Unter einem Dach: Diese Wohnideen vereinen jung, alt, arm und reich

Unter einem Dach: Diese Wohnideen vereinen jung, alt, arm und reich

von Dieter Dürand

Kreative Modellprojekte auf dem Land und in der Stadt bringen Menschen aus allen Schichten und Altersklassen zusammen.

Gedämpft fällt das Licht durch die fensterhohen hölzernen Außenrollläden. Innen, im ehemaligen Stall des Gehöfts, bereiten sich junge Mütter an diesem regnerischen Winterabend unter Anleitung der Hebamme Jaqueline Goffinet-Stiehle auf die Geburt ihrer Babys vor.

Gebettet auf flauschigen Fellen, lernen sie, in den Bauch zu atmen und richtig zu pressen.

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Jung und alt unter einem DachIm umgebauten Gebäudeflügel um die Ecke, wo einst Traktoren und Mähdrescher standen, hat Erwin Fischer nach eineinhalb tristen Jahren im Pflegeheim ein neues Zuhause gefunden.

Bequem kommt der 92-Jährige mit seinem Rollstuhl in jedes Zimmer – auch ins Bad. Jetzt kann er wieder mit seiner Ehefrau Alwine zusammenleben, für beide ein schon fast verloren geglaubtes Glück.

Das verdanken sie auch ihrer Betreuerin, die nebenan wohnt. Sie arbeitet zugleich Teilzeit im Planungsbüro für Landmanagement und Umwelt der Frankfurter Bauprofessorin Martina Klärle.

Die hat die baufällige Hofanlage vor dem Abriss bewahrt, die im Ortskern von Weikersheim-Schäftersheim liegt, einer 700-Seelen-Gemeinde im baden-württembergischen Main-Tauber-Kreis. Und nicht nur das. Die 47-jährige Hochschullehrerin mit der markanten Hornbrille hat ihrem Geburtsort neues Leben eingehaucht.

In der Hebammenpraxis bieten 20 Frauen auch Babymassage, Yoga und Akupunktur an. Klärle selbst beschäftigt 16 Mitarbeiter.

Der umfunktionierte Hof auf Youtube:



Diese zumeist hoch qualifizierten Arbeitsplätze sind das beste Argument, die Einwohner am Ort zu halten. Ältere, auf Unterstützung angewiesene Menschen, müssen auf ihre letzten Tage nicht in weit entfernte Pflegeheime wechseln.

Und werdende Mütter und junge Familien finden eine passende Infrastruktur vor. Klärle sieht in solch einer durchdachten Mischnutzung gerade für ländliche Kommunen die einzige Chance, trotz Bevölkerungsschwunds „wirtschaftlich vital zu bleiben“.

Häuser für arm und reichDoch nicht nur auf dem Land verschärft die traditionelle Baupolitik die Probleme eher, als sie zu lösen. In den Ballungsräumen stellen sie sich nur anders.

Mieten klettern im Eiltempo, es fehlt an bezahlbaren Wohnungen, und niemand weiß, wohin mit der wachsenden Zahl Pflegebedürftiger. Da setzt der Freiburger Architekt Wolfgang Frey an.

In seinen Häusern, so sein Ziel, sollen sich neben dem Bankdirektor auch Studenten, Alleinerziehende, Rollstuhlfahrer und einkommensschwache Rentner ein Zuhause leisten können.

Der Trick: Frey ist Architekt, Bauträger und Generalunternehmer in einer Person, kassiert aber nur den Architektenlohn. Das spart bis zu 30 Prozent der üblichen Baukosten.

Frey verkauft zwar einen Teil der Wohnungen an Investoren; die treten ihre Rechte am Eigentum aber weitgehend an eine Vermietungsgesellschaft ab. Im Gegenzug erhalten sie 30 Jahre garantierte Einnahmen. Die Gesellschaft wiederum vergibt die Wohnungen nach sozialen Kriterien.

In einem neuen Vorhaben in Heidelberg für bis zu 600 Bewohner, Teil der künftigen Bahnstadt, soll sogar Geld aus den Mieten übrig bleiben, um die Betreuung von Wohngemeinschaften aus Rollstuhlfahrern und Demenzkranken finanziell zu unterstützen.

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Der Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe der gedruckten Wirtschaftswoche Green Economy mit dem Schwerpunkt Bauen erschienen. Sie können sie hier herunterladen.

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