Jeremy Rifkin: "Die großen Stromkonzerne werden an Einfluss verlieren"

Jeremy Rifkin: "Die großen Stromkonzerne werden an Einfluss verlieren"

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Jeremy Rifkin, Ökonom und Soziologe

Der Ökonom und Soziologe rechnet vor, wie die Wirtschaft in der Nach-Öl-Ära funktionieren kann. Er glaubt, dass vor allem die großen Konzerne als Verlierer dastehen werden.

WirtschaftsWoche: Herr Rifkin, die Weltwirtschaft ächzt unter steigenden Rohstoffpreisen und schrumpfenden Ölreserven, die Umwelt unter der wachsenden CO2-Belastung. Untergangspropheten halten unsere Wirtschaft und unseren Lebensstil für nicht zukunftsfähig. Ist das nicht übertrieben?

Rifkin: Nein, denn unsere Wirtschaft und unsere westliche Zivilisation hängen entscheidend von Öl ab. Die Menschheit wächst seit den Siebzigerjahren schneller, als wir neue Ölreserven entdecken. Fachleute bezeichnen diesen Zeitpunkt als "Peak-Oil pro Kopf". Das ging so lange gut, wie Länder, in denen die Bevölkerung überproportional wuchs, unterdurchschnittlich viel Energie verbrauchten. Im Zuge der Globalisierung benötigen auch Staaten wie China oder Indien massiv Öl. Das treibt den Ölpreis und belastet die Weltwirtschaft. Zudem bedroht der hohe Verbrauch das Klima. Zukunftsfähig ist das nicht.

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Wie passt das zum Versprechen der Verfechter der Globalisierung, dass sie immer mehr Menschen Wohlstand beschert?

Wir müssen akzeptieren, dass mit den knapper werdenden Ölreserven auch die Globalisierung ihren Höhepunkt erreicht hat. Mehr Menschen als heute können bei gleichbleibendem Wachstum von Wirtschaft und Wohlstand nicht mit Öl versorgt werden. Vor allem weil die Internationale Energie Agentur inzwischen festgestellt hat, dass das Maximum der Ölförderung schon 2006 erreicht wurde. Allein die heutige Fördermenge aufrechtzuerhalten wird unvorstellbare Summen kosten.

Nach dem globalen Wirtschaftseinbruch 2008 sind Ölverbrauch und -preis aber gesunken. Entspannt das nicht die Lage?

Vorsicht! Der Banken-Crash vor drei Jahren hat nur einen Abschwung verschärft, der zuvor schon durch den hohen Ölpreis ausgelöst war. Jedes Mal, wenn der Brennstoff zu teuer wird, kollabiert der Welthandel. Dann sinkt der Preis, und die Wirtschaft wächst erneut. Das Öl zieht wieder an, und der nächste Abschwung folgt. Ein Teufelskreis, der uns künftig immer neue Wirtschaftskrisen beschert.

Weist nicht technischer Fortschritt, etwa durch effizientere Produktionsverfahren, einen Weg aus dem Kreislauf der Krisen?

Nur begrenzt. Wir müssen sicherstellen, dass unser Wirtschaftssystem – also die Ölökonomie – in den kommenden 30 Jahren nicht völlig kollabiert. Gleichzeitig müssen wir eine Infrastruktur aufbauen, die ohne fossile Rohstoffe auskommt.

Wie könnte dieser Umbau aussehen?

Jeder kann mit Solarpanelen auf den Dächern, mit Miniwindkraftwerken und Wärmepumpen an jedem Gebäude grüne Energie ernten. Wind, Sonne und Erdwärme gibt es überall. Allein in der EU können 190 Millionen Häuser zu Mikrokraftwerken umgebaut werden. Wenn wir den Strom dann über intelligente Netze teilen, so wie wir heute Informationen im Internet teilen, haben wir eine starke Basis für eine neue wirtschaftliche Ordnung.

Ist der Austausch von Informationen im Internet nicht etwas völlig anderes als der Handel von erneuerbaren Energien?

Nur auf den ersten Blick. Schon ein Drittel der Menschheit teilt heute im Internet Videos, Musik und ihr Wissen. Warum sollte es mit Energie anders sein, wenn die Infrastruktur einmal vorhanden ist? Genau daran arbeiten große Unternehmen derzeit mit Hochdruck: So entwickeln unter anderem Cisco, Philips und IBM Netztechnik und Software, mit denen jede Privatperson Energie tauschen und handeln kann.

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