Großbritannien: Mutige Entscheidung für Misch-Embryonen aus Mensch und Tier

KommentarGroßbritannien: Mutige Entscheidung für Misch-Embryonen aus Mensch und Tier

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Es kommentiert WirtschaftsWoche-Redakteur Jürgen Rees

Misch-Embryonen aus Mensch und Tier, Geschwister als Ersatzteillager – das britische Unterhaus hat Versuche in der Stammzellforschung genehmigt, die in anderen Ländern, auch in Deutschland, strikt verboten sind. So gruslig und verstörend die genehmigten Experimente auf den ersten Blick klingen mögen: Das britische Unterhaus hat eine mutige Entscheidung getroffen, findet WirtschaftsWoche-Redakteur Jürgen Rees in seinem Kommentar.

Die britischen Parlamentarier haben es sich nicht leicht gemacht: Monatelang stritten sie öffentlich über das heikle Gesetz und holten damit auch Forschung, die jetzt bereits gemacht wird, aus der Grauzone. Ihnen prallten Vorwürfe wie „Frankenstein-Wissenschaft", „Herumpfuschen an der Natur", „Forscher dürfen Gott spielen" entgegen, Kritiker sahen Großbritannien sogar zum „Schurkenstaat der Wissenschaft" verkommen. Trotzdem haben die Abgeordneten mit großer Mehrheit entschieden, die Forschung zu erlauben. Respekt!

Hinter dem Mut steckt der in der angelsächsischen Denktradition tief verwurzelte Utilitarismus. Das bedeutet: Im Zweifel sind Nützlichkeitserwägungen wichtiger als ethische Abwägungen über potenzielle Gefahren für den Wert des menschlichen Lebens.

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Der Nutzen dieser Forschung könnte vielfältig sein: Britische Forscher dürfen das Erbgut einer menschlichen Eizelle in die entkernte Eizelle eine Kuh oder eines Hasen einsetzen und züchten so ein Tier-Mensch-Embryo. Der wiederum liefert sogenannte embryonale Stammzellen, die, so die Hoffnung, in ein paar Jahren bisher unheilbare Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer, Mukoviszidose oder Querschnittslähmungen kurieren könnten.

Nun sollte niemand den Heilsversprechen der Wissenschaftler zu sehr vertrauen. Denn auch in der Forschung geht es um Ruhm, Ehre und Geld. Die Gentherapie sollte beispielsweise durch das Einschleusen heilender Gene Erbkrankheiten oder Krebs kurieren. Deshalb wurde 1990 der erste Patient behandelt, heute ist die Euphorie nach Todesfällen und unvorhergesehenen schweren Nebenwirkungen komplett verflogen.

Auch bei der Forschung mit embryonalen Stammzellen gibt es noch viele Fragezeichen: Stößt der Patient die embryonalen Stammzellen aus dem Tier-Mensch-Embryo möglicherweise ab, weil sie geringste Mengen tierisches Erbmaterial enthalten?

Schlägt eine Behandlung mit Stammzellen wirklich an – ohne lebensbedrohliche Nebenwirkungen? Jetzt haben britische Stammzellforscher die Möglichkeit zu beweisen, was wirklich hinter den Versprechungen steckt. Klar ist: Gibt es in den nächsten Jahren keine entscheidenden Fortschritte bei der Behandlung wichtiger Krankheiten, dann ergeht es der Stammzellforschung so ähnlich wie der Gentherapie: Sie wird von der Bildfläche verschwinden. Wenn ihr jedoch gelingen sollte, wovon Forscher und vor allem Patienten träumen - die Heilung oder Linderung schwerster Krankheiten - dann wird niemand mehr darüber diskutieren, wie die embryonalen Stammzellen gewonnen wurden.

Sicher ist jedenfalls: Auch aus Deutschland werden Stammzellforscher ins Vereinigte Königreich streben, weil sie dort machen können, was hier verboten ist. Während Großbritannien mutig Neues ausprobiert, kämpfen in Deutschland die Wissenschaftler stattdessen noch mit einer unsäglichen Stichtagsregelung für embryonale Stammzellen, die ihnen nur die Einfuhr solcher Zellen erlaubt, die vor Mai 2007 hergestellt wurden.

Damit hinken sie nicht nur den Briten, sondern auch Spaniern, Japaner oder Koreanern weit hinterher. Die Wissenschaft braucht die größtmögliche Freiheit, um neues zu entdecken und um Krankheiten heilen zu können. Dass hierzulande die Embryonenforschung immer wieder mit national-sozialistischen Greueltaten in einen Topf geschmissen werden, hilft niemanden. Das verhindert vor allem eine vernünftige Diskussion, die Chancen und Risiken abwägt. Das können wir von den Briten auf jeden Fall lernen.

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