
Norbert Hauel ist ein Glückspilz: Schon zum zweiten Mal ist es ihm gelungen, ein hochwirksames Medikament für seinen Arbeitgeber, das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, zu entwickeln. Manch anderem Chemiker ist das nicht ein einziges Mal in seiner Berufslaufbahn vergönnt. Es sei schon "sehr befriedigend", gibt der 59-Jährige zu. Und "ganz schön stolz" sei er auf "sein" neues Medikament auch.
Tatsächlich hat Hauel geschafft, was anderen Forschergruppen seit über 40 Jahren misslang: einen neuen Blutgerinnungshemmer zu entwickeln, der extrem wenig Nebenwirkungen hat und sich ganz einfach schlucken lässt. Die Substanz Dabigatran, mit der Boehringer Ingelheim bis in die Endrunde des Deutschen Innovationspreises kam, beugt Blutgerinnseln in den Adern vor. Die gehören zu den großen Übeltätern in unserem Körper: Wenn sie verklumpen und sich als Blutpfropf – Ärzte nennen ihn Thrombus – in einer Ader im Herzen, der Lunge oder im Gehirn festsetzen, drohen Herzinfarkt, Lungenversagen oder Schlaganfall, mitunter mit tödlichem Ausgang.
Tabletten statt spritzen
Um solche Verstopfungen in den Adern zu verhindern – etwa nach Operationen oder wenn Patienten lange liegen müssen –, wird oft mit dem Gerinnungshemmer Heparin vorgebeugt. Wer jemals länger im Krankenhaus lag, kennt den täglichen Auftritt des Pflegers oder der Krankenschwester mit der Spritze – und damit auch das Problem: Die hochwirksame Substanz Heparin muss injiziert werden. Dabigatran kann geschluckt werden.
In Tablettenform gibt es für Menschen mit Vorerkrankungen wie etwa dem Vorhofflimmern zwar ebenfalls schon eine Reihe von Präparaten wie Marcumar oder Warfarin. Doch deren Wirkung muss ständig kontrolliert werden, weil sie mitunter die Gerinnung so stark hemmen, dass lebensgefährliche innere Blutungen drohen. Der Wirkstoffspiegel dieser über 40 Jahre alten Präparate schwankt beispielsweise sehr stark in Abhängigkeit vom Speiseplan. "Die Patienten laufen ständig Gefahr", sagt Hauel, "entweder zu wenig oder zu viel Gerinnungshemmer im Blut zu haben."
Entscheidende Vorarbeit zu Hauels neuem Medikament leistete eine Max-Planck-Forschergruppe 1992: Es war ihnen erstmals gelungen, die dreidimensionale Struktur des an der Blutgerinnung ganz wesentlich beteiligten Moleküls Thrombin und eines dazu passenden möglichen Hemmstoffs darzustellen. Forscher in aller Welt waren elektrisiert, erinnert sich Hauel. Zahllose Pharmalabors hätten sich darangemacht, die Substanz nachzubauen – und sie zu verbessern. Denn in der ursprünglichen Form wurde sie viel zu schnell vom Körper abgebaut.
Kampf um Milliardenmarkt
Drei Jahre und 79 Molekülvarianten später hatten die Boehringer-Ingelheim-Forscher eine Substanz entwickelt, die im Labor zwar funktionierte, nicht aber im Körper. Doch Hauel synthetisierte unverdrossen neue Molekülvarianten, hängte hier eine Seitenkette und dort einen Stickstoffring an und maskierte schließlich den Wirkstoff Dabigatran chemisch so, dass er vom Darm überhaupt in den Körper aufgenommen wird.
Erst dann wurde die Substanz am Menschen erprobt: Zunächst zum Schutz vor Blutgefäßverschlüssen nach Hüft- und Knieoperationen. Für diese Anwendung ist das Mittel unter dem Namen Pradaxa seit 2008 auf dem Markt. Parallel dazu wurde es zur Vorbeugung gegen Schlaganfälle erprobt. Hier fielen die Ergebnisse so gut aus, dass die Pille auch für dieses Krankheitsbild nun in Europa und den USA auf die Zulassung wartet. Obwohl das Unternehmen Bayer mit einem anderen Wirk-Konzept und seinem Gerinnungshemmer Xarelto nun Dabigatran dicht auf den Fersen ist, hofft Boehringer Ingelheim einen großen Teil des derzeit gut sieben Milliarden Dollar großen Weltmarkts für Gerinnungshemmer für sich erobern zu können.
Chemiker Hauel hat sich derweil schon der nächsten Substanzklasse zugewandt und hofft, bis zur Rente vielleicht noch einen dritten Pillen-Coup zu landen.











