Umweltaktivist: 25-Jähriger halbiert Aktienkurs eines Milliardenkonzerns

Umweltaktivist: 25-Jähriger halbiert Aktienkurs eines Milliardenkonzerns

von Peter Vollmer

Ein US-Konzern fälscht Produktetiketten. Mit einem Blog-Beitrag bringt ein junger Anleger ihn daraufhin kräftig ins Wanken.

Finanzinvestoren tun sich selten als Umweltschützer hervor. Anders ist das bei dem 25-jährigen Chinesen Xuhua Zhou, der in den USA als Investor arbeitet. Er hat es geschafft, den Aktienkurs des Holz-Unternehmens "Lumber Liquidators" binnen weniger Tage zu halbieren.

Der Milliardenkonzern hatte regelmäßig die Grenzwerte für Formaldehyd überschritten und steht zudem im Verdacht, Holz aus illegalem Schlag zu beziehen. Deswegen begann Xuhua einen regelrechten Kleinkrieg - mit den Waffen des Finanzmarktes.

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Wer ist dieser Mann, der einen Konzern ins Straucheln bringt?Xuhua hat in den Staaten studiert, mit 23 eine Promotion abgebrochen und dann begonnen, als Einzelinvestor zu arbeiten. Auf der Suche nach Investments stieß er auf "Lumber Liquidators".

Das Holzunternehmen war vor zwei Jahren mit seinen günstigen Holzböden auf steilem Wachstumskurs. Beim Überprüfen der Lieferkette fiel Xuhua auf, dass die in China hergestellten Böden bei manchen Käufern Reizungen, Husten und andere Reaktionen auslösten.

Xuhua ahnte bereits, dass es sich um überhöhte Formaldehydwerte handeln könnte. Diese sind ein Zeichen für minderwertige Klebstoffe - wir berichteten über Gesundheitsprobleme durch Holzmöbel. Und tatsächlich fand das Testlabor Berkeley Analytical erhöhte Formaldehydwerte im Holz von Lumber Liquidators. Die Proben hatte Xuhua Zhou selbst eingeschickt.

Blog-Beitrag drückt Aktie erstmalsAlso stellte Xuhua das Unternehmen auf dem Investment-Portal "Alpha One" im Juni 2013 vor. Sein Urteil: Mit einem Umsatz von rund 800 Millionen Dollar falle der Gewinn von knapp 50 Millionen recht hoch aus, zudem fahre es eine aggressive Wachstumspolitik.

Das mache die Aktie zum "Highflyer". Allerdings kritisiert Xuhua, dass dem Unternehmen eine "vernünftige Qualitätskontrolle fehle" und riet Anlegern daher zu sogenannten "Leerverkäufen".

Technisch funktionieren Leerverkäufe ganz einfach: Man leiht sich Aktien, verkauft diese direkt und spekuliert darauf, dass ihr Wert bis zum Tag der Rückgabe sinken wird.

Dann muss man sie nämlich am Markt zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben. Schlechte Schlagzeilen können helfen, den Kurs auf Talfahrt zu schicken.

Schon zu diesem Zeitpunkt drückte der Artikel des damals 23-Jährigen den Lumber-Liquidators-Aktienkurs an der New Yorker Börse um rund ein Zehntel, bevor sich dieser wieder erholen konnte.

Blogger, die Leerverkäufen empfehlen, haben oft ein Eigeninteresse an sinkenden Kursen: Sie sind bereits mit so genannten Verkaufspositionen investiert, bevor sie ihren Artikel veröffentlichen. Damit profitieren Anleger von sinkenden Kursen einer Aktie.

Auch Xuhua hatte bereits eine so genannte "short position" auf Lumber Liquidators, bevor er seinen Artikel veröffentlichte. Doch Xuhuas Recherchen hatten genug Substanz, um nicht einfach nur den Aktienkurs zu manipulieren.

Die Lieferkette wird an der Börse zur AchillesferseFür Dalip Raheja, Geschäftsführer der Beratungsfirma "The Mpower Group", ist gerade die Zulieferkette der Unternehmen eine Achillesferse, die Investoren in Zukunft ausnutzen werden. Denn hier können Fehler passieren, die Unternehmen entweder billigen oder gar nicht erkennen. In jedem Fall könnten sie viel Geld kosten.

Der globale Handel macht die Lieferketten verzweigt und intransparent. Wenn ein Investor wie Xuhua Zhou darin etwas findet, was Umwelt oder Verbraucher schädigt, kann er "short" gehen, seine Fakten veröffentlichen und zuschauen, wie der Aktienkurs fällt.

Ende 2013 stieg der Kurs von Lumber Liquidators allerdings wieder auf knapp 120 US-Dollar. Auch eine Durchsuchung des Firmensitzes wegen illegalen Holzschlags stoppte den Aufstieg nicht: US-Medien nannten Lumber Liquidators den "Heimwerker-Superstar".

Vermutlich unterschätzten viele Investoren, wie weitreichend Xuhuas Recherchen sein würden und kauften weiter Papiere des Holz-Unternehmens.

Ein TV-Beitrag schlägt WellenDoch 2014 deutete sich an, dass der Junginvestor tatsächlich echte Probleme des Unternehmens aufgedeckt haben könnte. Einerseits traten Umweltschutzorganisationen auf den Plan, andererseits bereiteten erste Hausbesitzer wegen der hohen Formaldehydwerte Klagen vor.



Das Investigativmagazin "60 Minutes" des US-Senders CBS News nahm Zhous Recherchen zum Anlass, mit verdeckter Kamera drei chinesische Fabriken der US-Firma aufzusuchen. In den Betrieben gaben Mitarbeiter zu, falsche Beschriftungen zu verwenden, damit die Produkte so aussehen, als würden sie den US-Standards für Formaldehyd genügen.

Nach der Ausstrahlung sackte der Aktienkurs von Lumber Liquidators um mehr als die Hälfte ab.

Das Papier fiel innerhalb von zwei Tagen von knapp 70 auf 50 US-Dollar und ist mittlerweile bei 30 US-Dollar angekommen. Die Marktkapitalisierung, also der Gesamtwert aller Aktien, der einst zwei Milliarden überschritten hatte, liegt nur noch bei 830 Millionen Dollar.

Ein US-Senator forderte zudem Untersuchungen durch staatliche Stellen; die Aussicht auf lange Rechtsstreitigkeiten hat neben den Leerverkäufen wohl auch andere Anleger dazu gebracht, sich von ihren Aktien zu trennen.

Der Aktienkurs von Lumber Liquidators nach Ausstrahlung der Reportage:

Quelle: 

Lumber Liquidators-Kurs

von finanzen.net

 

Unternehmen zu Nachhaltigkeit zwingenXuhua Zhou hat sein Ziel erreicht: Lumber Liquidators wird kein Holz mehr verkaufen können, bei dem die Einhaltung der Grenzwerte nicht garantiert ist. Es deutet sich an, dass die Absatzzahlen im März rapide sinken werden.

Xuhua hat mit seinen Leerverkäufen Gewinne gemacht. Er betont jedoch, dass es ihm vor allem um die Gesundheit der Menschen gegangen sei.

Sein Vorgehen zeigt nicht nur, wie man von zwielichtigen Firmen durch Leerverkäufen finanziell profitieren kann. Sondern auch, wie man die Spielregeln der Finanzmärkte dafür einsetzen kann, Unternehmen mehr Umwelt- und Verbraucherschutz abzutrotzen.

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