Kommentar: Langer Schatten des Silicon Valley

Kommentar: Langer Schatten des Silicon Valley

, aktualisiert 06. Dezember 2011, 08:11 Uhr
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Simulation eines Hacker-Angriffs in einer gemeinsamen Aktion von Bund und Ländern. Deutschland gilt noch immer als IT-Wüste.

von Joachim HoferQuelle:Handelsblatt Online

Heute treffen sich Politik und Wirtschaft wieder einmal zum IT-Gipfel. Das ganze findet nun schon zum sechsten Mal statt - doch noch immer gilt Deutschland als IT-Wüste.

Am 12. Dezember 2006 haben sich in Potsdam Politiker, Manager und Wissenschaftler zum ersten nationalen IT-Gipfel getroffen. Da war Facebook gerade einmal zwei Jahre alt und noch weitgehend unbekannt. Heute trifft sich die Runde nun schon zum sechsten Mal, dieses Jahr in München. Inzwischen ist Facebook sieben Jahre alt und zählt mehr als 800 Millionen Nutzer rund um die Erde.

Was Facebook mit dem deutschen IT-Gipfel zu tun hat? Die hochrangige Zusammenkunft sollte der IT-Branche hierzulande einen Schub geben, sollte die öffentliche Verwaltung auf diesem Gebiet voranbringen, kurz, Deutschland zum Musterland in Sachen Informationstechnik machen. Doch das Ergebnis ist mager. Viele Firmenlenker empfinden die Veranstaltung inzwischen eher als lästige Pflicht denn als Chance für ihre Industrie. Noch immer entstehen die erfolgreichsten und populärsten IT-Unternehmen der Welt im Silicon Valley. Dort ist Facebook groß geworden, dort hat der Suchmaschinengigant Google genauso seine Wurzeln wie der Softwareanbieter Oracle und Chip-Weltmarktführer Intel. Es ist kein Zufall, dass auch Apple, der Erschaffer von iPhone und iPad, in dem trockenen Landstrich bei San Francisco sitzt.

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In Deutschland ist hingegen seit der Gründung von SAP vor fast 40 Jahren kein einziger IT-Konzern von Weltrang mehr entstanden. Im Gegenteil, Firmen wie Siemens haben sich aus dem IT-Geschäft wegen andauernder Erfolglosigkeit sogar zurückgezogen. Doch das ist noch nicht alles. Deutschland hinkt auch in der IT-Nutzung anderen Ländern zum Teil meilenweit hinterher. Das hat viel damit zu tun, dass die Menschen viele neue Techniken zunächst einmal eher skeptisch sehen. Um die elektronische Gesundheitskarte wurde deshalb jahrelang erbittert gestritten, obwohl ähnliche Systeme anderswo längst üblich sind. Und während die Kunden in Südkorea schon lange mit dem Handy im Supermarkt bezahlen, ziehen die meisten Deutschen noch immer am liebsten Geldscheine aus dem Portemonnaie. Als ob das sicherer und bequemer wäre.

Zugegeben, es gibt hierzulande Tausende Mittelständler, die hervorragende IT-Lösungen anbieten und in ihren Nischen führend sind. Doch amerikanische Wagniskapitalgeber beklagen sich regelmäßig, dass in vielen Fällen die Gründer nicht bereit sind, Investoren an Bord zu nehmen, um das Geschäft global auszubauen. Jungunternehmer aus dem Silicon Valley wie Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg hingegen haben von Anfang an nichts anderes im Sinn, als zu wachsen. Der 27-Jährige hat dazu mehr als zwei Milliarden Dollar bei Investoren eingesammelt.


IT-Experten haben es in Deutschland oft schwer

Natürlich haben es die Start-ups in Amerika einfacher, weil sie einen riesigen Heimatmarkt vor der Tür haben, der sich mit einer einzigen Sprache bedienen lässt. Und es ist auch unbestritten, dass das Geld der US-Investoren lockerer sitzt als das der europäischen Geldgeber, weil sie risikofreudiger sind.

Doch Deutschland hat viele Hürden selbst aufgebaut, die es der IT-Industrie schwermachen. So ist es für ausländische IT-Experten einfach viel attraktiver, sich in den USA niederzulassen als in einem Land, das Fremde bis heute abschätzig als Gastarbeiter bezeichnet. Unternehmer beklagen zudem nach wie vor, dass die Einkommensgrenzen viel zu hoch sind, um junge Talente aus dem Ausland zu verpflichten.
Noch etwas fällt unangenehm auf: Abgesehen vom Promi-Aufgalopp zum IT-Gipfel kümmert sich die Politik-Elite kaum einmal um die Informationstechnik. IT-Manager beklagen sich hinter vorgehaltener Hand regelmäßig darüber, wie Autoindustrie und Maschinenbau gehätschelt werden, während sie im Abseits stehen.

Dazu kommt, dass auch die staatliche Förderung viel zu diffus ist. Statt sich innerhalb der EU auf ausgewählte und aussichtsreiche Felder zu konzentrieren, werden zahllose Projekte gefördert, alle mit einer gewissen Berechtigung, aber ohne Aussichten auf den ganz großen Wurf. Dass in Deutschland in den nächsten Jahren eine zweite SAP oder gar ein neues Facebook entsteht, ist deshalb nicht zu erwarten. Das ist schade, weil solch eine spektakuläre Neugründung womöglich viele Uni-Absolventen dazu animieren würde, selbst eine Firma aufzuziehen.

Dennoch ist die Branche hierzulande nicht verloren. In der IT-Wüste Deutschland können trotzdem neue Jobs entstehen. Allerdings in Bereichen, die lange nicht so sexy sind wie soziale Netze oder schicke Smartphones, weil sie vom Endkunden kaum wahrgenommen werden. Die Chancen stehen auf Gebieten gut, in denen dieses Land ohnehin stark ist, wie der Autobranche oder dem Maschinenbau. Dort spielen Software und moderne Elektronik eine immer wichtigere Rolle. Jedes Fahrzeug, jede Waschmaschine und sogar Kühlschrank und Kaffeemaschine werden künftig online sein. Dieses sogenannte "Internet der Dinge" steht zwar noch ganz am Anfang, bietet aber gerade deshalb ein enormes Potenzial, das die ingenieurgetriebenen deutschen Firmen nutzen sollten - um es dann in großem Stil rund um den Globus zu vermarkten.


Der Autor ist Korrespondent in München. Sie erreichen ihn unter: hofer@handelsblatt.com

Quelle:  Handelsblatt Online
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