Kernenergie: Wie die Atomindustrie Jobs in Deutschland schafft

Kernenergie: Wie die Atomindustrie Jobs in Deutschland schafft

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Areva-Chef Gräber: Das deutsche Atom-Know-how blüht acuh ohne Siemens

Die Atomindustrie in Deutschland blüht und wächst. Inmitten der Wirtschaftskrise gibt es sogar neue Arbeitsplätze und Aufträge aus dem Ausland.

Ulrich Gräber zeigt sich von der lockeren Seite. In seinem geräumigen Büro erzählt er von der uralten Liebe zu Frankreich, die ihn als geborenen Pfälzer von Kindesbeinen an begleite. Daran habe sich bis heute nichts geändert. Nur – dass die Liebe inzwischen auch dem handfesten Geschäft gilt. Denn Gräber ist Chef des deutschen Ablegers von Areva. Das ist das Unternehmen, das in Paris seinen Hauptsitz hat und das weltweit Anlagen, Ausrüstungen und Großkomponenten für Atomkraftwerke baut.

Gräber koordiniert von der Deutschland-Zentrale im fränkischen Erlangen aus die fünf Konzernstandorte Erlangen, Offenbach, Karlstein, Duisburg und Lingen mit insgesamt 8000 Mitarbeitern. 4500 davon arbeiten ausschließlich im kerntechnischen Geschäft. Ihr täglich Brot ist, wovor andere sich fürchten: Brennelemente, Teststände für Atomkraftwerksanlagen, hermetisch abgeschirmte radiochemische Labore in Erlangen, wo die Kernspaltung simuliert wird.

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Die Botschaft des Pfälzers an seine deutschen Landsleute ist so klar wie enthusiastisch: „Wir sind an allen Großprojekten von Areva weltweit beteiligt.“ Triumphierend hält der gelernte Ingenieur einen Ausschnitt aus der französischen Wirtschaftszeitung „Les Echos“ hoch. Darin steht in fetten Lettern, dass Areva-Weltchefin Anne Lauvergeon gerade eine Absichtserklärung mit der indischen Regierung unterschrieben hat, nach der Areva sechs Kernkraftwerke bauen soll. Klar, dass davon auch die deutschen Areva-Werke profitieren werden. Ob Ausstiegsvereinbarung der rot-grünen Koalition von 1998, der freiwillige Verzicht der deutschen Stromwirtschaft auf neue Atommeiler oder das Nein der SPD zur Kernkraft 1986 nach der Tschernobyl-Katastrophe – der mehr oder weniger offene Verzicht in Deutschland auf eine strahlende Energiezukunft hat die Atomindustrie hierzulande nicht ausgelöscht.

35.000 Arbeitsplätze in der Kernbranche

Schätzungsweise 35.000 Arbeitsplätze gibt es in der hiesigen Kernbranche. 30 Unternehmen arbeiten in Deutschland für den Bau, die Modernisierung oder die Wartung von Atomkraftwerken. Dabei ist die Instandhaltung der 17 deutschen Atomblöcke nur Teil eines weltweiten Geschäfts. Nicht nur die Steuerungsingenieure der Atomteststände in Erlangen, auch die Mitarbeiter der konventionellen Energieübertragungs- und Leittechnik zählen zu dem Wirtschaftszweig, die inzwischen unbefangener vor sich hinwerkelt als in den Hochzeiten des Antiatomprotests in den Achtziger- und Neunzigerjahren. In der deutschen Areva-Zentrale in der Paul-Gossen-Straße 100 zu Erlangen, wo der Firmenschriftzug knallrot an der Fassade prangt, gibt es keine Sicherheitsschleusen und keine uniformierten Security-Männer, die einschüchternde Personenchecks vornehmen.

Stattdessen gibt sich die boomende Branche offen und selbstbewusst: „Wir haben im vergangenen Jahr 800 Ingenieure in Deutschland im Bereich Nukleartechnik eingestellt“, sagt Gräber. Auch in diesem Jahr will er im großen Stil Jobs schaffen – wiederum 800 Ingenieure sollen zusätzlich eingestellt werden. Gräber: „Wir sind auf Wachstumskurs.“

Das könnte auch Siemens – Erbauer der Atomkraftwerke in Deutschland – von sich sagen, führe der Münchner Konzern im Nukleargeschäft nicht einen ganz eigenen Kurs. Denn Konzernchef Peter Löscher hat entschieden, das 34-Prozent-Paket am Gemeinschaftsunternehmen mit Areva aufzugeben. Weil er nicht mehr an die Zukunft der Kernkraft in Deutschland glaubte, hatte Löschers Vorvorgänger Heinrich v. Pierer die Siemens-Atomfabriken in Erlangen, Duisburg, Lingen, Offenbach und Karlstein in das Joint Venture mit Areva gebracht.

Dabei räumte er den Franzosen ein Vorkaufsrecht auf den Siemens-Anteil ein – sprich: auf die einstigen Atomfabriken der Bayern. Mit Blick auf das Comeback der Kernenergie wollen die Franzosen davon nun Gebrauch machen. Pech für Siemens. Zur Gesichtswahrung durfte Siemens dies als freiwilligen Ausstieg aus dem Gemeinschaftsunternehmen verkaufen. In einem halben Jahr sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein, in denen es um den Wert des Siemens-Pakets an Areva geht. Spätestens 2012 soll der Kaufpreis von Areva an Siemens fließen. Areva in Deutschland ist dann endgültig französisch – mit deutschen Arbeitsplätzen.

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