Kommentar: Wikipedia muss sich neuen Gruppen öffnen

Kommentar: Wikipedia muss sich neuen Gruppen öffnen

, aktualisiert 02. Dezember 2011, 11:04 Uhr
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Die deutsche Wikipedia muss sich neuen Autoren stärker öffnen.

von Stefani HergertQuelle:Handelsblatt Online

Wikipedia gibt sich nach außen offen und vielfältig, doch der Plattform gehen allmählich die Autoren aus. Das elitäre Klima schreckt neue Mitstreiter oft ab. Das Fundament der deutschen Wikipedia bröckelt.

So offen und vielfältig sich Wikipedia im Internet auch präsentieren mag, letztlich plagt die Mitmach-Enzyklopädie gerade in Deutschland das gleiche Problem, das auch Unternehmen umtreibt: Die Mitstreiter sind sich einfach zu ähnlich. Siemens-Chef Peter Löscher hat das mal auf die Formel „weiß, deutsch, männlich“ gebracht - und meinte damit die Topmanager seines Konzerns. Genau das sind auch die meisten Autoren des Online-Lexikons.

Der einzige Unterschied: ihr Alter. Die Artikel schreiben fast nur junge, gebildete Männer, die sich dafür täglich im Schnitt zwei Stunden Zeit nehmen. Personaler würden sagen: Der Talentpool ist begrenzt. Oder auf gut Deutsch: Der Plattform gehen die neuen Autoren aus. Und daher haben die Koordinatoren im Wikipedia-Verein erkannt: Sie brauchen mehr Vielfalt. Sonst endet das Projekt bald wie die letzte gedruckte Brockhaus-Enzyklopädie. Die ist im Jahr 2005 stehen geblieben.

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Das Fundament der deutschen Wikipedia bröckelt: So schnell wie hierzulande sinkt die Zahl der neuen Autoren in keinem anderen Land, rund 1.000 sind es noch jeden Monat. Wer sich überhaupt noch für die Plattform begeistern kann, bleibt nicht lange. Nicht einmal jeder fünfte ist nach einem Jahr noch aktiv. Das heißt nichts anderes, als dass ein kleiner Kern fast alles selbst macht. Neue Ideen, neue Sichtweisen? Fehlanzeige.

Wikipedia erzeugt ein „Wir-Gefühl“, eine Gemeinschaft, die von der Grundidee der Plattform zusammengehalten wird: Wissen soll frei verfügbar sein. Das „Wir-Gefühl“ schafft einen ideellen Lohn für die ehrenamtlichen Autoren, aber offenbar auch ein geschlossenes System, dessen Mitglieder kaum Lust auf Neues und Neue haben. In den Unternehmen beklagen Führungsfrauen die geschlossenen Zirkel der männlich dominierten Top-Ebene, bei Wikipedia beklagen sich Macher selbst.


Wo sollen die neuen Autoren herkommen?

Seit dem Start der Plattform vor zehn Jahren hat sich eine Autoren-Gemeinschaft entwickelt, die sich Regeln gesetzt hat und in der sich Konventionen herausgebildet haben. Nur leider versteht die kaum ein neuer Autor. Die deutschen Wikipedianer gelten als besonders ernst - pedantisch trifft es wohl eher. Wer nur selten schreibt, dessen Beiträge werden häufiger geändert oder gleich ganz rückgängig gemacht, haben Forscher zur englischsprachigen Version herausgefunden. Das entmutigt neue Autoren. Dieses Wikipedia-Klima schreckt ab - das haben auch die Initiatoren erkannt.

Und doch sind sie in einem Dilemma: Ein „Wir-Gefühl“ entsteht nur in geschlossenen Gruppen, öffnen muss sich die Plattform aber dennoch. Neue Autoren und zugleich andere Autoren braucht das Online-Lexikon. Denn bisher ist nur jeder zehnte Autor eine Frau, genauso wenig sind älter als 50 Jahre, vier von zehn haben nicht studiert. Also muss Wikipedia mehr Frauen, ältere Nutzer und Nicht-Akademiker gewinnen.

Nur, wo sollen die neuen Autoren herkommen? Es gibt keine Frauen, keine Älteren, keine Handwerker an der Basis, die man ganz im Sinne der unternehmerischen Talentförderung nur gezielt genug unterstützen muss. Die Wikipedianer müssen die Abstinenten erst einmal von sich überzeugen. Und weil sie nicht recht wissen, wie sie ihre Gemeinschaft attraktiver für Neue machen können, erleichtern sie zumindest die bisher komplizierte Technik fürs Mitmachen. Nur: Das wird nicht viel nützen, wenn die Neuen sich nicht willkommen fühlen.

Vielleicht sollten sich die Wikipedia-Koordinatoren mit der Piratenpartei zusammentun. Gemeinsamkeiten gibt es viele - auch, dass man gerne mehr Frauen in den Reihen hätte. Und die Piraten wissen schließlich auch noch nicht, wie sie das anstellen sollen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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