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IT-Gipfel : Thema verfehlt

von Thomas Stölzel

Der heutige IT-Gipfel ist eine Veranstaltung, bei der sich die Bundesregierung mit den großen IT- Konzernen über "alte" Infrastruktur-Themen unterhält. Da geht es um die Dauerbrenner Breitband, DSL und die elektronische Gesundheitskarte. Dabei ist das derzeit größte Wachstumsfeld der Branche das mobile Internet. Deutschlands Chance beim mobilen Internet international endlich eine Führungsrolle einzunehmen, verschlafen die Teilnehmer, meint WirtschaftsWoche-Redakteur Thomas Stölzel.

Bundeswirtschaftsminister Quelle: dpa
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle Bundeskanzlerin Angela Merkel beim IT-Gipfel in Stuttgart Quelle: dpa

Wenn sich Matthias Kose etwas wünschen dürfte, wäre dies eine weltweite Marketingkampagne für deutsche iPhone-Software-Programme, sogenannte Apps.

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Tritt doch der Gründer des Bremer Start-Ups Mobilinga, das für Apples Multimediahandy eine kleine Software zum Lernen von Sprachen entwickelt hat, derzeit mit seinem Produkt international gegen Tausende  konkurrierende Apps an.

Beim heutigen IT-Gipfel in Stuttgart, zu dem vier Bundesminister sowie Kanzlerin Angela Merkel persönlich angereist sind, spielt das mobile Internet jedoch nur eine Nebenrolle.

Viel lieber unterhalten sich die Teilnehmer über Infrastruktur-Dauerbrenner wie die Gesundheitskarte, intelligente Stromnetze und die Breitbandinitiative.

Das sind Themen, die zwar wichtig sind, jedoch vor allem etablierte deutsche Konzerne wie die Deutsche Telekom, SAP und Giesecke & Devrient interessieren.

Das eigentliche Thema verfehlt der Gipfel.

Das mobile Internet ist derzeit das Wachstumsfeld der IT-Branche schlechthin

Gerade einmal etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass der kalifornische iPhone-Hersteller Apple seinen App-Store eröffnet hat. Trotzdem haben dessen Kunden bereits mehr als zwei Milliarden Programme heruntergeladen – auch von deutschen Softwareentwicklern wie dem Bremer Gründer Kose.

Andere Handybauer wie der Blackberry-Hersteller Research in Motion und Nokia starten derzeit ebenfalls Online-Portale für Apps.

Das Wachstumspotenzial ist groß.  „Ich habe jedoch die Sorge, dass die in Stuttgart nicht erkennen, dass hier etwas Großes entsteht“, sagt Kose.

Er ist damit nicht allein.

Tatsächlich müssten der IT-Branchenverband Bitkom und die Bundesregierung zu diesem Zeitpunkt dringend dafür sorgen, dass Deutschland nicht erneut eine große Entwicklung im Netz verpasst.

Denn im klassischen Internet spielt unser Land nahezu keine Rolle mehr. Dominierende Unternehmen wie Google, Amazon und Ebay sind allesamt us-amerikanisch. Die wenige deutsche Konkurrenz, die es Anfang dieses Jahrzehnts hierzulande gab, wurde meist von den US-Konzernen geschluckt, zum Beispiel das Auktionshaus Alando.de.

Auch bei den meisten anderen Computeranwendungen sind die USA führend. Ob Youtube, Facebook oder der Internet-Kurz-Nachrichtendienst Twitter: So ziemlich jedes neue, angesagte Programm kommt aus den USA.

Daraus entsteht für deutsche Gründer, die im mobilen Internet Fuß fassen wollen, ein Nachteil. So gibt es beispielsweise hierzulande nur wenige ausgebildete Entwickler und Designer von Computerspielen. Spiele jedoch sind ein großer Renner im App-Store.

Die Köpfe, die gut sind, wandern oft ins kalifornische Silicon Valley ab, da sie dort mehr Chancen sehen. Das gilt ebenso für andere Felder der Software-Branche.

Selbst wenn sich deutsche Entwickler wie Kose selbstsicher geben, technisch mit der weltweiten Konkurrenz mithalten zu können, stellt sich für sie die Frage: Können Sie es finanziell? Mobilinga hat zwar inzwischen den Unternehmer und Ex-LTU-Eigner Hans Rudolf Wöhrl als Venture-Capital-Finanzier gefunden.

Damit ist das Unternehmen aber eine Ausnahme. Viele Gründer des mobilen Internet dürften sich wünschen, auch etwas aus den staatlichen Forschungs-und-Entwicklungstöpfen abzubekommen.

Nicht zuletzt müssen Bitkom und Bundesregierung den aus App-Entwicklern entstehenden Clustern helfen, die sich derzeit in Großstädten wie München, Hamburg und Berlin bilden – selbst wenn die gegenüber dem Silicon Valley Winzlinge bleiben werden.

Ein Beispiel dafür wäre etwa die vom Mobilinga-Gründer vorgeschlagene weltweite Marketingaktion, die die Qualität von Apps „Made in Germany“ hervorhebt. Denn noch hat Deutschland eine Chance, im mobilen Internet eine wichtige Rolle zu spielen.

9 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 10.12.2009, 10:39 UhrAnonymer Benutzer: Industrielobby lässt grüssen!

    Wieso diese Verwunderung? Diese verfehlte industriepolitik passt Perfekt in das bild der schwarz-gelben Regierung. Anstatt nachzudenken, befriedigung von Klientelverbänden von gestern... von vermindertem MvStsatz für Hoteliers, über höhere Steuerfreipauschale für Kinder reicher Eltern anstatt direkt in die bildung zu investieren, bis zu überhoehter Zuteilung von Emissionszertifikaten an luftverschmutzende industrien. Da hilft nur eins: ein ordentlicher Denkzettel bei der nächsten Wahl!

  • 10.12.2009, 02:19 UhrAnonymer Benutzer: @Peter und Brenner

    Keine Sorge, ihr seit nicht allein. Wenn ich T-Systems und iT Unternehmen in Deutschland höre, stellen sich mir die Nackenhaare schon auf.

    Aber im großen und ganzen ist es deshalb unsere Aufgabe die Ewig Gestrigen "mitzunehmen". bewußtsein muss geschaffen werden. Dass die uns so ewiglich Rückständig erscheinen, ist ein Mangel an "Ausbildung" und Wissen. Nicht unbedingt Dummheit und bosheit.

  • 09.12.2009, 13:19 UhrAnonymer Benutzer: peter1

    Gipfel dieser Form sind - bedauerlicherweise - Marketing für Politik und Verbandsvertreter/Grossunternehmen. ich bin von der bedeutung der iT-Wirtschaft überzeugt, aber i-APPS sind zumeist Entertainment. Mobile internet - solange es sich als neue Marketing Plattform darstellt und keinen eigenen Mehrwert schafft - wird die Technik und die Wirtschaft hoffentlich nicht bestimmen und das Steckenpferd von "Mobile internet Envangelists" bleiben - ich kenne nur einen ;-). Nutzen jenseits des Marketings und Entertainment im täglichen Gebrauch - z.b. E-Payment- das wäre zumindest eine Chance.

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