
Jochen Räke ist kein Mann, der viel Aufhebens von sich macht, er ist eher ein stiller Typ. In der Hi-Fi-Szene aber gilt Räke als Legende: Seine Plattenspieler zählen zu den besten der Welt. Für Hi-Fi-Liebhaber gehört daher ein Besuch im Ausstellungsraum von Räkes Firma Transrotor zum Pflichtprogramm auf der High End 2010 in München. Laufwerke wie der Transrotor Argon sind auf Europas wichtigster Messe für "hochwertige Unterhaltungselektronik" alljährlich unter den meistfotografierten Objekten. Kein Wunder, der Argon kostet knapp 140000 Euro. Natürlich gibt es auch günstigere Plattendreher. Doch keinen unter 2000 Euro. Die Frage liegt nahe, ob es in Zeiten der Wirtschaftskrise noch Käufer für solche Geräte gibt. Jochen Räke weicht der Frage nicht aus. Das Geschäft in Deutschland laufe immer schlechter.
Das liegt laut Räke auch daran, dass Hersteller wie Rega oder Pro-ject schon für einige hundert Euro ordentliche Plattenspieler anbieten. Transrotor betreibt klassisches Handwerk und fertigt nicht mehr als 1000 Geräte pro Jahr. Und hier liegt wohl das Problem. "Bei unseren Herstellungskosten lohnt es sich nicht, Geräte unter 2000 Euro zu fertigen", sagt Räke. Deshalb gehen inzwischen 50 bis 55 Prozent der Laufwerke in den Export; nach China, Hongkong, Taiwan oder auch nach Australien. 40 Länder stehen inzwischen auf der Lieferliste von Transrotor. So gesehen geht es dem Unternehmen aus Bergisch Gladbach richtig gut.
Neue Dimension beim Musikgenuss: Streaming
Dass das klassische High-End-Lager in den letzten Jahren in Deutschland in die Defensive geraten ist, zeigt ein schneller Rundgang über die Messe. Viele der 258 Aussteller präsentieren Produkte, bei denen das Wörtchen "Digital" auf dem Gehäuse prangt. Hi-Fi-Traditionalisten mögen das Wort nicht. Für Branko Glisovic, Geschäftsführer der High End Society, ist die Entwicklung aber ein Zeichen, "dass die Branche sich durch Wandel an die veränderten technischen Rahmenbedingungen anpasst". Um diesen Wandel zu demonstrieren, leitet Glisovic höchstpersönlich eine Führung für Journalisten über die High End. Er will zeigen, dass das exklusive Hobby mehr ist als mannshohe Lautsprecher, sündteure Cinch-Kabel und exotische Röhrenverstärker.
Glisovic hat seinen Rundgang dem Thema Streaming gewidmet. Für die meisten Experten das Trend-Thema schlechthin auf der Messe. Beim Streaming werden CDs im ersten Schritt Bit für Bit auf die Festplatte eines Mediaservers gerippt (kopiert). CD-Cover und Albuminformationen holt sich der Server von Datenbanken wie Allmusic.com aus dem Internet. Nach und nach wandert so die CD-Sammlung auf die Festplatte. Daneben zieht der Mediaserver aber auch MP3-Musik aus dem Web oder von Internetradios. Zum Mediaserver gesellt sich ein "Streaming Client". Dieser bereitet die Musikdateien über einen D/A-Wandler für den Verstärker auf.
Körperlose Musik
Dieses Konzept könnte auch konservativ eingestellte Musikliebhaber begeistern. Denn im Prinzip ist die Streaming-Technik einem CD-Player in puncto Klangqualität überlegen. Ein Mediaserver beherrscht nämlich in der Regel alle Musikformate: vom komprimierten MP3 oder WMA über WAV bis hin zum verlustfreien Flac. Auch bei Sampling-Raten und Bit-Tiefen sind alle Qualitätsstufen möglich: von der Standard-CD (44,1 kHz/16 Bit) bis zur hochauflösenden Aufnahme mit 96 kHz und 24 Bit. Der Festplatte ist es schließlich egal, in welchem Datenformat die Musik abgelegt wird. Und die passende Software lässt sich leicht installieren oder updaten. Hinzu kommt, dass bei herkömmlichen CD-Playern Vibrationen des Laufwerks oder Kratzer auf der CD die Arbeit des Lasers stören, was für sensible High-End-Ohren auch die Klangqualität der Musikwiedergabe beeinträchtigt. Liegt die Musik auf der Festplatte, sind solche Störungen ausgeschlossen.
Daneben sind die Systeme auch außerordentlich praktisch. Tausende von CDs passen auf eine Festplatte und die voluminöse CD-Sammlung kann in den Keller wandern. Das lästige Wechseln der CDs fällt weg. Über eine Fernbedienung mit Touchscreen kann man bequem in der persönlichen Mediathek stöbern und einzelne Titel nach Belieben aufrufen. Branko Glisovic nennt das "körperlose Musik".











