Klaus Maurer im Interview: "Absolut simpel"

Klaus Maurer im Interview: "Absolut simpel"

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Hamburgs Feuerwehrchef Klaus Maurer

Hamburgs Feuerwehr-Chef Klaus Maurer über den Trend zum vernetzten Retter und den wachsenden Personalmangel.

WirtschaftsWoche: Herr Maurer, Brandbekämpfung ist für die Feuerwehren längst nur noch eine Aufgabe unter vielen – von der Rettung von Unfallopfern bis zur Chemikalienbekämpfung nach Störfällen. Müssen sich die Retter demnächst einen neuen Namen suchen?

Maurer: Nein, der Name ist gut und eine starke Marke. Daran werden wir nicht rütteln, auch wenn die Brandbekämpfung tatsächlich nur noch eine Aufgabe unter vielen ist. Und es ist absehbar, dass sich die Anforderungen immer weiter verändern. Heute erwarten die Bürger Hilfe in fast jeder Art von Notlage. Den Helfer, der alles kann, der in jeder Lage gleichermaßen kompetent und technisch bestens ausgerüstet ist, den wird es künftig nicht mehr geben.

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Was kommt stattdessen? Die Basisfeuerwehr für die leichten Einsätze und eine Expertentruppe für die richtig harten Fälle?

Das klingt mir zu sehr nach einem qualitativen Kriterium. So meine ich das nicht. Auch in Zukunft müssen die Einsatzkräfte über alle für den Ersteinsatz notwendigen Kenntnisse verfügen. Es geht mehr um eine modulare Verteilung von Spezialwissen. Nehmen Sie etwa Chemieunfälle: Wer die dafür erforderliche Analysetechnik beherrschen will, muss speziell ausgebildet sein. Das kostet Zeit und Geld. Solche Kompetenzen muss nicht jeder Helfer besitzen, man muss sie nur verfügbar haben. Wir haben in Hamburg daraus die Konsequenz gezogen, eine unserer Wachen ausschließlich mit Spezialaufgaben im Technik- und Umweltbereich zu betrauen.

Elektronische Analysegeräte, computergesteuerte Fahrzeugpumpen und Wärmebildkameras gehören schon zur Ausrüstung. Wird der Einsatz von Informationstechnik darüber hinaus noch zunehmen?

Ehrlich gesagt stehen wir mit der Nutzung von Computertechnologien im Einsatz noch ziemlich am Anfang. Der große Schub steht uns erst bevor. So viel aber ist schon klar: In den nächsten Jahren werden die Feuerwehren einen immensen Innovationssprung durchlaufen.

Worum geht es dabei?

Zuallererst darum, die Arbeit der Einsatzkräfte sicherer zu machen. Die Miniaturisierung wird es schon bald möglich und bezahlbar machen, winzige Wärmebildkameras in die Helme zu integrieren und deren Bilder in die Visiere der Atemschutzmasken einzublenden. Das erleichtert die Arbeit in verrauchten Räumen enorm, hilft Brände schnell zu lokalisieren, zu löschen und Schäden zu minimieren, aber auch Vermisste schneller zu finden. Genauso wichtig ist die Gesundheitsüberwachung der Helfer. Sensoren in der Uniform können deren Belastungszustand erfassen und die Informationen, zusammen mit dem Füllstand der Atemluftflasche, zum Einsatzleiter übertragen. Der kann erschöpfte Kameraden rechtzeitig zurückrufen oder Verstärkung schicken.

Wie realistisch sind solche Szenarien?

Die Technik ist verfügbar, die Integration und der Preisverfall der Systeme schreiten rasant voran. Es geht nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wann. Zumal viele Anwendungen wie etwa Kleidung mit integrierten Biosensoren aus anderen Lebensbereichen in den Feuerwehreinsatz hineinwachsen. Jetzt sind die Hersteller gefordert, diese Technologien auch feuerwehrtauglich zu machen.

Was heißt das?

Die Systeme müssen extrem robust und trotzdem leicht, ausfallsicher und zudem absolut simpel zu bedienen sein. Wir können ja nicht mit dem Löschen warten, nur weil sich das Betriebssystem der Fahrzeugpumpe aufgehängt hat. Und wenn die Retter ein Informatikstudium brauchen, um Funkgerät und Thermosensor zu koppeln, dann können wir’s gleich vergessen.

Wird mehr Technik da nicht eher zum Risiko?

Wenn man es richtig macht, nicht. Feuerwehren, Forscher und Hersteller arbeiten intensiv an Technologien, mit denen wir die Position der Helfer in Gebäuden und an unübersichtlichen Einsatzstellen orten können. Es gab in der Vergangenheit leider einige tödliche Einsatzunfälle in Deutschland. Bei denen waren Trupps in Not geraten und konnten nicht schnell genug gefunden werden oder sie konnten sich nicht selbst retten, weil sie den Rückweg nicht mehr gefunden haben. Das wird sich mithilfe moderner Informations- und Kommunikationstechnik ändern.

Technik kostet Geld. Sind Ihre Erwartungen angesichts der klammen Kassen der Kommunen nicht zu optimistisch, die ja die Feuerwehren finanzieren müssen?

Ich gebe zu, es ist schwierig, die Rentabilität von Investitionen in eine Feuerwehr zu berechnen. Aber niemand zieht ernsthaft die Notwendigkeit erstklassiger Schutzkleidung in Zweifel. Und da werden IT-Komponenten in fünf bis zehn Jahren unverzichtbarer Bestandteil der Uniformen sein, weil der Preisverfall bei den Komponenten das möglich macht. Nur ein Beispiel: Vor zehn Jahren konnten sich nur Militärs die damals bis zu 30.000 Euro teuren Wärmebildkameras leisten. Heute kosten die Geräte 5000 Euro pro Stück und sind in jeder Feuerwehr Standard. Nicht anders wird das mit Telemetriefunktionen oder der Bild- und Datenübertragung vom Feuerwehrmann zum Einsatzleiter sein.

In aller Regel führt verstärkter Technikeinsatz in Unternehmen zum Abbau von Personal. Wird das bei Feuerwehren und Rettungsdiensten ähnlich sein?

Um es ganz klar zu sagen: Keine der geschilderten Technologien dient dem Ziel, Personal abzubauen. Generell haben wir – Freiwillige wie Berufsfeuerwehren – wegen der Alterung der Gesellschaft immer größere Probleme, das benötigte Personal zu bekommen. Bei den Freiwilligen sinken die Helferzahlen, weil immer mehr alte Helfer ausscheiden und sich die junge Generation eher für Funsportarten begeistert, statt sich ehrenamtlich für die Mitbürger zu engagieren. Und wir Berufsfeuerwehren stehen in immer stärkerer Konkurrenz mit Handwerk und Industrie um qualifizierte Fachleute und Ingenieure. Da wird uns die Technik nicht helfen, Personal zu ersetzen, sondern bestenfalls die vorhandenen Kräfte effizienter und vor allem sicherer einzusetzen.

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