Medizin: Dramatische Hygienemängel in Krankenhäusern

Medizin: Dramatische Hygienemängel in Krankenhäusern

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Krankenhaushygiene

von Susanne Kutter

Zigtausende Deutsche sterben jedes Jahr, weil sie sich in Krankenhaus mit hochaggressiven Krankheitserregern angesteckt haben. Jetzt verschärft Deutschland sein Infektionsschutzgesetz, um zusammen mit neuen Medikamenten und Keim-Schnelltests die Plage zu stoppen. Kann das gelingen?

Lennart Wolters* war ein gesunder, sportlicher 14-Jähriger. Dann verletzte er sich vor drei Jahren beim Schulsport am rechten Knie, die Außenbänder waren gerissen. An sich keine große Sache, dachten die Eltern – und brachten den Jungen zu einem Orthopäden und dann ins örtliche Krankenhaus ihres Wohnorts Haan, einem 30.000-Einwohner-Städtchen bei Düsseldorf.

Doch Lennarts Geschichte endete tragisch: Mangelnde Hygiene im Krankenhaus hatte dazu geführt, dass er sechs Tage nach der Operation mit einem ballonartig angeschwollenen Knie aufwachte. Aggressive Keime waren in die Wunde eingedrungen und hatten zu einer Blutvergiftung, der gefürchteten Sepsis, geführt. Lennart schwebte zwischen Leben und Tod, wurde von Klinik zu Klinik verlegt. In Duisburg waren die Ärzte kurz davor, Lennarts Bein zu amputieren, um sein Leben zu retten. Erst nach 15 Folgeoperationen war das Knie wieder frei von tödlichen Erregern. Seither ist es aber steif, er wird es nie wieder beugen können.

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Was Lennart in dem jahrzehntealten Ortskrankenhaus widerfahren ist, hätte ihm auch in nahezu jeder anderen deutschen Klinik passieren können. Überall entwickeln sich Krankenhäuser von einem Ort des Heilens zu einem Paradies für Keime. Die Situation ist so dramatisch, dass Hygieneforscher strikt von Klinikbesuchen abraten. Etwa Brad Spellberg von der University of California und Autor des Buches „Rising Plague“.

Spellberg schätzt, dass sich jedes Jahr über zwei Millionen Amerikaner mit antibiotikaresistenten Keimen anstecken, 100.000 von ihnen sterben daran. In Deutschland erkranken pro Jahr 400.000 bis 600.000 Menschen an Lungenentzündungen, Blutvergiftungen und anderen Infekten, die sie sich in der Klinik zugezogen haben – zwischen 7500 und 15.000 überleben das nicht.

Lange geschah nichts. Es kam erst Fahrt in die Debatte, als vorigen Sommer drei Babys in einer Mainzer Klinik an verunreinigten Nährlösungen starben. Nach dem Skandal machte sich der damalige Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) daran, das Infektionsschutzgesetz zu verschärfen. Am Freitag soll der Bundesrat die Novelle verabschieden.

Todesfälle reduzieren

Ziel ist es, die Zahl der Erkrankungs- und Todesfälle zu reduzieren: Zwei Kommissionen am für Seuchenschutz zuständigen Robert Koch-Institut in Berlin sollen Kliniken in Zukunft klare Empfehlungen in Sachen Krankenhaushygiene und Resistenzen geben.

An erster Stelle steht dabei die Schulung von Mitarbeitern und der Einsatz von Hygieneprofis. „Deutschland ist in dieser Hinsicht noch ein Entwicklungsland“, sagt Winfried Kern, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Ein wesentlicher Grund: Neun Bundesländer haben bis heute keine Krankenhaushygiene-Verordnungen erlassen. Weil Kliniken aber in den Hoheitsbereich der Länder gehören, sollen diese nun per Bundesgesetz dazu gezwungen werden.

* Name geändert

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