Handy-Messe in Barcelona: Der Kampf um die Zukunft im Mobilfunk spitzt sich zu

Handy-Messe in Barcelona: Der Kampf um die Zukunft im Mobilfunk spitzt sich zu

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Besucher des World Mobile Congress in Barcelona

Waren das noch Zeiten, als der 3GSM-Kongress noch im französischen Cannes stattfand: Die Chiphersteller luden zu tollen Partys auf Yachten ein und der Mobilfunkmarkt boomte. In Barcelona geht's mehrere Nummern kleiner zu. Die Aussteller konzentrieren sich ganz aufs Geschäft.

In Zeiten einer globalen Wirtschaftskrise scheint das auch geboten. Schade ist es trotzdem. Und dass das Hauptthema der Messe aus dem vergangenen Jahr - das mobile Internet - auch in diesem Jahr wieder die Hallen in Barcelona beherrscht, zeigt zwar die Kontinuität in der Mobilfunkbranche, bringt aber auch eine Portion Langeweile mit, die manch einem Besucher so gar nicht zu den feurigen Tapas schmecken will.

Schon witzig, dass die Mobilfunkwelt Apples iPhone nacheifert. Der Hersteller des Kulthandys ist noch nicht einmal in der katalanischen Metropole vertreten - und doch an fast jedem Stand präsent: Microsoft kopiert den "App Store" des Konkurrenten und Nokia will mit "Ovi" durchstarten - schon optisch erinnert das Online-Angebot sehr an das erfolgreiche Vorbild von Apple, MobileMe und iTunes.

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Der Weltmarktführer unter den Handyproduzenten hat sich dabei ein Schwergewicht als Partner an Bord geholt: T-Mobile gab heute bekannt, dass die eigenen Kunden von der zweiten Jahreshälfte an direkt auf "Ovi" zugreifen können. Der Sinneswandel der Bonner ist schon erstaunlich: Noch vor einem Jahr hatte die Mobilfunktochter der Deutschen Telekom eine Zusammenarbeit mit den Finnen strikt abgelehnt. Die Begründung damals: Man wolle sich stärker auf die eigenen Dienste konzentrieren. Offenbar eint die Krise - und verhindert für den Kunden unnötige und verwirrende Parallelangebote.

Zusammenarbeit ist gefragt

Auch der Internet-Telefondienst Skype, der zum Online-Auktionshaus Ebay gehört, will mit den Finnen kooperieren. Der Dienst soll künftig in Nokia-Mobiltelefone integriert werden. Als erstes Gerät solle im dritten Quartal das neue Nokia-Flaggschiff N97 einen Skype-Zugang bekommen, sagte Skype-Chef Josh Silverman heute in Barcelona.

Mit der Zusammenarbeit könnten neue Konflikte mit den Netzbetreibern programmiert sein: Bei Skype sind die Anrufe zwischen Nutzern gratis, mit einer Daten-Flatrate würden also keine Gesprächskosten anfallen.

Hamid Akhavan, der Chef des Mobilfunk-Anbieters T-Mobile, sagte in Barcelona, für sein Unternehmen sei Skype kein Thema, da es keinen großen Bedarf der T-Mobile-Kunden danach gebe. Daher habe die Telekom-Tochter kein Problem damit, wenn Skype auf Smartphones wie dem Google-Telefon G1 oder Handys von Nokia installiert werden könne.

Skype hat gut 400 Millionen registrierte Nutzer weltweit. Für Ebay entwickelte sich der milliardenschwere Zukauf in den vergangenen Jahren jedoch zur Enttäuschung: Der Telefoniedienst konnte die Ziele beim Umsatz und vor allem beim Gewinn nicht erfüllen. Nun will Skype von dem Wandel in der Telekom-Branche profitieren. Die Vision sei, Skype als einheitliche Kommunikations-Plattform über verschiedene Geräte-Arten - egal ob Handys oder Computer - hinweg zu etablieren.

Kampf um die Zukunft in der Mobilfunkbranche

Mit dem Duell zwischen Apple und Nokia hat sich der Kampf um die der Zukunft der Mobilfunkbranche deutlich zugespitzt. Wer daraus als Sieger hervorgehen wird, ist absolut offen. Die Smartphones - wie die Mischung aus Handy und Mini-Computer genannt wird - machen gerade einmal ein Zehntel der Handys im Umlauf aus. Das bedeutet, es gibt noch einen riesigen Markt, den es zu erobern gilt.

Und dass Nokia heute 37 Prozent des gesamten Handy-Marktes kontrolliert und einen Marktanteil von rund 38 Prozent bei Smartphones hat, bedeutet da nicht soviel. Denn viele Kunden wechseln spätestens alle zwei Jahre ihr Gerät, wenn der Mobilfunkvertrag wieder zur Verlängerung ansteht.

Außerdem kämpft ein neuer außerordentlich starker Rivale um seinen Platz auf den Markt: Die vom Internet-Riesen Google ins Leben gerufene Allianz um das Betriebssystem Android. Nach dem G1 von T-Mobile präsentierte auch Vodafone in Barcelona sein Google Handy und vollzieht damit einen riskanten Strategiewechsel. 

Das wichtigste aber ist: Hinter Android stehen insgesamt rund 50 Handy-Hersteller, Mobilfunk-Anbieter und Zulieferer sowie die Internet-Großmacht Google. Nokia ist nicht dabei, doch haben die Finnen ihr eigenes Betriebssystem Symbian inzwischen auch in eine offene Plattform verwandelt.

Scharfer Wettbewerb

Die Marktforscher von Gartner rechnen für die nächsten Jahre mit einem scharfen Verdrängungswettbewerb. Bis 2015 werden nach ihrer Einschätzung nur noch drei Handy-Betriebssysteme den Markt beherrschen. Als Wackelkandidaten haben sie dabei zuletzt Windows Mobile von Microsoft ausgemacht. Doch der weltgrößte Software-Konzern gibt nicht kampflos auf, sondern will aus der Dominanz von Windows in der Computer-Welt Kapital schlagen.

Microsoft wolle Windows als eine einheitliche Plattform für den Computer, das Handy und das Web etablieren, sagte Konzern-Chef Steve Ballmer in Barcelona. Das neue Handy-Betriebssystem Windows Mobile 6.5, das dieses Jahr auf den Markt kommt, solle sich ähnlich wie der vom PC bekannte große Bruder bedienen lassen.

Stärkeren Wettbewerb gibt es auch bei den Geräten: Der Navigationsgerätehersteller Garmin präsentierte endlich sein Nüvifone und auch der Computerhersteller Acer drängt auf den lukrativen Smartphone-Markt. 

Standardisiertes Netzteil

Dass es nicht nur gegeneinander, sondern durchaus auch miteinander funktionieren kann, wollen führende Handy-Hersteller und Mobilfunk-Anbieter beweisen: Sie haben sich auf ein einheitliches Netzteil für Mobiltelefone geeinigt. „Bis zum Jahr 2012 wird die Mehrzahl der Handys mit einem standardisierten Netzteil ausgeliefert“, kündigte Rob Conway, Chef des Mobilfunkverbandes GSM Association (GSMA) heute auf dem Mobile World Congress in Barcelona an. Zu den Unterstützern der Initiative gehören nach Angaben der GSMA 20 Hersteller, darunter Nokia, Samsung, Motorola, LG und Sony Ericsson. Außerdem stehen unter anderen die Netzbetreiber T-Mobile, Vodafone, AT&T, Orange und Telefónica/O2 hinter dem Plan.

Bislang liefern die Handyhersteller ihre Geräte mit unterschiedlichsten Netzteilen aus, die in der Regel untereinander nicht kompatibel sind. „Ich habe zu Hause einen ganzen Schrank voll Netzteile“, sagte Conway. Das neue Standard-Ladegerät soll auf der Basis des technischen Standards MicroUSB produziert werden. Und gut für die Umwelt soll's außerdem sein: Im Vergleich zu gegenwärtigen Netztteil-Generation sollen die neuen Ladegeräte 50 Prozent weniger Energie benötigen. „Das wird Millionen Tonnen von Treibhausgas im Jahr sparen“, sagte Conway.

O2 gibt Gas beim mobilen Internet

Dass das mobile Internet inzwischen beim Kunden angekommen ist, daran besteht für die Mobilfunkunternehmen kein Zweifel mehr. So will der Mobilfunk-Anbieter O2 in diesem Jahr in Deutschland deutlich schnellere mobile Internet-Verbindungen starten. Mitte 2009 sollen zunächst Kunden in München Breitband-Anschlüsse mit Download-Geschwindigkeiten von bis zu 28 Megabit pro Sekunde nutzen können, wie Jaine Smith Basterra, Deutschland-Chef der Tochter des spanischen Telefónica-Konzerns, heute ankündigte. Das entspricht den Geschwindigkeiten schneller DSL-Anschlüsse.

Möglich wird das Tempo durch eine neue Mobilfunktechnik, HSPA+ genannt. Die entsprechende Technik liefere der chinesische Ausrüster Huawei Technologies. Der Wettbewerber T-Mobile will ebenfalls mobile Breitbandverbindungen mit einer Download-Geschwindigkeit von 28,8 Megabit pro Sekunde in Pilotversuchen ausprobieren.

O2 rechnet damit, dass sich die Zahl seiner Kunden bei mobilem Internet 2009 verdreifachen wird. Die neuen schnellen Verbindungen werden die Nutzung von Multimedia-Diensten wie Video-Downloads sowie Spielen vereinfachen, wie Basterra betonte. Die Mobilfunk-Betreiber hoffen, mit Hilfe höherer Datenumsätze aus dem mobilen Internet den Rückgang der Erträge in der Sprachtelefonie auszugleichen.

Acht Jahre nach der Versteigerung der UMTS-Lizenzen sei das mobile Internet in Deutschland endlich Realität, sagte Basterra. Treibende Kräfte seien innovative Endgeräte, preiswertere Datentarife sowie auf die mobile Nutzung spezialisierte Anwendungen.

Basterra kündigte außerdem an, dass sein Unternehmen 80 Ladengeschäfte des Service-Providers freenet übernehmen werde. Finanzielle Details wurden nicht genannt. Das Büdelsdorfer Unternehmen steckt derzeit in einem tiefen Umbau und ist dabei, die drei übernommenen Marken Debitel, Talkline und _dug zu integrieren.

Das Geschäft steht für die Messeaussteller im Vordergrund. Der Smalltalk auf den Standpartys füllt schließlich nicht unbedingt die Auftragsbücher. Doch eins wird in Barcelona wieder klar: Es bleibt spannend auf dem Mobilfunkmarkt.

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