_

Lebensmittel-Preisanstieg: Biosprit: Vom Paulus zum Saulus

von wed mit Material von dpa/AP/rtr

In den letzten drei Jahren sind die Lebensmittelpreise weltweit drastisch angestiegen. Eine der Triebfedern des Preisanstiegs ist der Durst westlicher Länder nach Biotreibstoffen - mit ungeplanten Nebenwirkungen: Die hohen Lebensmittelpreise bedrohen das Leben von Millionen armer Menschen. Nun fordern auch in Deutschland hochrangige Politiker ein Umdenken.

Bauer in China: Die Ärmsten Quelle: AP
Bauer in China: Die Ärmsten der Armen sind vom Preisanstieg bei Nahrungsmitteln besonders stark betroffen. Quelle: AP
Anzeige

Im Kampf gegen die weltweit drastisch steigenden Lebensmittelpreise werden auch in Deutschland die Rufe nach einer Agrarwende lauter. Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) legte heute einen „Neun-Punkte- Plan“ vor, der unter anderem einen vorübergehenden Stopp der Verwendung von Getreide und Ölfrüchten zur Produktion von Agrartreibstoffen vorschlägt.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte mit Blick auf die Lebensmittelpreise vor einer Eskalation der Gewalt. „Wenn wir diese Krise nicht richtig angehen, könnte sie eine Kaskade von anderen auslösen“, sagte Ban am Sonntag bei der Eröffnung der 12. UN-Konferenz zu Handel und Entwicklung (UNCTAD) in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Auch Agrarminister Horst Seehofer (CSU) bekräftigte seine Forderung einer Wende der Agrarpolitik. Der einzige Ausweg aus der Krise sei eine höhere Nahrungsmittelproduktion.

Preisanstieg trifft vor allem die Ärmsten der Armen

Der Preisindex für Nahrungsmittel stieg nach Zahlen der Welternährungsorganisation (FAO) von März 2007 bis März 2008 um 57 Prozent. Darauf verwies das Entwicklungsministerium. Bei Reis habe die Steigerung allein in den vergangenen beiden Monaten 75 Prozent und bei Weizen im vergangenen Jahr 120 Prozent betragen. Der Anstieg treffe vor allem die Ärmsten der Armen. Bereits heute litten 850 Millionen Menschen an Hunger.

Laut Experten ist die hohe Nachfrage der Industriestaaten nach Biosprit eine der Triebfedern des dramatischen Preisanstiegs. Damit geraten auch Treibstoffe, die aus nachwachsenden Energieträgern herstellt werden, in Mißkredit. Bis vor kurzem wurde Biosprit als wirksame Waffe gegen den Klimawandel angepriesen. Doch wie Recherchen der WirtschaftsWoche in den vergangenen Monaten zeigten,  schadet Biosprit dem Klima mehr, als er ihm hilft. Auch andere alternative Energiequellen wie etwa Strom aus Wind- oder Sonnenkraft sind längst nicht so sauber, wie sie von deren Lobbies gerne dargestellt wird. Mit dem Öko-Argument lassen sich derzeit besonders gut Geschäfte machen, wie WirtschaftsWoche-Chefredakteur Roland Tichy argumentiert.

Auch die Politik hat die aktuelle Nahrungsmittelmisere mitverschuldet. Wie WirtschaftsWoche-Redakteur Rolf Ackermann in seinem Konjunkturkommentar zeigt, trägt die Agrarpolitik der Industrieländer Mitschuld an der aktuellen Lebensmittelknappheit. Zudem treiben die Öl- und Nahrungmittelpreise weltweit die Inflationsraten in die Höhe

 Die Welthungerhilfe setzt zur Bekämpfung der Lebensmittelkrise vor allem auf eine wirtschaftlichere Nutzung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern. Die Vorsitzende Ingeborg Schäuble erklärte, die Lösung liege nicht darin, „dass wir im Norden Überschüsse produzieren und diese dann erneut zu billigen subventionierten Preisen in die Entwicklungsländer schicken“.

Die Vergangenheit habe gezeigt, dass so die Märkte dort und die Existenz vieler Kleinbauern zerstört würden. Das Entwicklungsministerium bezeichnete es als „wichtigstes Ziel“, die Produktivität bei der Lebensmittelherstellung in den ärmeren Ländern möglichst umgehend deutlich zu steigern. Außerdem müsse am Ziel des endgültigen Abbaus von Exportsubventionen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) festgehalten werden. Dieser Vorschlag fand auch Anklang bei Seehofer. Der Grünen-Bundesvorstand kritisierte die Agrarpolitik der EU und Nordamerikas. Durch deren Zollbestimmungen und Exportsubventionen sei die Landwirtschaft in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern geschwächt oder sogar zerstört worden, heißt es in einem heute gefassten Beschluss.

Zu diesem Artikel
5 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 28.04.2008, 01:31 UhrAnonymer Benutzer: Max

    Ungezügelter Kapitalismus eben. Genau so, wie es die meisten gut finden, so lange sie nicht unmittelbar von den Konsequenzen betroffen sind.
    (Nur wenn es dann ans Eingemachte geht, fangen alle an zu heulen)

  • 25.04.2008, 01:47 UhrAnonymer Benutzer: Sempralon

    Die Finanzwirtschaft hat den Lebensmittelmarkt als Spekulationsobjekt entdeckt, da die anderen bereiche überdreht und völlig ausgereizt sind.
    Der Lebensmittelmarkt ist bis jetzt recht unbehelligt geblieben, bis jetzt ...
    Geld kann man nicht essen ... aber Essen davon kaufen !
    Was passiert eigendlich, würden sich die bauern Deutschlands plötzlich in einer Aktiengesellschaft zusammenschließen/organisieren ?
    Nun ... die einen investoren würden auf steigende Preise spekulieren ... andere nicht ... insbesondere die Mannen vom schlage Acki ... brrrr egal !
    Essen ... hmm, da ist man nunmal abhängig ... wie ein Drogenabhängiger !
    Der Vergleich hinkt ?
    Nein, mit nichten, denn wie bei Drogen ist es bei Nahrungsmitteln, was knapp ist wird teurer ... und würden sich die bauern in einer Aktiengesellschaft organisieren, könnten sie wie die Energiekonzerne, das Angebot an der börse verknappen und ... soviel zur Theorie und gleichzeitig aber bitterer Realität, denn Deutschland hat durch billige Futtermittelimporte die eigene Futtermittelindustrie zerlegt und nu ?
    Klar, die Futtermittellieferanten sagen jetzt "Gut, du willst nicht zahlen ? Kein Problem, Shell macht Spritt draus oder ich verkaufe das Zeuch an die UNO umme Ecke !" .
    Der Einkäufer ? Er sucht sich einen neuen Lieferanten ... aber es wird immer schwieriger einen Lieferanten zu finden, der den Einkäufern nicht den selben Spruch um die Ohren haut ... jepp, wir reden immernoch von Futtermitteln !
    Die Energiekonzerne haben es erkannt und investieren ... aus Gülle wird Methan und für Gülle braucht man Futtermittel, denn mit dem Abfallprodukt Nahrungsmittel kann man, so es knapp wie Rohöl gehalten wird, eben gute integrative Gewinne machen ...


    ... aber was schreibe ich, interessiert ja keinen ...

  • 22.04.2008, 01:40 UhrAnonymer Benutzer: Marc

    Max, ich stimme ihnen zu: Der Durst nach bio-Treibstoff verschaerft die derzeitige Lebensmittelknappheit - allerdings nur marginal. Wiwo schreibt dies allerdings in diesem Artikel nicht derart. Stattdessen reisserisch: "in den letzten drei Jahren sind die Lebensmittelpreise weltweit drastisch angestiegen. Triebfeder des Preisanstiegs ist der Durst westlicher Länder nach biotreibstoffen" - Als wenn die biotreibstoffe der Haupttreiber fuer die steigenden Lebensmittelpreise waeren! Dazu noch in Fett und am Anfang des Artikels, um insbesondere Leute positiv fuer die Oel-(Automobil-?) industrie zu beeinflussen, die nur die Zusammenfassung des Artikels lesen. bin wirklich enttaeuscht ueber die Wirtschaftswoche, muss allerdings immer oefter feststellen, dass Redakteure (auch in anderen Magazinen) offensichtlich gekauft werden. Macht sich viel besser, als eine Anzeigenseite zu kaufen. Der Leser glaubt ja schliesslich (immer noch), was er schwarz auf weiss vor sich sieht.

Alle Kommentare lesen

Blogs

Infografik der Woche: Wie Entwicklungsländer die mobile Revolution antreiben
Infografik der Woche: Wie Entwicklungsländer die mobile Revolution antreiben

Von dem Entwicklungsökonom Jeffrey Sachs stammt die Feststellung: Kaum eine andere Technologie wird in der Entwicklung...

weitere Fotostrecken