Klaus Wiemer im Interview: Fischen nach Wertstoffen

Klaus Wiemer im Interview: Fischen nach Wertstoffen

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Klaus Wiemer, 63, leitet das Fachgebiet Abfallwirtschaft und Altlasten an der Universität Kassel. Der habilitierte Bauingenieur und international anerkannte Müllexperte ist ein entschiedener Kritiker des dualen Systems

Der Abfallwirtschaftler Klaus Wiemer erklärt, warum Müll immer wertvoller wird und die heutigen Entsorgungssysteme in Deutschland nicht mehr zeitgemäß sind.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Wiemer, trennen Sie zu Hause Ihren Müll eigentlich noch von Hand?

Wiemer: (lacht) Bei Papier schaue ich schon noch mal, ob etwas wichtiges draufsteht, bevor ich es entsorge. Auch edle Weinflaschen nehme ich gerne noch einmal in die Hand. Aber sonst trennt bei uns, ehrlich gesagt, meine Frau den Müll. Ich halte mich da raus.

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Ich dachte, Sie hätten das Trennen längst aufgegeben, weil Sortieranlagen viel besser arbeiten als ein Mensch. Stimmt das nicht?

Für Glas, Kunststoffe oder Metalle trifft das zu. Bei Papier und Biomüll gibt es aber leider noch keine sortenreine Trennung mit der Maschine.

Müll, vor allem wenn er aus Altpapier, Glas, Kunststoffen oder Metallen besteht, wird immer wertvoller. Woran liegt das?

Der Rohstoffbedarf von Schwellenländern wie China und Indien wurde unterschätzt. Gleichzeitig gibt es bessere und kostengünstigere Sortiertechniken. Es ist kein technisches Problem mehr, für eine Sortieranlage 20 verschiedene Kunststoffe oder transparentes Weißglas von feuerfestem Glas zu unterscheiden.

Noch in den Neunzigerjahren kostete die Entsorgung einer Tonne Altpapier über 50 Euro. Heute jagen Entsorger jedem Schnipsel Altpapier hinterher. Der Markt funktioniert?

So gut, dass es im Moment in Deutschland keine blauen Tonnen mehr gibt. Der Papierpreis ist so hoch, dass die privaten bei den öffentlichen Entsorgungsträgern ungefragt blaue Tonnen für Papier aufstellen. Der Häuserkampf der Entsorgungsbranche hat begonnen. Seit einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg im Frühjahr dieses Jahres ist das sogar erlaubt. Wir sind hier auf dem besten Weg zu einer Kreislaufwirtschaft, die keiner gesetzlichen Regelung mehr bedarf.

Aber Papier ist nicht der einzig wertvolle Müll?

Es gibt noch mehr Beispiele: Vor gut einem Jahrzehnt musste man 60, 80 oder gar 100 Euro dazuzahlen, um eine Tonne Altholz loszuwerden. Heute gibt es Altholzverbrennungsanlagen. Der Betreiber muss 50 Euro pro Tonne für das angelieferte Holz bezahlen, um es zu verfeuern.

Verschwunden sind auch die Deponien mit Altreifen. Was ist mit denen passiert?

Die Altreifen-Lagerstätten entstanden, weil diese Abfälle für Mischmülldeponien zu gefährlich waren. Brannte die Deponie und setzte die Reifen unkontrolliert in Brand, entstanden gesundheitsschädliche Dämpfe und unangenehme Gerüche. Irgendwann änderte die Zementindustrie ihren Herstellungsprozess so, dass sie heute Altreifen hocheffizient bei rund 1450 Grad Celsius verbrennen können.

Ohne Belastung der Umwelt? Früher galten Müllverbrennungsanlagen als Giftschleudern.

Dank moderner Filter und Rauchgaswäsche sind die Emissionen der Müllverbrennungsanlagen heute besser als die meisten klassischen Kraftwerke. Dioxin ist heute kein Thema mehr, der gültige Grenzwert von 0,01 Nanogramm wird in der Praxis um das Zehnfache unterschritten. Wirkungsgrade bis zu 80 Prozent bei Kraft-Wärme-gekoppelten Hausmüllverbrennungsanlagen oder 84 Prozent bei der Papierfabrik SCA in Witzenhausen sind gängige Praxis. Das belegt den Fortschritt auf dem Gebiet.

Viele Verbrennungsanlagen importieren inzwischen Müll aus anderen Regionen, teilweise sogar aus dem Ausland, um die Öfen auszulasten. Geht uns der Müll aus?

Das sicher nicht. Aber die Abfallstoffe werden immer wertvoller und finden reißenden Absatz. Die Preise für Nichteisenmetalle wie Kupfer, Aluminium, Zinn, Nickel haben sich seit 2000 im Schnitt verzehnfacht. Die Metalle sind inzwischen so wertvoll, dass es sich lohnen würde, Container zum Sortieren nach China zu schicken. Der Transport eines Containers von Frankfurt nach Bremen kostet rund 130 Euro, von dort nach Singapur 35 Euro und von Singapur zur Sortieranlage in Shanghai nur noch 50 Cent. Der Haken daran: Wir sähen die Wertstoffe nicht wieder. Denn China hat die Ausfuhr von wertvollen Nichteisenmetallen verboten.

Begehrt sind angeblich auch Kunststoffe wie Polyethylen, aus denen Joghurtbecher, Folien oder Kabelummantelungen hergestellt werden. Wie kommt das?

Sortenrein kann der Kunststoff gut weiterverwendet werden. Interessant ist auch der Blick auf den Heizwert: Erdöl hat einen Heizwert von 43.000 Kilojoule, Polyethylen einen von 40.000 Kilojoule – sie sind also fast gleich gute Brennstoffe.

Wenn mein Müll so wertvoll ist, dann sollten mir die Entsorger eigentlich Geld dafür zahlen.

Darauf läuft es hinaus. Irgendwann, vielleicht schon in 15 Jahren, wird der Bürger für seine Abfälle Geld kassieren. Wahrscheinlich wird er aber schon bald kostenlose Entsorgungsmöglichkeiten bekommen. Ich bin sicher: Es wird bald eine Menge Leute geben, die sich um den Müll regelrecht prügeln werden.

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