Wirtschaft: Gibt es ein gutes Leben jenseits des Wachstums?

Wirtschaft: Gibt es ein gutes Leben jenseits des Wachstums?

Klimawandel und schwindende Ressourcen stellen die Gerechtigkeitsfrage. Was hilft: Eine grüne Wirtschaft oder weniger Wachstum?

Vergangene Woche berichteten die Kollegen von wiwo.de ausführlich über die Idee einer Postwachstumsgesellschaft. Eugen Pissarskoi vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und Redakteur des Blogs www.postwachstum.de erklärt in unserer Mittagskolumne, warum wir in Zukunft nicht mehr auf Wachstum setzen sollten.

Stellen wir uns vor, dass Bruttonationaleinkommen sei im vergangenen Jahr um zehn Prozent zurückgegangen, doch nicht einmal die Wirtschaftspresse hält es für eine Meldung wert. Stattdessen berichtet sie darüber, dass die durchschnittliche Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit dem eigenen Leben gestiegen und dass der Ausstoß von Treibhausgasen um fünf Prozent gesunken ist. Und dass die Höhe des bedingungslosen Grundeinkommens konstant bleibt.

Anzeige

Diese Nachricht löst wiederum eine kontroverse Debatte darüber aus, ob eine Gesellschaft nicht verkommen ist, in der die Lebenszufriedenheit zwar steigt, die materielle Grundlage guten Lebens, das Grundeinkommen, hingegen nicht erhöht wird.

Im Vergleich mit der Gegenwart klingt das nach einer verkehrten Welt. Aber es ist ein mögliches Szenario einer Postwachstumsgesellschaft, genauer: einer Post-Wirtschafts-Wachstumsgesellschaft.

Für eine solche Gesellschaft ist es uninteressant, ob die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft wächst oder zurückgeht. Die demokratisch legitimierte Politik verfolgt das Ziel, allen Gesellschaftsmitgliedern die Möglichkeit zu verschaffen, eigene Vorstellungen des guten Lebens zu realisieren. Die entscheidende Voraussetzung dafür: Die Umsetzung dieser individuellen Vorstellungen des guten Lebens darf weder Mensch noch Umwelt schaden – weder heute noch in der Zukunft.

„Arm, aber sexy“?Aber ist die Idee einer Postwachstumsgesellschaft überhaupt konsistent? Ist es möglich, dass das volkswirtschaftliche Einkommen sinkt und die Lebensqualität gleichzeitig steigt?

Wenden wir uns dieser Frage zunächst aus der individuellen Perspektive zu: Ist es möglich, dass meine Lebensqualität steigt, obwohl mein Einkommen sinkt? Selbstverständlich ist es möglich. Meine Lebensqualität hängt ja nicht nur vom monetären Einkommen ab, worauf der Berliner OB mit seinem zum geflügelten Wort gewordenen Spruch „arm, aber sexy“ anspielte.

Beispielsweise könnte meine Lebensqualität steigen, wenn ich über ein geringeres Einkommen verfüge, aber gleichzeitig mich einer besseren Gesundheit erfreue oder intensivere Beziehungen mit Freunden, Nachbarn und Familie führe oder schlicht herzlicher und häufiger lache.

Was für Einzelne gilt, gilt in der Summe auch für ganze Volkswirtschaften: Eine Senkung des Volkseinkommens führt dann nicht zu Verringerung der Lebensqualität, wenn gleichzeitig andere, nicht-materielle, Werte besser realisiert werden: Freizeit, Selbstverwirklichung, soziale Beziehungen, und viele andere Interessen, die sich vielfach von Mensch zu Mensch unterscheiden.

Dass das gesellschaftliche Einkommen keinen guten Indikator für die Höhe der Lebensqualität darstellt, hat auch eine prominent besetzte Kommission im Auftrag des ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy bestätigt. Sie empfahl, statistische Informationen bereitzustellen, um die Lebensqualität besser sowie vielfältiger beurteilen zu können.

Nehmen wir also an, die Idee einer Postwachstumsgesellschaft ist konsistent. Dann können wir uns der nächsten, der interessanteren Frage zuwenden: Ist eine Postwachstumsgesellschaft auch erstrebenswert? Denn dies scheint ein wunder Punkt der Postwachstumsidee zu sein: Was spricht schon dafür, über eine Gesellschaft nachzudenken, in der die Wirtschaftsleistung oder das Volkseinkommen sinken?

Immerhin ist es kaum zu bestreiten, dass die bisherige Wachstumsgesellschaft vielen Menschen die Möglichkeit verschaffen hat, ihre Lebensideale zu verwirklichen. Weshalb ist nun eine Postwachstumsgesellschaft erstrebenswert?

Gerecht, glücklich und sexyWeil es gute Argumente dafür gibt, dass weiteres kontinuierliches Wirtschaftswachstum in Deutschland elementare Prinzipien der Gerechtigkeit verletzen kann. Um dies zu vermeiden, sollte eine Postwachstumsgesellschaft realisiert werden. Nur ein Beispiel: Der gegenwärtige Flächen- und Ressourcenverbrauch in einem früh industrialisierten Land wie Deutschland beeinträchtigt die natürliche Umwelt und wird möglicherweise den in der Zukunft lebenden Menschen enorm schaden.

Hinzu kommt, dass unser Verbrauch global ungerecht ist: Es ist nicht ernsthaft wünschenswert, dass alle Menschen auf der Welt genauso viele Ressourcen und Fläche pro Kopf verbrauchen, wie wir in Deutschland es tun. Grundlegende Gerechtigkeitsprinzipien fordern insofern, dass wir unseren Ressourcenverbrauch radikal senken.

Nun kommt das Wirtschaftswachstum ins Spiel: Es ist zwar durchaus möglich, dass es uns gelingt, Flächen- und Ressourcenverbrauch radikal zu senken und das Wirtschaftswachstum dabei zu erhalten. Beispielsweise indem es uns gelingt, rechtzeitig Technologien zu entwickeln, die die bisherige Wirtschaftsweise ermöglichen, dafür jedoch nur einen Bruchteil an Ressourcen und Fläche in Anspruch nehmen. Es ist aber genau so gut möglich, dass uns dies nicht gelingt.

Wir stehen somit vor einer Entscheidung zwischen den folgenden Handlungsoptionen: Entweder wir setzen darauf, dass wir die nötigen Technologien rechtzeitig entwickeln, um den Forderungen der Gerechtigkeit zu genügen. Oder wir gehen die Wette auf die Technologien nicht ein und sorgen stattdessen für den Fall vor, dass unsere Wirtschaftsleistung möglicherweise sinken wird.

Schrumpfende Wirtschaft ohne UngerechtigkeitenDie Befürworterinnen und Befürworter einer Postwachstumsgesellschaft glauben, dass die zweite Handlungsstrategie die erstrebenswerte ist.

Um sie einschlagen zu können, sollten wir unsere Wirtschaftsweise jedoch derart transformieren, dass die schrumpfende Wirtschaftsleistung keine Ungerechtigkeiten für sozial Schwächere mit sich bringt. Die Herausforderung ist alles andere als trivial.

Denn eine Gesellschaft mit schrumpfender Wirtschaftsleistung dürfte sich gehörig von der unsrigen unterscheiden. Ihre Konturen umfassen diverse - teilweise noch vage - Ideen: unter anderem Arbeitszeitverkürzung, mehr Selbstversorgung, regionale Währungen, 100%ige Mindestreserve bei Banken, mehr Genossenschaften statt Aktiengesellschaften, Verbreitung von Gemeineigentum und -nutzung.

Außerdem sind wichtige Fragen noch nicht ausführlich diskutiert: Wie könnten Sozialsysteme in einer Postwachstumsgesellschaft aussehen? Wie sollten das Vermögen und die Einkommen verteilt werden?

Falls wir es versäumen, eine breite öffentliche Debatte über die Konturen einer Postwachstumsgesellschaft zu führen und die obigen Fragen zu beantworten, laufen wir Gefahr, wissentlich Ungerechtigkeiten herbeizuführen.

Weitere Infos unter: http://www.postwachstum.de/home/buch.html

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%