Internet: Norwegischer Rundfunk greift iTunes an

Internet: Norwegischer Rundfunk greift iTunes an

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Internet-Musikdatenbank: Rund 1,5 Millionen Titel zum Herunterladen

Der norwegische Rundfunk hat sein Musikarchiv mithilfe deutscher Techniker digitalisiert – nun wollen die Archivare Apples iTunes-Store angreifen.

Paul von Kempen (1893–1955) soll ein ausdrucksstarker Dirigent gewesen sein. Der Deutsch-Holländer gehörte einer Dirigentengeneration an, die durch Temposchwankungen und eigenwillige Auslegungen eine persönliche Interpretation anstrebten. Wie sich das anhörte, mag man sich denken – anhören können es sich Musikliebhaber heute nicht mehr. Denn auf CD wurden die Interpretationen des Stardirigenten nie gepresst.

Immerhin: Im Musikarchiv der staatlichen Rundfunkgesellschaft Norsk Rikskringkasting (NRK), ist eine alte Polydor-Schallplatte erhalten, auf der von Kempen zusammen mit den Dresdner Symphonikern die Ouvertüre zu Gioacchino Rossinis Oper „Wilhelm Tell“ eingespielt hat. Musikfreunde können das Stück in wenigen Tagen von der Web-Site www.nrk.no/aktivum herunterladen.

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Die alte Operneinspielung ist Teil eines Schatzes, den die NRK jetzt öffentlich zugänglich macht – aus urheberrechtlichen Gründen zunächst nur für Kunden in Norwegen. Insgesamt 1,5 Millionen Titel zählt das Musikarchiv der Rundfunkanstalt in Oslo, das in den vergangenen zwei Jahren mit deutscher Hilfe digitalisiert wurde.

Dem Chefarchivar und Projektleiter Jon Roar Tønnesen ging es ursprünglich nur darum, die Arbeit der Musikredakteure zu erleichtern. Sie mussten sich mithilfe von Karteikarten aus dünnem Pergamentpapier mühsam einen Weg durch die Sammlung suchen und die Bänder, LPs und CDs später im Studio von Hand auflegen.

Musikarchiv ab einem Euro pro Stück

„Ich hatte einen Traum“, erzählt Tønnesen: „Den Traum einer volldigitalisierten Rundfunkproduktion.“ Die Finanzierung des Projekts aber hätte den Staatssender überfordert: „Mit Rundfunkgebühren allein“, wurde Tønnesen schnell klar, „wäre das nicht zu stemmen.“ Der norwegische Techniker und Rundfunk-Manager musste eine neue Finanzierungsquelle finden. So kam er auf die Kommerzialisierung des NRK-Musikarchivs mit seinen 150.000 neuzeitlichen CDs, 160.000 Vinylplatten und einigen Dutzend „Wax Recordings“ – mit Wachs überzogenen Papierrollen, mit denen in der Frühzeit der Phonographie Töne aufgezeichnet werden konnten. Tønnesen: „Das ist unsere Goldmine.“

Ausgebeutet werden soll die Goldmine über ein innovatives Internet-Portal, das der Münchner Spezialist Discovery Sysco für die Norweger entwickelt hat. Kunden können auf der Seite musikhistorische Seltenheiten, aber auch aktuelle Hits als MP3-, WMA- oder AAC-Datei auf den PC oder ihr Handy laden, die Musikstücke gibt es ab einem Euro. „Interaktive Anwendungen via Handy sind auch in Norwegen ausgesprochen populär“, sagt Wolfgang Klein, Geschäftsführer des zur Syscoplan gehörenden Systementwicklers.

musikdownload

Der Musikdownload-Markt ist nicht nur populär, sondern auch lukrativ: Jeden Monat geben die Norweger rund 743.000 Euro für Musikdownloads aus – Tendenz steigend. Der Staatsrundfunk hofft, mithilfe seines digitalen Musikarchivs ein Stück dieses Marktes erobern zu können, den sich Apples iTunes-Store derzeit mit lokalen Anbietern teilt. Tønnesen strebt mit seinem Portal schon im ersten Betriebsjahr einen Marktanteil von 20 Prozent an. Entsprechend schnell wären dann die Kosten von rund drei Millionen Euro für die Entwicklung und Implementierung des hochkomplexen Systems eingespielt.

Darin enthalten sind auch die Kosten zur Klärung des Urheberrechts: Rundfunkanstalten zahlen zwar Lizenzgebühren für jede Sendesekunde, in der Hits über den Äther gehen. Doch die Frage, zu welchen Konditionen die Ware an Dritte veräußert werden darf, war in der Verträgen mit der Musikindustrie nicht geklärt. Nach Zahlung eines Betrags von rund 50.000 Euro konnte in den Verhandlungen für die Nutzung der Musikdaten in Skandinavien eine Einigung erzielt werden.

Ziel ist es, das Musikarchiv in Oslo zu einer Plattform für skandinavische Kultur auszubauen – durch Zusammenarbeit mit Rundfunkanstalten in Schweden, Finnland und Dänemark. Im ersten Schritt soll ein Museum für Rockmusik im Internet eingerichtet werden. Vorgesehen ist auch, die Bestände der norwegischen Nationalbibliothek zu integrieren – für die deutschen Spezialisten gibt es in Oslo also noch genug zu tun. Möglicherweise aber auch andernorts: Wie Geschäftsführer Klein berichtet, werden die Aktivitäten der Norweger von der britischen BBC, vom Schweizer Radio sowie vom bayrischen Rundfunk intensiv verfolgt: „Schätze gäbe es dort sicher ebenfalls zu heben.“

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