und geeignet ist, als Basis für einen Weltklimavertrag, der 2015 unterschrieben werden könnte, um 2020 (oder auch früher) in Kraft zu treten. Er würde eine wesentliche Verbesserung der Kyotoformel gemäß folgender Logik bringen:

Industrieländer senken ihre Emissionen absolut ab und erklären selber wie viel. Nicht-Industrieländer senken ihre Emissionen relativ zu ihrer wirtschaftlichen Wachstumsrate ab und erklären selber wie viel. Freiwillige Zahlungen industrialisierter Länder in einen Klimafonds zu Gunsten nicht-industrialisierter Ländern sollen diesen helfen, sich zu beteiligen.

2. Klimaschutz setzt auf FreiwilligkeitDer Kern dieses Kompromisses sind freiwillige Zusagen der Staaten. Das ist politisch tragfähig und erlaubt den Staaten eine Orientierung an ihren je spezifischen Möglichkeiten. Alle Staaten werden eingebunden, wobei den sich entwickelnden Staaten gerechterweise nur Einschränkungen relativ zu ihrem Wirtschaftswach-stum abverlangt werden. Daraus resultiert eine von den Wachstumsraten der Nicht-Industrieländer abhängige dynamische Deckelung der Gesamtemissionen.

Das ist nicht die volle Lösung des Klimaproblems, kann aber intelligent mit weiteren Bausteinen zu einer Lösung ausgebaut werden. Die in ihrer Unvollständigkeit liegende Schwäche der Lösung wird zu ihrer Stärke. Alle wichtigen Staaten haben ihre Zustimmung bereits signalisiert. Das erlaubt die Einbindung von WTO-Grenzausgleichsabgaben zur Durchsetzung eines wasserdichten Klimaregimes. Das ist fast wie bei „Münchhausen“. Eine perfekte Lösung ist in Reichweite. Was fehlt, ist die zweite Hälfte. An dieser Stelle werden dringend Joker benötigt.

Wer sorgt in wohlstandskompatibler Weise für die Stilllegung von Emissionsrechten (Schließen der sog. Verhandlungslücke) und wer sorgt anschließend für das Herausziehen der trotz der erfolgten Stilllegungen noch zu hohen Emissionen aus der Atmosphäre (Schließen der sog. Sequestrierungslücke)? Mit welchen Mechanismen kann dies erfolgen? Zwei Joker liegen auf dem Tisch: (1) Die Stilllegung von Emissionsrechten in dem Umfang, wie dies mit weltweiter Wohlstands- und Wachstumsperspektive kompatibel ist. Dieses Volumen kann jährlich auf Arbeits-ebene zwischen den Staaten der Welt fixiert werden. (2) Das Entziehen von CO2 aus der Atmosphäre durch Waldschutz, ein Weltaufforstprogramm und die Intensivierung von Grünlandmanagement.

3. Unternehmen und Privatsektor finanzieren KlimaschutzWer soll die entsprechenden Maßnahmen bezahlen? Die Umsetzung der Joker kostet viel Geld, die Staaten können das nicht leisten. Glücklicherweise drängen viele Akteure des Privatsektors heute schon in diese Lücke - aus Reputationsgründen, aus politischen Erwägungen, aus ethischen Motiven. Unternehmen, Organisationen, Privatpersonen - immer mehr Akteure wollen klimaneutral sein.

Große Unternehmen haben bereits ihre Klimaneutralität angekündigt. So auch das Land Hessen, das bis 2030 klimaneutral sein will und das in dieser Thematik politischer Vorreiter ist. Es wird unter CSR-Aspekten Druck auf Vorlieferanten ausgeübt. Gut bezahlende Konsumenten artikulieren entsprechende Anforderun-gen an Markenhersteller. Hunderte Akteure sind heute bereits im Umfeld von Klimaneutralität engagiert. Die Schweiz wird gesetzlich die Neutralisierung des gesamten Energiesektors durchsetzen. In Deutschland sind die deutschen Schornsteinfeger, die Glücksbringer der Nation, die Umwelt- und Klimaexperten, die jedes Haus besuchen, ebenfalls bereits aktiv.

Die Finanzierung von Klimaneutralität durch den Privatsektor ist der Schlüssel für ein funktionierendes Weltklimaregime. Über den Verkauf von Zertifikaten für Stilllegungszwecke können jährlich auch die 100 Milliarden Dollar erschlossen werden, die für den ebenfalls in Kopenhagen verabredeten Weltklimafonds zur Förderung der Zusammenarbeit von Nord und Süd erforderlich sind, bezüglich dessen heute keiner weiß, woher das Geldkommen soll.

Die Aufgabe der Politik besteht in diesem Kontext nur darin, eine reputationsrisikofreie Plattform für den Zertifikatehandel zu schaffen. Damit wird nicht nur den Gerechtigkeitserfordernissen zwischen Nord und Süd Genüge getan, sondern zusätzlich auch der Gerechtigkeitslücke zwischen Premiumkonsumenten und normalen Bürgern. In den Golfstaaten, in China und Indien, in Mexiko und Brasilien gibt es mittlerweile ähnlich viele Premiumkonsumenten wie in der reichen Welt.

4. Höchstgrenzen für CO2 sind nicht erforderlichWas ist das Neue an der beschriebenen zweiten Chance für ein funktionierendes Weltklimaregime, die allerdings auch nur noch für 10-15 Jahre besteht und vielleicht auch nicht genutzt werden wird? Die Regierungen der Welt verstehen, dass sie das Klimaproblem alleine und nach der alten Vertragslogik nicht mehr lösen können. Sie verstehen auch, dass eine Drosselung der Emissionen alleine keine tragfähige Option mehr ist. Sie verstehen, dass ein stringente Höchstgrenze für Emissionen (auch als Cap bezeichnet) auf Regierungsebene nicht erreicht werden kann, aber auch, dass dies gar nicht erforderlich ist. Ausreichend ist bereits ein dynamisches Cap gemäß der Kopenhagenformel. Das ist die halbe Lösung.

Die zweite Hälfte ist die Eröffnung einer reputationsrisikofreien „Bühne“ für private Akteure, d.h. für Organisationen, Unternehmen und Privatpersonen, die sich klimaneutral stellen wollen. Das betrifft die beiden verfügbaren Joker, also die Stilllegung von Emissionsrechten und die biologische Bindung von CO2. Beides ist teuer und zugleich wirkungsvoll. Mit letzterer wird der Atmosphäre in großem Umfang CO2 entzogen. CO2 wird zu einer produktiven Ressource für neuen Wohlstand, vor allem in den ärmeren Teilen der Welt. Es ermöglicht auch Partnerschaften für Klimaschutz zwischen Nord und Süd, ohne die das Weltklimaproblem ohnehin nicht gelöst werden kann.

5. Ein neuer Klimavertrag ist bis 2015 möglichEin wasserdichter Vertrag ist bis 2015 ausverhandelbar. Er kann 2020, aber auch schon früher in Kraft treten. Wenn bis dahin in großem Stil aufgeforstet wird, können sogar die Emissionen neutralisiert werden, die bis dahin deshalb im Übermaß erfolgen werden, weil das Ziel der Weltgemeinschaft, bis 2012 einen Klimavertrag auszuverhandeln, verfehlt wurde.

Es gibt immer noch eine Chance, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, aber auch dieses Fenster wird sich irgendwann schließen, weil die Flächen für Aufforstung im Süden des Globus mit dem erheblichen Volumen von 500 Mio. Hektar zwar riesig sind, jedoch nicht unerschöpflich.

Deshalb gilt es, schnell aus der „Box“ herauszukommen, die bisherige Verhandlungslogik aufzugeben und neues Denken zu praktizieren. Wir haben uns in eine so schwierige Lage gebracht, dass nur noch ein massiver Einsatz systemischer Intelligenz ein Fenster eröffnet. Fantasie und Agilität werden dabei zu einer entscheidenden Ressource.

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