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Medizin: Biotech gegen Aids, Herzinfarkt und Krebs

von Susanne Kutter

Aus einer nobelpreisgekrönten Idee entstehen in der Bierstadt Kulmbach neue Biotech-Medikamente gegen Herzinfarkt, Aids und Krebs.

Analysegerät: Roche war der Einstieg über eine Milliarde Dollar wert Quelle: Holger Stegmann für WirtschaftsWoche
Analysegerät: Roche war der Einstieg über eine Milliarde Dollar wert Quelle: Holger Stegmann für WirtschaftsWoche
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Der erste Rundblick weckt Zweifel. Hier soll sich ein Biotechnik-Unternehmen angesiedelt haben? Noch dazu eines, das eine der spannendsten Biotech-Entdeckungen der vergangenen Jahre in schlagkräftige Medikamente gegen Herzinfarkt und Krebs verwandeln will?

Die Hauptstraße mitten im oberfränkischen Städtchen Kulmbach, das am ehesten noch für sein Bier bekannt ist, wirkt wenig einladend: eine Würstchenbude, ein Kaufland-Flachbau und ein Minihochhaus mit einer Buchhandlung und einer Billig-Mode-Kette im Erdgeschoss. Dann am Seiteneingang des Hochhauses das lang gesuchte Firmenschild: „Roche Kulmbach GmbH“ – hier muss es ein.

Sechs Stockwerke weiter oben sieht es schon eher nach High Tech und medizinischem Fortschritt aus: Auf 1600 Quadratmeter Laborfläche drängen sich Analyse-geräte, jedes so viel wert wie ein Zweifamilienhaus. Modernste Roboter vervielfältigen Tag und Nacht Erbgutstücke. Mitarbeiter eilen in weißen Kitteln zwischen dem Sicherheits-Gen-Labor und den Käfigen mit den Versuchstieren hin und her. Bald wird auch das fünfte Stockwerk den Forschern gehören, womit sich die Arbeitsfläche fast verdoppelt. Hier oben, mit Blick über die Stadt, hat sich der Bayreuther Privatdozent Roland Kreutzer mit seinem gut 50-köpfigen Team ein Biotech-Reich aufgebaut, das sich mit den weltbesten Labors an der US-Ostküste oder in Kalifornien messen kann – und diese in mancher Hinsicht sogar übertrifft.

Maulkorb für die Gene

Wie die Kulmbacher brüten Forscher rund um den Globus über einer ganz neuen Generation von Biotech-Medikamenten. Sie greifen extrem früh in den biochemischen Regulationsprozess des Körpers ein. Von diesem hängt es ab, ob ein Mensch gesund bleibt, an Krebs erkrankt, blind wird oder an einem Herzinfarkt stirbt. Zwar werden nicht die Gene selbst, die am Beginn dieser Prozesse stehen, repariert. Aber schon ihre erste Ablesestufe, die sogenannte Boten-RNA, wird blockiert. Die Gene können deshalb ihre krank machende Wirkung nicht entfalten. Sie werden quasi zum Schweigen gebracht, weshalb die Methode auch den Namen „Gene-Silencing“ trägt.

Mit einem solchen Maulkorb für die Gene soll es gelingen, eine Vielzahl bisher unheilbarer Krankheiten in den Griff zu bekommen. So sucht Kreutzer für den schweizerischen Mutterkonzern Roche nach neuen Waffen gegen Leberkrebs, Atemwegserkrankungen und Herzinfarkt. Allein in den USA entwickeln drei Unternehmen – Opko Health, Merck mit Sirna und Quark Pharmaceuticals –, basierend auf dem gleichen Ansatz, eine Therapie gegen eine sehr häufige Form der Altersblindheit, die sogenannte Altersabhängige Makula-Degeneration (AMD). An ihr sind in Deutschland mehr als zwei Millionen Menschen erkrankt. Am weitesten ist Opko Health. Der Wirkstoff des Unternehmens befindet sich in der letzten Testphase am Menschen und könnte in ein bis zwei Jahren auf den Markt kommen.

Auch Viren, etwa das Husten- und Schnupfen-Virus RSV (respiratorisches Synzytial-Virus), wollen die Forscher mit der neuen Methode attackieren. Bei Alnylam Pharmaceuticals in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts klappte das so gut, dass das Präparat schon in der zweiten Phase am Menschen erprobt wird. Drei Phasen sind vorgeschrieben. Und eine Forschergruppe der Harvard Medical School im benachbarten Boston schaffte es jetzt sogar, das tückische HI-Virus auszuschalten, das die Immunschwächekrankheit Aids auslöst – allerdings vorerst nur bei Mäusen.

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