Unternehmen: Der Amazon Nachhaltigkeits-Check

Unternehmen: Der Amazon Nachhaltigkeits-Check

Der Versandhändler Amazon steht wegen Leiharbeit in der Kritik. Doch wie steht es um das Thema Nachhaltigkeit in anderen Bereichen?

Frank Wiebe ist Autor des Buches “Wie fair sind Apple & Co? – 50 Weltkonzerne im Ethik-Test”. Wiebe ist Redakteur und Kolumnist des “Handelsblatts” und lebt in New York. Bei WiWo Green lesen Sie Auszüge aus seinem Buch (siehe unten). Darin wird der Text ergänzt durch Kennzahlen, ein exklusives Rating von Oekom Research und andere Einschätzungen sowie eine eigene Bewertung des Autors nach einem fünfstufigen System. 

Vergleichen wir zwei Modelle. Im ersten Fall werden Bücher von Verlagen zu regionalen Großhändlern, von dort zu Buchläden und vom Laden nach Hause transportiert. Das ist das traditionelle Modell. Im zweiten Fall werden Bücher vom Verlag zum Versandlager geschickt und von dort als kleines Päckchen nach Hause. Das ist das Amazon-Modell. Natürlich gab es den Versandbuchhandel auch schon vorher, und man kann sich Bücher heute bei allen möglichen Händlern übers Internet bestellen.

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Aber Amazon ist nun einmal der größte unter ihnen. Und Amazon versendet inzwischen noch eine ganze Menge anderer Waren, längst nicht nur Bücher. Zum Beispiel Uhren oder Kameras.

Man erkennt leicht, dass der logistische Aufwand beim Versand im Zweifel höher ist. Jedes Buch muss verpackt und bis zur Haustür gebracht werden. Wer Bücher im Laden erwirbt, erledigt das hingegen häufig zusammen mit anderen Geschäften. Je mehr nicht nur an Büchern, sondern auch an Kleidung, technischen Geräten oder an Essen individuell nach Haus bestellt wird, desto mehr kleinteiliger Verkehr wird erzeugt.

Ökobilanz von Online-Handel ungeklärtMan darf also bezweifeln, ob die individuelle Bequemlichkeit beim Einkauf auch gesellschaftlich ein Fortschritt ist. Amazon hat selbst dazu 2009 eine Studie veröffentlicht –mit unklarem Ergebnis: Ob der klassische Einkauf oder der Versand bei der Ökobilanz vorne liegt, richtet sich danach, ob beim Einkauf das Auto benutzt wird, wie viel gekauft wird und ob auf der anderen Seite Päckchen tatsächlich beim ersten Mal zugestellt werden können.

Ein großer Schaden entsteht aber nebenbei: Die traditionellen Buchläden haben es immer schwerer. Denn alles, was übers Internet läuft, fehlt ihnen an Geschäft. Damit geht auch ein Stück Kultur verloren: Buchhändler alten Stils, die tatsächlich noch viele Bücher lesen und ihre Kunden beraten können, wird es künftig immer weniger geben.

Aber die Entwicklung geht noch weiter: Nicht nur der Buchhändler, auch das Buch selbst steht auf dem Spiel. In Amerika ist dem E-Book, das elektronisch auf den Reader heruntergeladen wird, schon der Durchbruch gelungen. Und in Europa ist er zum Greifen nahe, seit Amazon seinen eigenen Reader, den Kindle, hier anbietet und aggressiv vermarktet. Es gab zwar vorher auch schon derartige Reader.

Aber bei Amazon kommt alles zusammen: das große Angebot, die Technik und die Kunden, die sich schon vom traditionellen Bucheinkauf gelöst haben. E-Books haben ihren Reiz. Sie nehmen keinen Platz im Regal weg. Man kann sie leicht überallhin mitnehmen, und sie sind leicht zu beschaffen. Anders als bei kürzeren Texten, Videos und Musikstücken hat bei elektronischen Büchern das Kopieren oder Gratis-Herunterladen auch noch nicht so um sich gegriffen. Anders gesagt: Bücher bleiben wahrscheinlich auch in elektronischer Form ein funktionierendes Geschäftsmodell. Das ist wichtig, weil nur so garantiert ist, dass auch künftig Bücher geschrieben werden.

Auf der anderen Seite: Bücher in der heutigen, gedruckten Form gibt es seit rund einem halben Jahrtausend, etwa so lange existieren auch die ältesten Verlage (wie zum Beispiel derjenige, in dem dieses Buch erschienen ist). Doch der Blick zurück hilft nicht weiter. Dass Bücher irgendwann elektronisch verkauft, verschickt und auch gelesen werden, liegt so sehr in der Logik der Technik, dass man nicht ernsthaft ein Unternehmen dafür verantwortlich machen kann, diesen Trend früh erkannt zu haben.

Buchläden müssen sich spezialisierenHinzu kommt: Wahrscheinlich werden gedruckte Bücher niemals ganz verschwinden. Schwierig dürfte es vor allem für billig gemachte Taschenbücher oder Paperbacks werden. Gut gebundene Bücher haben dagegen wie bisher ihren eigenständigen Markt, auf dem nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form bezahlt wird. Vielleicht wird es künftig nur noch wenige Buchläden geben, die sich dann aber auf bestimmte Bereiche spezialisieren, etwa Kunst- oder Kinderbücher.

Man muss aber auch sagen: Wissenschaftliche Bibliotheken, die Aufsätze digital anbieten, sind sehr viel effizienter, als traditionelle Einrichtungen es je waren. Das zeigt: Die Bücherwelt wird durch den Einsatz der Elektronik in vieler Hinsicht auch attraktiver.

Die Kulturrevolution, deren Protagonist Amazon heißt, hat also zwei Seiten. Dazu gehört auch: Bei E-Books entfällt die gesamte Logistik mit ihrer Umweltbelastung. Wenn man sich vor Augen hält, dass Amazon neben vielem anderen längst auch Software anbietet – und zwar auch für Unternehmen –, dann wird klar, dass der Versandhändler auf dem besten Weg dazu ist, von einem Päckchen-Konzern zu einem Elektronik-Konzern zu werden.

Schon früher Vorwürfe wegen LeiharbeitIn Deutschland gab es in den vergangenen Jahren ein paar Vorwürfe gegen Amazon. Schon im Dezember 2011 kritisiert die Gewerkschaft Verdi, Saisonkräfte im Logistikzentrum von Amazon in Graben hätten ihre Löhne nicht ordentlich ausgezahlt bekommen. Eine Sprecherin des Konzerns räumt Probleme in Einzelfällen ein, führt dies aber auf Versehen oder technische Pannen zurück.

Einen Monat vorher wird sogar von Politikern behauptet, Amazon stelle Saisonkräfte, die von der Arbeitsagentur vermittelt wurden, nicht korrekt ein. Dies dementiert aber die Arbeitsagentur selbst kurz darauf. Und nun gibt es wieder Vorwürfe in diesem Bereich.

Wichtig aber auch: Im Jahr 2009 gerät Amazon in die Kritik, weil das Unternehmen nicht bereit ist, auf den Vertrieb von rechtsradikalem Schriftgut zu verzichten. Als ein Beispiel für Nazischriftgut wird »Rudolf Hess – Märtyrer für den Frieden« von Edgar W. Geiß erwähnt. Im Jahr 2012 ist dieses Buch bei Amazon immer noch zu haben. Das »Handelsblatt« zitierte in diesem Zusammenhang im Juni 2009 den Maler Max Liebermann, der das Aufkommen der Nazis in den 30er-Jahren so kommentiert hat: »Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.«

Die Frage, welche Bücher ein Händler verkauft, ist heikel. Es kann nicht Aufgabe eines Unternehmens sein, Zensur auszuüben. Aber der anderen Seite dürfte bei eindeutig rechtsradikalen Inhalten die rote Linie überschritten sein. Amazon aber scheint es wichtiger zu sein, noch ein paar Euro mehr Umsatz zu machen.

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