Hausbau: Der Sonne entgegen

Hausbau: Der Sonne entgegen

In Freiburg steht die modernste Solarsiedlung Europas. Die Bewohner der 58 Häuser erleben, wie Klimaschutz Spaß machen kann.

Die Häuserfassaden in der Freiburger Solarsiedlung am Schlierberg leuchten hellblau, orange, rot, gelb und grün – wie ein riesiges Blumenfeld. Susanne Köhler sitzt mittendrin auf der Terrasse ihres Hauses nahe der Elly-Heuss-Knapp-Straße. Die 41-Jährige hat auf dem Dach ihres Hauses einen Sonnenkollektor, der mit den Anlagen auf den Nachbarhäusern an diesem warmen Aprilabend um die Wette glitzert. „Unser Dach verdient gerade Geld“, sagt sie grinsend. Denn Köhler speist Solarstrom ins öffentliche Elektrizitätsnetz ein. Die Eventmanagerin wohnt zusammen mit ihrem Mann und den 10 und 13 Jahre alten Kindern seit 2003 in Europas modernster Solarsiedlung im Südwesten Freiburgs. Die 58 Häuser im Quartier Vauban und das benachbarte Bürogebäude namens Sonnenschiff gehen mit Energie so effizient um, dass sie pro Jahr mehr Energie produzieren als verbrauchen. Dennoch muten sie den Bewohnern keinen Verzicht auf Lebensqualität zu. Im Gegenteil: „Auf diese Art die Umwelt zu schonen und Kohlendioxid zu sparen macht Spaß“, versichert Susanne Köhler. Das Konzept der Siedlung, vom Architekten Rolf Disch vor bald zehn Jahren entwickelt, ist aktueller denn je. Spätestens seit dem Klimabericht der Vereinten Nationen ist klar: Die Temperatur auf der Erde wird in den nächsten 100 Jahren spürbar steigen. Als Mitverursacher gilt unter Wissenschaftlern die intensive Nutzung fossiler Brennstoffe in Industrie und Verkehr, für die Stromgewinnung und Klimatisierung von Gebäuden. Nur eine drastische Senkung des Kohlendioxidausstoßes, warnt das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen, könne die Katastrophe noch verhindern. Klimaschutz, darin sind sich die Experten einig, beginnt an der Haustür: Etwa 20 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in der Bundesrepublik werden nach Schätzung der Deutschen Energie-Agentur (dena) durch Heizung und Warmwasserversorgung von Wohn- und Bürogebäuden verursacht. Die Zusammenhänge zwischen Weltklima und privatem Energiekonsum sind Susanne Köhler und ihrem Mann, der als Ingenieur in Basel arbeitet, schon länger klar: „Der Treibhauseffekt war in meinem Studium schon vor 15 Jahren Lehrstoff“, sagt Volkhard Köhler. Trotzdem war die junge Familie zunächst skeptisch, als sie zum ersten Mal in die Solarsiedlung kam: Mit Jutetaschen und Verzichtsappellen der Freiburger Ökoszene hatten die Köhlers wenig am Hut. Sie suchten lediglich ein Haus mit Garten, das stadtnah liegen sollte, mit gesunden Materialien gebaut war und sparsam mit Energie umgehen sollte. Das Angebot, auf das sie bei der Zeitungslektüre stießen, war da verlockend: 137 Quadratmeter Wohnfläche auf drei Etagen, ein ruhiger Garten, stadtnah gelegen und ans Straßenbahnnetz angeschlossen, dazu verkehrsberuhigt – und obendrein bezahlbar. Als Architekt Disch die Idee des Plusenergiehauses – ein Haus, das mehr Energie erzeugt, als es selbst verbraucht – erstmals öffentlich in Freiburg vortrug, wurde er milde belächelt. Heute ist der 62-jährige Solarpionier nicht nur in der wärmsten Stadt Deutschlands ein gefragter Mann. Der Klimawandel hat den Überzeugungstäter zum begehrten Gesprächspartner für Politiker, Talkshows und Bauinteressenten gemacht. Seit den Siebzigerjahren hat Disch seine Arbeit nach der Sonne ausgerichtet. „Ich wollte mit der Solarsiedlung ein Projekt ohne Kompromisse realisieren und das machen, was energetisch und für die Wohnqualität sinnvoll ist“, sagt Disch, der nach einer Ausbildung zum Maurer und Möbelschreiner Bautechnik und Hochbau studierte. Er selbst lebt in der Nähe der Solarsiedlung in einem wundersamen Gebäude namens Heliotrop. Das runde, überwiegend aus Holz gebaute Wohn- und Geschäftshaus sitzt auf einer 14 Meter hohen, von einem Elektromotor angetriebenen Spiralkonstruktion, die es erlaubt, das Haus nach dem Stand der Sonne auszurichten. „Vieles habe ich hier ausprobiert, was später der Solarsiedlung zugute kam“, erzählt er.

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Ehe Dischs Siedlungsträume Realität wurden, musste er in einem zähen Verfahren zunächst Bürokraten und Finanziers von seinem Projekt überzeugen. Mehrmals stand das Vorhaben kurz vor dem Aus. So sprang sein Investor Rolf Deyhle, damals Chef des kriselnden Musicalunternehmens Stella, kurzfristig ab. Und die Stadt Freiburg traute dem Architekten nicht zu, das Großvorhaben allein zu schultern, und schrieb die Baufläche, die einst den in Freiburg stationierten französischen Soldaten als Fußballplatz diente, neu aus. Disch fand zwar bald mit den Schokoladenfabrikanten Alfred Ritter und Marli Hoppe-Ritter neue Investoren, mit denen zusammen er heute die Solarsiedlung GmbH betreibt. Doch er erhielt im Jahr 2000 nur für einen Teil der Fläche den Zuschlag und konnte deshalb am Schlierberg auch nur die Hälfte der geplanten 120 Häuser bauen. Auf der anderen Hälfte wurden später Häuser in konventioneller Bauart errichtet. Was Disch heute noch wurmt: „Viele dieser Neubauten sind doch schon Altlasten, wenn sie fertig sind.“ Die Solarsiedlung hingegen steht für die Zukunft – und ihre Bewohner stehen für eine Trendwende: Bauherren und Mieter mit ökologischem Bewusstsein, aber ohne Weltverbesserer-Attitüde. „Die 1300 Euro Warmmiete inklusive Tiefgarage, die wir hier zahlen, hätten wir in Freiburg auch für jedes vergleichbare konventionelle Haus entrichten müssen“, sagt Köhler. Dafür sind steigende Heizkosten für die Bewohner der Disch-Häuser kein Thema. „Wir hatten 2006 Heizkosten inklusive Warmwasserbereitung von rund 300 Euro – im ganzen Jahr“, erzählt Köhlers Nachbar, der pensionierte Lehrer Wolfgang Schnürer. Zusammen mit seiner Frau hat er vor dreieinhalb Jahren ein Solarhaus gekauft. Der heute 70-Jährige, der noch jeden Tag mindestens 20 Kilometer mit dem Rennrad fährt, sitzt auf seinem Sofa und blättert in einem Aktenordner, in dem Rechnungen abgeheftet sind. Das Studium der Computerausdrucke lässt ihn zufrieden lächeln: „Wenn die Energiekonzerne an der Preisschraube für Heizöl und Gas drehen, lässt uns das kalt.“ Und dafür muss er auch im Winter auf keinen Komfort verzichten. Schnürers Jahresbilanz kann sich sehen lassen: „Wir haben in unserem Haus im vergangenen Jahr 3300 Kilowattstunden verbraucht, unsere Anlage aber hat 5300 Kilowattstunden produziert.“ Weil für den verbrauchten Strom 19,5 Cent pro Kilowattstunde fällig werden und der auf dem eigenen Dach geerntete Strom 49 Cent bringt, war die Haushaltskasse am Jahresende mit 1954 Euro deutlich im Plus.

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