Versicherungen: "Die jüngere Generation erwartet Nachhaltigkeit von uns"

Versicherungen: "Die jüngere Generation erwartet Nachhaltigkeit von uns"

von Benjamin Reuter

Tarife für Vegetarier und ethische Geldanlagen: Barmenia-Chef Andreas Eurich über die Versicherung der Zukunft.

Siegel für Nachhaltigkeit, Tarife für Vegetarier und ethische Geldanlagen: Im Interview spricht Barmenia-Chef Andreas Eurich über die Versicherung der Zukunft.

Im Bereich der Nachhaltigkeit gibt es noch viele schlafende Riesen. Bei Konsumprodukten wie Lebensmitteln oder Kleidung achten die Verbraucher heute schon vermehrt darauf, dass sie umwelt- und sozialverträglich produziert sind. Dieser Trend hat die Unternehmen aus diesen Branchen wachgerüttelt.

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In anderen Bereichen der Wirtschaft dagegen scheinen sich noch viele Unternehmen schwer mit dem Thema Nachhaltigkeit zu tun. Dazu gehören unter anderem die Banken, aber auch die Versicherungen. Nun mag man sich fragen, welchen Einfluss diese Branchen überhaupt beim Thema Nachhaltigkeit haben?

Einen ganz gewaltigen. Denn sie verwalten und investieren für ihre Kunden Geld und damit einen großen Teil des auf der Erde verfügbaren Kapitals. Dabei ist es für die Zukunft des Planeten entscheidend, ob sie das Geld zum Beispiel in Kohlekraftwerke oder Solaranlagen stecken.

Achim Steiner, einer der Vordenker der Grünen Wirtschaft und Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep), sagt deshalb: "Wir müssen Anreize schaffen, dass die Finanzwirtschaft sehr viel stärker in grüne Technologien und Nachhaltigkeit investiert. Mehr als 37 Billionen Dollar werden in den nächsten 30 Jahren im Energiesektor investiert. Dieses Geld sollte zum Beispiel in erneuerbare und energieeffizientere Infrastruktur fließen."

Wie das gehen kann, darüber haben wir mit Andreas Eurich, Chef der Barmenia Versicherungsgruppe, gesprochen – und darüber, wie sich Versicherungen künftig verändern können und müssen, um nachhaltiger zu wirtschaften.

WiWo Green: Herr Eurich, der Verkauf von Biolebensmitteln boomt und immer mehr Verbraucher achten auf die Nachhaltigkeit von Produkten. Haben die Versicherungen hier einen Trend verschlafen?

Andreas Eurich: Nicht viele der Großen in der Branche beschäftigen sich mit dem Thema. Eine Ausnahme sind vielleicht die Rückversicherer, die unter anderem auch für Umweltschäden aufkommen. Bei denen liegt es quasi in der Natur der Sache. Auch kleinere Versicherungsgesellschaften haben das Thema aufgegriffen.

Vor allem der jüngeren Kundschaft, das zeigen Studien, ist Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein wichtig. Bringen sich die Versicherungen, indem sie das Thema Nachhaltigkeit ignorieren, nicht um die Kundschaft der Zukunft?

Die Bestandskunden wurden in einer Zeit aufgebaut, in der das Thema Nachhaltigkeit noch nicht so wichtig war. Bei der jüngeren Generation, also bei unseren potenziellen Neukunden, ist eine Erwartungshaltung vorhanden, dass auch Finanzdienstleister dieses Themenfeld abdecken. Insofern ist man als Versicherung mit Blick auf die Kunden der Zukunft gut beraten, sich diesem Thema anzunehmen.

Das klingt schön und gut, aber was bedeutet denn Nachhaltigkeit bei einer Versicherung überhaupt? Bei einem Ei im Supermarkt sehe ich das an den Siegeln sehr schnell, ob es Bio ist oder nicht.

Die Produkte und auch die Kapitalanlagen können nachhaltig sein. Im Übrigen bin ich kein Freund des Begriffs Nachhaltigkeit. Er ist inzwischen verbraucht. Ich spreche lieber von Verantwortungsbewusstsein. Das umfasst neben ökonomischen, ökologische, aber auch soziale Aspekte.

Aber wie soll ein Kunde erkennen, ob eine Versicherung verantwortungsbewusst arbeitet?

Aktuell ist das in der Tat schwierig. Aber wir zum Beispiel werden uns als Versicherer auditieren lassen, um zu zeigen, dass nachhaltige, verantwortungsbewusste Unternehmensführung bei uns stattfindet. So eine Zertifizierung bietet zum Beispiel der TÜV-Rheinland an. Das betrifft dann zum Beispiel unsere Kapitalanlagen und eben auch die Produkte, aber auch die Bereiche Umwelt, Energie und soziale Verantwortung. Bezüglich unserer Produkte haben wir im Übrigen auch schon gute Erfahrungen gesammelt.

 Zum Beispiel?

Wir haben 2001 im Bereich der Krankenversicherung angefangen, neben den herkömmlichen Versicherungen auch solche anzubieten, die alternative Heilmethoden abdecken. Um das Angebot für diese Zielgruppe noch attraktiver zu machen, wurde ein Viertel der hierfür notwendigen Kapitalanlagen in nachhaltige Wertpapierfonds investiert. Das war damals noch gar nicht so einfach, weil es nur wenige Angebote von einigen Pionieren gab.

Inzwischen investieren wir aber bei den entsprechenden Produkten 100 Prozent des Kapitals in nachhaltige Anlagen. Das Produkt kam damals sehr gut an, deswegen haben wir auch mehr in die Richtung gemacht. Zum Beispiel bieten wir auch eine Hausratversicherung an, bei der es einen Zuschuss gibt, wenn der Kunde als Ersatz für sein kaputtes altes Gerät ein sehr energiesparendes neues Gerät kauft.

Aber die Leute machen jetzt nicht ihre 20 Jahre alten Kühlschränke absichtlich kaputt, um an die sparsamen neuen Geräte zu kommen?

(Lacht) Im ersten Moment habe ich tatsächlich gezögert, als wir dieses Angebot konzipiert haben. Denn solche Gedanken hat man als Versicherer automatisch. Man merkt aber, dass Menschen, die Wert auf Verantwortungsbewusstsein und Nachhaltigkeit legen, auch in der Schadenverhütung und im Leistungsfall verantwortungsbewusst vorgehen.

Wichtig ist neben dem, was für die Kunden sichtbar ist, auch das, was hinter den Kulissen passiert. Zum Beispiel bei der Geldanlage. Können Sie ausschließen, dass Kapital einer Krankenversicherung nicht in die Produktion von Streubomben fließt?

Ja, das können wir, weil wir nicht in die Hersteller solcher Produkte investieren. Wir schließen auch bestimmte Staaten aus, wo zum Beispiel Kinderarbeit weit verbreitet ist. Insgesamt sind wir gerade dabei, einen genauen Kriterienkatalog für unsere Investments zu entwickeln. Allerdings muss man sehen, dass wir die neuen Investments leichter steuern können. Unser bestehendes Portfolio, das immerhin rund elf Milliarden Euro umfasst, können wir erst nach und nach anpassen.

Mit welchen Investitionen, die sie früher gemacht haben, würden Sie sich heute schwer tun?

Energieversorger, die noch auf Atomkraft setzen zum Beispiel. Aber wir werden unser bestehendes Portfolio nicht von einen Tag auf den anderen umdrehen können. Das ist ein Prozess des Herauswachsens.

Sie haben Länder mit Kinderarbeit angesprochen. Dann dürften Sie ja auch nicht in ein Land wie Indien investieren, dort kommt das auch vor. Allerdings wird Geld für die Entwicklung dort dringend benötigt.

Über Indien haben wir zum Beispiel im Haus diskutiert. Eigentlich kann man in Staaten, die so etwas erlauben oder dulden, nicht investieren. Aber wenn ich einem solchen Staat kein Geld gebe, verhindere ich vielleicht, dass er sich entwickelt und irgendwann aus der Nummer herauskommt. Das ist eine schwierige Frage, bei der man alle Argumente abwägen muss.

Sie sprachen vorhin von Verantwortungsbewusstsein. Ist es heute noch verantwortungsbewusst, in ein Unternehmen wie ExxonMobil zu investieren, das mit fossilen Rohstoffen sein Geld verdient?

Das Thema fossile Brennstoffe muss man auf der Zeitstrecke sehen. Hier können wir nicht wie bei der Atomenergie sagen, die sind ab morgen Tabu. Ich bin eher dafür, dass wir uns ein Ziel setzen und das nach und nach verwirklichen. Bis zu einem bestimmten Jahr muss ein bestimmter Anteil unseres Portfolios aus nachhaltigen Geldanlagen bestehen.

So können sich Unternehmen und Investoren darauf einstellen. Wenn wir von heute auf morgen unser Geld aus Unternehmen abziehen, die mit fossilen Rohstoffen zu tun haben, könnte das ja auch zu einem Wertverfall von Unternehmen führen, in die möglicherweise auch Versicherer ihr Geld investiert haben.

Genau vor diesem Szenario warnen inzwischen auch immer mehr Experten. Sie nennen das die Kohlenstoffblase. Wenn im Dezember in Paris von den Staaten der Welt ein strenges Klimaabkommen unterzeichnet wird, dann müsste ein Großteil der fossilen Rohstoffe im Boden bleiben.

Wir haben ja erlebt, was der Atomausstieg in Deutschland für die Energieunternehmen bedeutet hat. Wenn wir die internationale Situation vor dem Hintergrund des Klimaschutzes betrachten, dann ist das von den Wirkungen noch viel gravierender. Sowohl für Unternehmen, die mit fossilen Rohstoffen ihr Geld verdienen, als auch für die Nationen, deren Wohlstandsentwicklung an den fossilen Brennstoffen hängt.

Wenn ich plötzlich verbiete, fossile Brennstoffe zu nutzen, verweigere ich diesen Ländern, wirtschaftlich Fuß zu fassen. Die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen ist wünschenswert, wir dürfen damit aber nicht die positiven Entwicklungen in vielen Ländern der Welt gefährden.

Sprich, würden Sie heute noch in ein Unternehmen wie ExxonMobil investieren?

Über einzelne Unternehmen sollten wir an dieser Stelle nicht diskutieren. Bei Unternehmen aus dem Ölsektor allgemein muss man strenge Maßstäbe anlegen. Solange Erdöl aber noch nicht ersetzt werden kann, halten wir Investitionen in die am verantwortlichsten handelnden Unternehmen dieser Branche durchaus für möglich. Fakt ist allerdings auch, dass wir von den fossilen Rohstoffen aus Gründen des Klimaschutzes wegkommen müssen.

Viele Kunden wünschen sich mehr Transparenz von ihren Banken und Versicherungen und wollen wissen, wo ihr Geld angelegt ist und wie zukunftssicher es ist. Ist das überhaupt möglich?

Theoretisch geht das. Bei einem Portfolio von fast elf Milliarden Euro ist das im Detail aber schwierig, weil beispielsweise Fondsanlagen in sich wiederum breit gestreut sind. Wir wollen da aber auf alle Fälle künftig mehr Transparenz schaffen. Wir sind aber nicht die einzigen, sondern das ist derzeit auch ein Trend in der Branche.

Haben Sie gemerkt, dass die nachhaltigen Geldanlagen bei Ihnen im Vergleich mit den herkömmlichen besser abschneiden?

Zu diesem Thema gibt es zahlreiche Studien. Dabei zeigen die Ergebnisse, dass nachhaltige Geldanlagen zumindest nicht schlechter abschneiden. Deshalb setzen wir auch keine Grenzen für nachhaltige Geldanlagen und investieren bei den entsprechenden Produkten inzwischen 100 Prozent in diese. Generell spricht vieles dafür, dass nachhaltig wirtschaftende Unternehmen erfolgreich sind, weil immer mehr Verbrauchern die Nachhaltigkeit wichtig ist.

Wie weit würden Sie gehen, um die an Nachhaltigkeit orientierte Zielgruppe anzusprechen? Wäre bei einer Krankenversicherung ein Tarif denkbar, der einen moderaten Fleischkonsum belohnt, oder gar einen gänzlichen Verzicht auf Fleisch? Also so etwas wie ein Vegetarier-Tarif?

Denkbar wäre das, aber wie wollen Sie das feststellen, wie viel Fleisch jemand isst? Da ist man sofort wieder in einer Diskussion über den Datenschutz. Ich glaube ja, dass jüngere Menschen, die viel von sich im Internet und auf Sozialen Netzwerken preisgeben, damit kaum ein Problem hätten. Wir werden sicherlich auch irgendwann dazu kommen, dass wir mehr Daten in der Tarifierung berücksichtigen. Allerdings sollte der Datenschutz immer berücksichtigt werden.

Gibt es auch grundsätzliche Einwände gegen solche Spezialtarife?

Das Versicherungsprinzip. Es basiert auf Kollektiven, die sich gegenseitig absichern. Wenn die zu einem Individuum werden, wird es schwierig, weil dann der Risikoausgleich nicht mehr funktioniert. Aber schon heute sind Raucher- und Nichtrauchertarife völlig normal. Ich wundere mich manchmal, wie negativ diese Datendiskussion geführt wird. Den Versicherern unterstellt jeder, dass sie für die, die nicht so gesund leben, gleich höhere Tarife einführen würden.

Und, würden Sie?

Der Ansatz muss ein anderer sein. Mit Prämien kann ich Kunden belohnen, etwas zu tun. Nicht der wird zur Kasse gebeten, der eine Currywurst zu viel isst, sondern derjenige wird belohnt, der gesund lebt. Insgesamt werden die neuen Technologien das Sammeln dieser Daten und die Übertragung künftig sehr viel einfacher machen. Insofern wird das auch genutzt werden, wenn die Kunden damit einverstanden sind.

Die Kunden würden also von einem nachhaltigeren Lebensstil selbst profitieren. Wo gilt das denn für Ihr Unternehmen?

Ein sehr eindrückliches Beispiel ist der Papierverbrauch. Vor sechs Jahren haben wir uns überlegt, bei einer neuen Produktpalette komplett auf Papier zu verzichten und die Kommunikation nur noch auf elektronischem Wege zu machen. Wenn Kunden Papierverträge und Informationen haben wollen, dann müssen sie das extra bezahlen.

Es gab damals viele Bedenken, weil das ältere Kunden vielleicht abschrecken könnte. Aber wissen Sie was passiert ist? Wir haben durch die Maßnahmen viel mehr Kunden gewonnen, weil die Prozesse für den Vertrieb schlanker geworden sind und wir mehr Zeit hatten, Kunden zu werben. Nebenbei können wir dadurch noch viel Porto sparen. So zahlt sich Nachhaltigkeit aus. Unser Ziel ist es jetzt, ein papierloses Unternehmen zu werden. Auch hier sind wir, glaube ich, auf einem guten Weg.

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Nachhaltige Versicherungskonzepte haben wir unter diesem Link in einem Überblick zusammengestellt.

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