Internet für alle: Kubas digitale Revolution

Internet für alle: Kubas digitale Revolution

, aktualisiert 25. Januar 2017, 14:24 Uhr
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Das Großstadtleben in Havanna hat sich verändert: Zu jeder Tages- und Nachtzeit sieht man nun auch hier Menschen, die auf ihre Smartphones starren.

Quelle:Handelsblatt Online

Nach Ende der Eiszeit mit den USA jubeln die Kubaner über die bisher größte Veränderung in ihrem Alltag: privaten Internet-Zugang. Noch kommen zwar nur wenige Nutzer in den Genuss, doch das Angebot soll ausgebaut werden.

HavannaZwei Tage vor Weihnachten erhielt Luis Gonzalez vom staatlichen kubanischen Telekommunikationsunternehmen ein kleines chinesisches Modem. Der 55-jährige Theaterproduzent verband es mit seinem Telefon und seinem Laptop. Prompt leuchte dort ein Dienst auf, der auf Kuba noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien: ein relativ schneller privater Internet-Zugang.

„Es ist echt einfach, sich hinzusetzen und das zu finden, was man braucht“, sagt Gonzalez, während er von seinem Wohnzimmer aus seinen Facebook-Account aktualisiert. Anschließend hört er einen Web-Radiosender aus Uruguay und checkt die Ankunftszeiten von Touristenflügen für einen Nachbarn, der in dem Gebäude in der Altstadt von Havanna Zimmer vermietet. „Die meisten Kubaner sind diese Annehmlichkeit nicht gewohnt.“

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Das Internet für Privathaushalte ist auf der Insel seit Dezember im Rahmen eines begrenzten Pilotprogramms erhältlich. Es ist die dramatischste Veränderung im Alltag der Menschen seit Beginn des Tauwetters im Verhältnis zu den USA Mitte Dezember 2014.

Zwar gehört Kuba immer noch zu den Ländern mit der geringsten Verbreitung des Internets. Doch der Zugang der Bevölkerung zum Netz explodierte in den vergangenen zwei Jahren. Seit Sommer 2015 eröffnete die Regierung 240 öffentliche WLAN-Hotspots in Parks und an Straßenecken im ganzen Land. Zuvor waren die Menschen auf marode staatliche Internet-Clubs und Hotels angewiesen, die für eine Stunde langsamen Surfens bis zu acht Dollar (7,50 Euro) verlangten – und das in einem Land mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von umgerechnet 23 Euro.

Inzwischen ist der Preis auf umgerechnet 1,40 Euro gesunken. Das ist immer noch teuer, aber bezahlbar für viele Kubaner mit einem privaten Einkommen oder finanzieller Hilfe von Verwandten aus dem Ausland. Bis vor wenigen Jahren war die Insel sogar noch von langsamem und teurem Satelliten-Internet abhängig. Erst seit 2013 ist sie über ein Glasfaserkabel nach Venezuela mit dem Breitbandnetz verbunden.

Vier Jahre später nutzen laut einer Schätzung der Regierung 100.000 Kubaner täglich das Internet. Das Großstadtleben hat sich verändert: Zu jeder Tages- und Nachtzeit sind nun auch in den Straßen von Havanna Menschen unterwegs, die auf ihre Smartphones starren.


Digitale Familienzusammenführung

Besonders beliebt bei den Kubanern sind Nachrichtendienste wie Facebook Messenger, über die sie mit Angehörigen in Miami, Ecuador oder anderen Außenstellen der kubanischen Diaspora chatten. Die meisten Zugänge laufen über Handykarten des staatlichen Monopols, die auf dem Schwarzmarkt oft zu höheren Preisen weiterverkauft werden.

Die rasante Ausbreitung des Internets hat Familien, die über Jahre oder sogar Jahrzehnte getrennt waren, digital wieder zusammengeführt. Sie befeuerte den Erfolg von Buchungsportalen wie Airbnb, die Millionen in die private Zimmervermietung spülten. Zudem verschaffte sie den Kubanern einen schnelleren Zugang zu Nachrichten und kulturellen Entwicklungen im Rest der Welt.

Dank ihres Einfallsreichtums können die Kubaner sogar weit über die öffentlichen WLAN-Spots hinaus surfen: Tausende fangen die Signale mit Repeatern ab, die illegal nach Kuba importiert und hier oft für das Doppelte des Originalpreises verkauft werden. Viele Zimmervermieter, Cafés und Restaurants bieten diesen Zugang inzwischen an: Zu erkennen sind sie an den Repeatern auf dem Dach.

An der legalen Front einigten sich Google und der staatliche kubanische Telekom-Monopolist Etecsa im vergangenen Monat auf ein Abkommen, wonach Google-Inhalte wie YouTube-Videos auf Servern innerhalb Kubas gespeichert werden. Das verschafft den Nutzern einen schnelleren und störungsfreieren Zugriff.

Wie eng der Internet-Boom mit der Annäherung an die USA zusammenhängt, ist unklar. Doch schon sechs Monate nach der historischen Ankündigung von Ex-US-Präsident Barack Obama am 17. Dezember 2014 begann Kuba mit dem Ausbau und der Öffnung von WLAN-Spots. Noch bedeutsamer dürfte für viele Kubaner indes der Start des privaten Internets sein, das die kommunistische Regierung lange strikt abgelehnt hatte.


Pilotprogramm in der Altstadt von Havanna

In den Genuss des Pilotprogramms kommen zunächst etwa 2000 ausgewählte Bewohner der Altstadt von Havanna. Sie erhalten für zwei Monate kostenlosen Internet-Zugang, der anschließend ausgeweitet und kostenpflichtig werden soll.

Programmteilnehmer Gonzalez sagt, er könne dann über seine Verbindung mit einer Geschwindigkeit von 128 Kilobyte pro Sekunde 30 Stunden Zugang für umgerechnet 14 Euro bekommen. Für schnellere Verbindungen steigt der Preis bis auf umgerechnet knapp 110 Euro – das ist deutlich teurer und langsamer als in den meisten anderen Teilen der Welt.

Die kubanische Regierung macht für die anhaltend hohen Internet-Preise das US-Handelsembargo gegen die Insel verantwortlich. Unabhängige Beobachter dagegen werfen der sozialistischen Regierung vor, bewusst den Zugang zu beschränken und mit Hilfe überhöhter Online-Gebühren die klamme Staatskasse aufzufüllen.

Vor allem junge Leute hoffen darauf, dass die Staatsmacht den Internet-Zugang eines Tages als Notwendigkeit und Recht ansehen wird – ebenso wie die kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung.

Quelle:  Handelsblatt Online
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