Wirtschaft: Ist klimafreundliches Wachstum möglich?

Wirtschaft: Ist klimafreundliches Wachstum möglich?

Alternative Ökonomen propagieren den Wachstumsverzicht. Das Klima rettet das nicht, schreibt Eike Wenzel. Im Gegenteil.

Von Eike Wenzel. Der Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. Er gründete und leitet das Institut für Trend- und Zukunftsforschung. In dieser Kolumne fragt er sich, ob Wachstumsverzicht wirklich unsere Probleme löst.

Brauchen wir entfesseltes Wachstum und risiko-affine Unternehmer für mehr Produktivität oder können wir Wachstum so vorausschauend steuern, dass wir „Wachstums-Wofür“, also ökologisches, sinnvolles und zielführendes Wachstum schaffen? Diese Frage habe ich in meiner letzten Kolumne anhand der neuen Bewegung der Radical Homemaker gestellt.

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Ich meine das nicht als rhetorische Frage. Wir müssen uns in der Tat fragen: Können wir Wachstum so souverän steuern, dass wir damit nicht wieder in die nächsten Blasen und Überkapazitäten hineinrennen?

Die Antwort hat mit Werten zu tun, also dem, was uns wirklich wichtig ist. Die „Entfesselung von Produktivität“, die Nutzung von Produktivitätsplateaus wäre dann bereits ein Grenzfall. Sind wir soweit, dass wir auf technologische Hype-Zyklen verzichten können? Definitiv nicht.

Aber werden wir konkret: Ich bezweifle, dass wir auf absehbare Zeit auf unternehmerische Entwürfe verzichten können, die mit eigenem Risiko auf Pionierfeldern wie Wasserstoff, Nanotechnik oder Windkraft ihr Glück suchen. Und wahrscheinlich müssen wir das auch gar nicht. Zentral für die Begründung ist dabei die Diskussion um den sogenannten Rebound-Effekt.

Wie stark ist der Rebound-Effekt wirklich?Dieser beginnt sich als weniger schwerwiegend herauszustellen, als wir bislang angenommen haben. Green-Economy-Experte Markus Ohndorf von der ETH Zürich argumentiert sehr schlüssig gegen die Überbewertung der Rebound-Effekte: „Es ist nicht so, dass Rebound-Effekte die Effizienzgewinne vollständig auffressen. Nach neueren Schätzungen bleiben nach Berücksichtigung der Rebound-Effekte 40 bis 80 Prozent der ursprünglichen Reduktion im Energie- bzw. Ressourcenverbrauch erhalten.“

Hier lohnt es sich, genauer hinzuhören. Ohndorf schreibt weiter: „Die tatsächliche Höhe eines Rebound-Effekts hängt davon ab, wie emissionsintensiv der Konsum ist, der durch die Einsparung finanziert wird. Wenn eine Volkswirtschaft also in der Lage ist, Energienachfrage und Emissionen über alle Sektoren hinweg gleichermaßen zu senken, wird auch der Rebound-Effekt eher gering ausfallen. Ergo: Die Existenz von Rebound-Effekten liefert eher Argumente für eine staatliche Förderung von Energieeffizienz über alle Sektoren, nicht dagegen.“

Entgegen unserer aktuellen Diskussion müsste die Förderung der Energieeffizienz also weltweit sogar noch massiv gesteigert werden und mit sehr viel stärkeren Anreizen zur Nutzung von erneuerbaren Energien einhergehen, um die Emissionsintensität der Energieproduktion zu senken. Und jetzt kommt der entscheidende Satz: „Für einen solchen Fall“, so Umweltökonom Ohndorf, „zeigen Modellvergleiche, dass auch bei durchschnittlichen langfristigen Wachstumsraten des globalen BIP von rund zwei Prozent ein Erreichen des 2-Grad-Ziels – trotz Rebound-Effekts – prinzipiell möglich ist“.

Schlüsselmarkt (Auto-)MobilitätAber fest steht auch, dass die Energie- und Mobilitätswende uns gerade zwischen den Fingern zerbröselt. Ökokompromisse werden salonfähig. Das, was Altmaier und Rösler aus politischem Opportunismus heraus und offenbar auch mangels besseren Wissens gerade gegen die Wand fahren, wird unter anderem auch von den Autobauern betrieben: Die Energie- und Mobilitätswende als ein permanenter Übergang, bei dem der Ausgang längst nicht klar ist.

Die meisten Autobauer haben den Wandel hin zu e-Autos überhaupt noch nicht vollzogen, da sie ihre wenigen Elektromodelle lange Zeit auf Konversionsplattformen hergestellt haben. Das heißt, wir haben noch nicht einmal die notwendigen Produktionsumgebungen um den Massenmarkt e-Automobilität zu starten. Doch was die Autobauer gerade viel mehr beschäftigt, ist eine wenig zukunftsfähige Zockerei um Super-Credits und SUVs.

Mit den Super-Credits möchten die OEMs den SUV-Boom weiterhin abschöpfen, dem Kunden ein gutes Ökogefühl geben und selbst den Sprung in die EU-Abgasnormen gerade so noch schaffen.

Super-Credits laufen auf folgenden Zahlentrick hinaus: die SUVs werden statistisch als ein vollwertiges Auto gezählt, völlig klar. Die e-Autos und Plug-Ins sollen dagegen als 1,2 oder gar 1,5 Autos zu Buche schlagen. Was für ein durchschaubares Spiel. Damit würde die Statistik die Ökoautos wertschätzen, obwohl es davon bislang überhaupt keine Massenbasis gibt. Derzeit kurven nur wenige Tausend Stromer durch Deutschland.

Und vor allem: es würde den SUV-Verkauf weiter stimulieren. Auch auf solch einem bauernschlauen Wege kann man mit dem Grenzwertewahnsinn umgehen und sich den Energie- und Mobilitätswandel schönfärben. Es versteht sich von selbst, dass mit solchen Winkelzügen ein Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft nicht zustande kommt.

Selbst in den USA, einem Land, in dem Autobesitz von vielen mit Freiheit und Lebensglück gleichgesetzt wird, lässt der Spritverbrauch nach. Laut Environmental Protection Agency (EPA) konnten in den vergangenen fünf Jahren die CO2-Emissionen bei den PKWs um 13 Prozent reduziert werden, die Kraftstoffeffizienz ließ sich gar um 16 Prozent zurückschrauben.

Einbezogen sind dabei noch nicht einmal die Einsparungen, die durch die Plug-In-Fahrzeuge, e-Autos und Erdgasfahrzeuge erzielt werden konnten. Keine Frage, die Zahlen der Effizienzsteigerung sind beeindruckend. Aber sie weisen uns noch keinen neuen Weg. Sie lösen eher psychologische Reboundeffekte aus: „Verbraucht ja kaum noch was, dann kann ich mit meinen zwei Tonnen Stahl unter dem Hintern wieder richtig Gas geben.“ Was wir jedoch dringend bräuchten, das sind technologische Durchbrüche, die unsere Mobilitätskultur von ihrer Erdölfixierung wegbrächten.

Wie kommen wir weiter, 4 ZukunftsthesenAm Populismus der aktuellen Finanzierungsdebatte könnte eine gute Zukunft scheitern. An der Frage zwischen Suffizienz und Moderne, Postwachstums- oder Fortschrittsgesellschaft aber darf unser Weg in die Zukunft nicht scheitern. Wirtschaft in einer halbwegs intakten Gesellschaft basiert immer auf Vertrauensvorschüssen und auf der Annahme, dass Zukunftsfähigkeit hergestellt werden muss.

1. Schlüsselfaktor Konsum: Wir müssen die Paradoxien des Energiewandels ernstnehmen. Wir dürfen uns von ihm aber auch nicht kirre machen lassen. Rebound-Effekte hin oder her, wir brauchen eine weitere industrielle Revolution, die jedoch mit einem fundamentalen Wandel im Umgang mit Ressourcen und im Konsum (von Energie, Lebensmittel, Tourismus, Lifestyle-Produkte etc.) einhergeht. Dafür brauchen wir aufgeweckte Konsumenten (die wir zum Teil schon haben) und einen Politikentwurf, der nachhaltigen Lebensstil fördert und lenkt. Gefährliche Reboundeffekte stecken vor allem im Konsum, in der Art, wie wir mit Waren und Rohstoffen umgehen.

2. Ein neuer Fortschrittsbegriff: Unsere Technikgläubigkeit ist in Fukushima endgültig vor die Wand gefahren. Seitdem sind Hochrisikotechnologien wie Kernkraft nicht mehr akzeptabel. Wir brauchen einen neuen Fortschrittsbegriff, der keine Angst hat vor der nächsten industriellen Wende und den „Drohungen und Verlockungen“ (von Fracking über Big Data bis zur Nanotechnologie) der neuen Technologien. Dieser neue Fortschrittsbegriff muss risikoaffin bleiben, jedoch das technologisch Mögliche vom technologisch Erträglichen messerscharf unterscheiden.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Wir können unseren Kindern einen neuen und nachhaltigeren Industrieentwurf nicht vorenthalten! Wir können ihnen nicht zumuten, in einem suffizienten Nirwana der halbwegs akzeptablen Stagnation, des Schrumpf- oder Schonwachstums zu leben, mit individuell optimierter CO2-Bilanz, biodynamisch und dezentral organisiert, aber wirtschaftlich und technologisch abgehängt von der restlichen Welt. Damit würden wir Zukunft blockieren!

3. Ein Superministerium für Lebensstilfragen: Wir brauchen eine Innovation und neues Denken in der industriellen Produktion, aber vor allem auch bei unseren Lebensstilen – also im Konsum. Dafür brauchen wir neue Institutionen (ja, ein Superministerium für Lebensstilfragen), die Politik als Veränderungs-Management und nicht als Status-Quo-Verwaltung begreifen. Dann reden wir nicht mehr von der alttestamentarischen Drohung „Verzichte!“ und „Zurück-zu“. Diese Verzichtsideologie ist den Menschen im Westen nur schwer beizubringen. Und sie wird einer aufsteigenden globalen Mittelschicht in Asien und Südamerika, die bis 2030 auf 4,9 Milliarden Menschen angewachsen sein wird (heute sprechen wir von 1,8 Milliarden Wohlstandshungrigen auf der Welt), noch schwerer beizubringen sein.

4. Moore’s Law für die Wirtschaft gibt es nicht: Genauso dringend brauchen wir ein Fortschrittsministerium, das sich auf der Höhe der Zeit befindet, und vorbehaltlos neue Technologien prüft. In diesem Ministerium regiert jedoch der neue Fortschrittsbegriff: „Wirtschafte künftig so, dass du bei allem, was du herstellst, auch die Kosten der Nutzung mit berücksichtigst.“ Hätten wir eine Ökoversion von Moore’s Law und wüssten annähernd gesichert, dass der ökotechnologische Fortschritt alle 18 Monate Quantensprünge macht, wäre alles gut. Doch diesen Zustand einer hundertprozentigen Vorhersagbarkeit gibt es in Wirtschaft und Gesellschaft leider nicht. Deswegen müssen wir auch weiterhin über Trends, Tendenzen, Weltanschauungen und Konzepte streiten.

Einstweilen pendeln wir zwischen der Lust am Aufbruch in die Ökomoderne und den kleingeistig anmutenden Manifesten der Radikal Homemaker aller Länder. Die haben sich programmatisch in einem Hühnerstall-Manifest geäußert, über das ich meiner letzten Kolumne geschrieben habe. Und das fängt so an: „1. Hänge deine Wäsche draußen auf, 2. Reserviere ein Stück deines Gartens für ein Gemüsebeet, ... 3. Koche für deine Familie, 4. Genieße das, was du hast, und die Menschen, mit denen du zusammen bist. 5. Höre auf, dich an Dinge zu klammern, die du brauchen könntest oder haben müsstest“ usw. (Shanon Hayes: Radical Homemakers).

PS: Die Radical Homemakers lassen sich hier zu lande noch nicht als relevante Lebensstilgruppe identifizieren. Bekennende Radical Homemaker liegen nach unserer Schätzung bundesweit zurzeit noch zwischen zwei und drei Prozent der Erwachsenenbevölkerung. Ihr Mindset finden wir jedoch in vielen Lebensstilen und Zielgruppen wieder. Mehr dazu hier.

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