Unternehmensethik: Warum „Shitstorms“ nur künstliche Empörung sind

Unternehmensethik: Warum „Shitstorms“ nur künstliche Empörung sind

Der Fall Amazon löste im Netz einen "Shitstorm" und eine Empörungswelle aus. Über die Kunden sagt das nichts.

Der Autor dieser Kolumne arbeitet als Pressesprecher bei einem großen deutschen Unternehmen. Für WiWo-Green kommentiert er von nun an anonym Entwicklungen im Bereich Unternehmensethik und Nachhaltigkeit. Dies ist seine erste Kolumne.

Der Vorgang ist einfach: Man nehme einen durch einen bekannte Marke verursachten Tatbestand und skandalisiere diesen in einer „Doku“, inklusive düstere Zweifel ( „Spitze des Eisberges“), Wackelkamera, Augenbalken und Experten. Als Accessoires zu empfehlen sind auch schlechtes Wetter und schwarz gekleidete (Achtung Nazis!) Wachleute mit Drohgebärden und Rottweiler.

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Anschließend beobachte man den Facebook-Account des Unternehmens und warte auf die umgehend einsetzende Empörungswelle („Shitstorm“). Jetzt mache man genau diesen Shitstorm zum Thema: "Empörungswelle steigt weiter", "ebbt nicht ab". Verbunden mit einem basisdemokratischen Kommentar über die Macht des Verbrauchers.

So geschehen gerade im Fall Amazon. Dort hat der Hessische Rundfunk gerade ein veritables Stück über unhaltbare Zustände im Leiharbeiter-Milieu abgeliefert und setzt seither auf empörende Verstärkung der "Empörungswelle" auf Facebook.

„Langsam gehen mir diese „Shitstorms“ tierisch auf den Sack.“Nur leider: So empört sind die Facebook Friends von Amazon gar nicht. Die Amazon-Stellungnahme erhielt - Stand dieser Woche – mehr als15.000 Likes und 4809 Posts. Von diesen behauptet HR Info gerne, es seien alles Beschwerden. Wer sich die Mühe macht, mal nachzulesen, bekommt ein anderes Meinungsbild. Sehr viele Posts bestätigen Amazon Servicequalität und bezweifeln die Darstellung des HR oder die ultimative Brisanz des Themas.

Wir lernen:

Wichtiger als der Shitstorm selbst ist die Interpretation des Shitstorms. So lau kann ein Lüftchen gar nicht sein, als das ein Medium nicht versuchen wird, daraus einen Sturm zu machen. Das trifft vor allem die sogenannten Verbraucherformate der öffentlichen rechtlichen Medienanstalten, die derzeit durch besonders aggressives Auftreten ihre Existenz als vierte Kraft und damit die Notwendigkeit von Rundfunkgebühren rechtfertigen wollen. Das sie damit gleichzeitig ihren Ruf als zuverlässig recherchierende Redaktionen aufs Spiel setzen – geschenkt.

Auf Unternehmensseite kann wenigstens die Vertriebsseite einen Gang zurück schalten. Untersuchungen zeigen, dass die allermeisten Shitstorms den Umsatz wenig bis gar nicht tangieren. Verbraucher ändern ihr Verhalten selten, vor allem dann nicht, wenn sie den für sich definierten Primärnutzen des Produktes unverändert intakt sehen. Sensibler reagieren freilich andere Anspruchsgruppen. Politik und Geschäftspartner neigen zur Distanz, wird ein Unternehmen toxisch. Zu beobachten jetzt bei Amazon. Jetzt kommt der Ruf nach Veränderung des gesetzlichen Rahmens.

Gleichwohl: Die meisten Shitstorms ähneln dem Scheinriesen Turtur. Kommen sie näher, werden sie immer kleiner. Protagonisten posten häufig mehrmals und blähen damit den Traffic auf. Unter den Kritikern finden sich gerne solche, die immer dabei sind, geht es gegen Kapitalismus, Globalismus, Startbahnen, Hauptbahnhöfe und andere Störfälle der heilen Welt. Viele Konsumenten, die so plakativ ihren Konsum aufkündigen, waren nie wirklich Konsumenten.

Also Nerven bewahren.

Zuweilen kann ein solcher Shitstorm sogar ein reinigendes Gewitter sein. Nämlich dann, wenn die eigenen Supporter für die Marke eintreten. So wie jetzt auch bei Amazon.

Insgesamt ist der Post von Blaue Feder auf der Amazonpräsenz bei Facebook durchaus stimmig: „Langsam gehen mir diese „Shitstorms“ tierisch auf den Sack.“ Nicht ausgeschlossen, dass die fast schon rituelle Erregungswelle Shitstorm irgendwann von selbst ausrollt. Das Publikum wendet sich gelangweilt ab - und der deutsche Qualitätsjournalismus muss sich eine neue Stilform suchen.

(Nein, der Autor arbeitet nicht für Amazon)

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