Greentech-Vordenker: Unternehmen verschlafen den grünen Umbau

Greentech-Vordenker: Unternehmen verschlafen den grünen Umbau

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Torsten Henzelmann

von Sebastian Matthes

Greentech-Vordenker und Buchautor Torsten Henzelmann über die wahren Kosten von Nachhaltigkeit, Klima-Siegel und die grüne Transformation der Wirtschaft.

Die Ereignisse überschlagen sich: In Russland fressen Brände die Ernte. In Pakistan macht zur gleichen Zeit eine Flutwelle Millionen Menschen obdachlos. Und nur wenige Monate nach der Explosion der Ölbohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko erlebt China die schlimmste Ölkatastrophe seiner Geschichte. Für den Nachhaltigkeitsexperten Torsten Henzelmann ist diese Häufung kein Zufall, sondern Ergebnis eines allzu rücksichtslosen Umgangs mit Natur und Umwelt. Er zieht daraus eine radikale Schlussfolgerung: Unternehmen und Gesellschaft müssen die Ausbeutung des Planeten umgehend stoppen. In seinem neuen Buch „Green Transformation“ vertritt er die provokative These: Künftig werden nur noch diejenigen Unternehmen eine Chance haben, die Nachhaltigkeit in ihr Kerngeschäft integrieren.

WirtschaftsWoche: Professor Henzelmann, Sie warnen die Unternehmen davor, die Folgen von Klimawandel und Ressourcenknappheit zu unterschätzen. Die Kampagnen der Marketingabteilungen vermitteln einen ganz anderen Eindruck: Sie werben mit nachhaltigen Hotelzimmern, grünen Waschmaschinen und CO2-neutralen Fast-Food-Menüs – alles nur eine riesige Mogelpackung?Henzelmann: In vielen Bereichen ist es genau das. Und davor kann ich nur warnen. Denn dieses Greenwashing bringt allenfalls kurzfristig Erfolge. Die Kunden strafen Unternehmen dafür schnell ab.

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Wo beobachten Sie Greenwashing?Überall. Ein extremes Beispiel ist BP. Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren versucht, mit dem Slogan „Beyond Petroleum“ das Image des klimaschädigenden Ölmultis zu korrigieren. Zum Marketing-Arsenal gehörte auch die öffentlichkeitswirksame Installation von Solarstromanlagen auf Tank-stellendächern. Mit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist der Versuch gescheitert, eine umweltfreundliche Fassade aufzubauen. Ein Gegenbeispiel ist Nestlé. Der Lebensmittelkonzern musste zwar zunächst auch Lehrgeld zahlen: Umweltschützer warfen Nestlé vor, mit einem Zulieferer zusammenzuarbeiten, der den Urwald und den Lebensraum von Orang-Utans mit illegalen Plantagen zerstört.

Die Kampagne verbreitete sich blitzschnell über das Internet, und Nestlé versuchte, entsprechende Videoberichte aus dem Netz tilgen zu lassen. Das brachte die Proteste dann richtig zum Kochen.Doch das Unternehmen hat reagiert, sich von dem Zulieferer getrennt und gehört heute zu den Vorreitern in Sachen Nachhaltigkeit.

Weshalb reagiert die Öffentlichkeit so sensibel?

Die Menschen begreifen, dass wir nicht mehr so weitermachen können: Einerseits werden die Folgen des Klimawandels offensichtlich. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass die Preise für Rohstoffe in den nächsten Jahren drastisch steigen werden.

Die Unternehmen müssen also schon aus Eigennutz sparsamer mit Ressourcen umgehen.Völlig richtig. Ich rechne damit, dass wir uns noch glücklich schätzen können, wenn die Energiekosten in fünf Jahren nur um zehn Prozent zulegen. Wir müssen uns beispielsweise auf einen dauerhaft hohen Ölpreis einstellen. Dazu kommen Millionenkosten für den Kauf von Emissionsrechten. Sie werden vor allem Industriebetriebe, Energiekonzerne und Logistikunternehmen belasten.

Welche Unternehmen sind besonders gefährdet?Der Luftverkehr ist das Paradebeispiel. Die Airlines müssen nicht nur ihre Flotte modernisieren, um die Emissionen zu senken. Sie müssen auch klären, ob ihr Geschäftsmodell noch funktionieren kann. Vor ähnlichen Fragen stehen Autohersteller und Unternehmen der Petrochemie.

Stecken im grünen Umbau der Wirtschaft nicht auch große Geschäftschancen?Zum Teil ja. Unternehmen, die sich etwa auf Energieeffizienz spezialisieren, gehören zu den Gewinnern. Der Glasspezialist Schott gehört dazu, der im boomenden Markt für Solartechnik enorm wächst, oder der Weltmarktführer im Segment effizienter Motoren und Ventilatoren, EBM-Pabst aus Mulfingen, der teilweise emissionsfrei produziert.

Sind das nicht nur Einzelfälle?Keineswegs. Aus der Transformation in eine grüne Wirtschaft entsteht ein Massenmarkt. 2007 lag der Umsatz mit Greentech-Produkten in Deutschland bei 200 Milliarden Euro. 2020 werden es nach unseren Berechnungen schon 470 Milliarden sein – also 14 Prozent des gesamten deutschen Inlandsprodukts.

Wie können Unternehmen den Wandel zu ihrem Vorteil gestalten?Zunächst einmal müssen sie verstehen, in welchen Geschäftsbereichen Chancen liegen und wie groß die Risiken sind. Dafür müssen sie ermitteln, in welchen Sektoren sie knappe Rohstoffe einsetzen, wie viel Emissionsrechte kosten können und was Kunden künftig von ihnen erwarten.

Das sind doch Selbstverständlichkeiten.Im Grunde schon. Doch manche Unternehmen wissen bis heute nicht einmal, bei welchen Prozessen sie besonders viel Wasser und Energie verbrauchen. Künftig müssen Manager genau wissen, wie nachhaltig jedes Glied der Wertschöpfungskette ihres Unternehmens ist.

Wie läuft das ab?Im Prinzip müssen sie alle Bereiche schrittweise durchgehen: Rewe zum Beispiel hat sich zunächst dazu entschlossen, sein Produktportfolio umzubauen. Es sollen vor allem Marken in den Regalen stehen, die nachhaltig hergestellt wurden. Dafür wählt der Einkauf Produkte aus, die nachvollziehbar zertifiziert wurden. In einem nächsten Schritt arbeitet Rewe daran, die Supermärkte auf Null-Emissionen umzustellen. Im Anschluss daran könnte der Konzern die Lieferketten umbauen, auf Fahrtwege verzichten, lokale Produkte einkaufen und nicht vermeidbare Emissionen kompensieren. Und all diese Schritte müssten bis zum letzten Zulieferer gegangen werden.

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