Wirtschaft: Immer mehr Unternehmen geben der Natur einen Preis

Wirtschaft: Immer mehr Unternehmen geben der Natur einen Preis

Firmen wie Coca Cola oder Nike geben natürlichen Ressourcen einen Wert. Das ist auch gut für’s Geschäft.

Ein Gastbeitrag von Anna Gauto, Redakteurin beim Magazin "forum Nachhaltig Wirtschaften" in München. Die neue Ausgabe des Magazins erscheint Anfang Oktober.

Zarte 30 Jahre war Jochen Zeitz, als er 1993 den Vorstandsvorsitz bei der Puma AG übernahm. Damit ist er der jüngste CEO, der je auf dem Chefsessel eines deutschen börsennotierten Unternehmens Platz genommen hat. Was ihn außerdem bekannt machte: Unter seiner Ägide gab der Sportartikelhersteller die erste ökologische Gewinn- und Verlustrechnung heraus.

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Puma berechnete also, was neben Gummi, Leder und Farbe noch in seinen Turnschuhen steckt. Heraus kam: jede Menge Treibhausgasemissionen, Wasser und das Land, auf dem die Tiere für die Lederproduktion des Konzerns grasen. Diese Umweltkosten, auch Externalitäten genannt, bezifferte der Konzern auf 145 Millionen Euro.

Damit hat Zeitz, der den Vorstandsvorsitz mittlerweile abgegeben hat, Revolutionäres geleistet. Denn bis dahin galt die Natur zwar als wertvolles Gut. Weil ihre Ökosystemleistungen, wie frisches Wasser, saubere Luft, Bestäubung, oder Klimaregulierung nichts kosteten, kümmerte ihr Verbrauch jedoch wenig.

Doch schon der selige Milton Friedman wusste: There is no such thing as a free lunch. Auch die Natur und ihre Ressourcen sind kein all you can eat Buffet. Nur sind die Kosten für Umweltschäden häufig nicht sichtbar und bleiben so am Steuerzahler kleben. Was der Raubbau an der Natur die Gesellschaft tatsächlich kostet zeigt eine aktuelle Studie der Britischen Unternehmensberatung Trucost im Auftrag der TEEB for Business Coalition (The Economics of Ecosystems and Biodiversity). Sie schätzt die Top-100 Umwelteffekte von Unternehmen auf 4.7 Billionen US-Dollar pro Jahr.

Naturkosten werden zur ExistenzgrundlageDazu zählen die Autoren Wasser- und Bodennutzung, Treibhausgasemissionen, Abfall sowie Luft-, Wasser und Bodenverschmutzung. Kohlekraftwerke in Ost-Asien und die Rinderzucht in Südamerika verursachen die größten Schäden. Würde man auf die durchschnittliche Gewinnmarge die Kosten für Naturkapital vor Steuern aufrechnen, wäre keiner der 20 wichtigsten Wirtschafts-Sektoren profitabel, konstatiert die Studie.

Dennoch folgen immer mehr Firmen dem Beispiel von Puma und beginnen damit, Naturgütern einen ökonomischen Wert zuzuschreiben. Aus ökologischen Ressourcen wird „Naturkapital“. Warum wollen Unternehmen jenseits von Imagegründen aufzeigen, welche Kosten ihre Produkte wirklich verursachen? „Unternehmen geht es um ihre Existenzgrundlage“, sagt Marion Hammerl, die Präsidentin des Global Nature Fund.

Naturkapital wie Wälder, die CO2 kompensieren und die gleichzeitig die für die Pharmaindustrie wichtigen Pflanzen sowie Mikroorganismen lieferten, sei nun einmal begrenzt. „Ihnen wird zunehmend bewusst, dass sie ihre Wirtschaftsgrundlage schützen müssen“. So gibt es für Greg Koch, Leiter der Global Water Stewardship-Initiative von Coca Cola „wirklich kein wichtigeres Thema, als sicherzustellen, dass die Wasserressourcen der Welt für unser Geschäft gesichert werden“. Damit Firmen kalkulieren können, was Schutzmaßnahmen im Vergleich zu Nicht-Handeln kosten, geben sie den Dienstleistungen der Natur ein Preisschild.

So arbeitet Coca Cola gemeinsam mit dem World Wildlife Fund (WWF) an Strategien, um seinen Wasserverbrauch zu monetarisieren, wie der Wirtschaftsdienst Bloomberg meldet. Denn Wasser, das Lebenselixir des weltgrößten Softdrinkherstellers, wird knapp. Daher investiert Coca Cola in Wasser-Nachhaltigkeit. Bis 2020 will Coca Cola das Wasser, das in seine Getränke geflossen ist, ersetzen. Zusätzlich soll ein Wasserfonds das Öko-Management in Wassereinzugsgebieten finanzieren.

Ökologische Lösung oftmals günstigerSo will sich das Unternehmen seine Versorgung mit dem wertvollen Rohstoff sichern und sogar seine Produktionskosten senken. Denn nachhaltige Landwirtschaft, Bäume zu pflanzen und lokale Wasserressourcen zu konservieren, könnten Coca Cola günstiger kommen, als Wasser zu behandeln oder über weite Strecken zu transportieren. So wird aus der ökologischen Gewinn- und Verlustrechnung ein Business Case.

Diesen Trend bestätigt Sascha Müller Kraenner von The Nature Conservancy (TNC). „Immer mehr Unternehmen beziehen in ihre Bilanz auch die Ökosystemleistungen mit ein und verbinden das mit neuen Geschäftsideen. Um zu wissen, ob es wirtschaftlich ist, in eine Naturschutzmaßnahme zu investieren, brauchen sie einen Vergleich, häufig in Form eines Geldwertes“. Mehr als 14 Unternehmen, darunter Hitachi, Syngenta oder die Bergbaugesellschaft Rio Tinto gehen so vor, etwa um die für sie günstigste Produktionstechnologien zu finden.

Auch viele andere Firmen wie Disney, Nike, Dell oder der Chemiekonzern Dow befassen sich aktuell mit dem Wert der Natur. Dow hat zusammen mit TNC errechnet, dass es lukrativer ist, an seiner Niederlassung am Golf von Mexiko in Feuchtgebiete zu investieren, anstatt teure Dämme gegen Sturmfluten zu bauen. „Kluge CEOs quantifizieren den Wert einer Ökosystemdienstleistung, um keine falschen Investitionsentscheidungen zu treffen. Denn eine ökologische Lösung ist oftmals effektiver und auch günstiger“, so Sascha Müller Kraenner.

Ein weiterer Grund, weshalb Unternehmen den Wert ihrer Kernressource kennen und ihren Erhalt sichern sollten, ist Risikomanagement in Bezug auf Investoren und politische Entscheidungen. Die nationale Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung peilt die „verstärkte Berücksichtigung der biologischen Vielfalt bei Umweltmanagement- und Zertifizierungssystemen“ an.

In diese Richtung bewegt sich auch die Europäische Kommission. In ihrem Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa heißt es: „Neue politische Strategien sollten dazu beitragen, die Preise von Ressourcen wie Wasser, saubere Luft, Ökosysteme, Biodiversität und Meeresressourcen, deren Wert auf dem Markt nicht angemessen berücksichtigt wird, anzupassen.“ In ihrem Wahlprogramm fordern die Grünen, dass Unternehmen ab einer bestimmten Größe neben den finanziellen künftig auch über soziale und ökologische Kennzahlen berichten sollen.

Zudem befassen sich immer mehr Kreditinstitute und Versicherungen damit, wie gut Firmen auf Umweltrisiken und daraus resultierende politische Reformen vorbereitet sind. „Unternehmen, die Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen bewerten und in ihre Strategie integrieren, sind am besten auf die Zukunft vorbereitet“, sagt Andrew Liveris, der CEO von Dow. Wohl dem also, der den Wert der Natur kennt.

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