Medizin: Milliardeneinsparungen durch neue Proteintests

Medizin: Milliardeneinsparungen durch neue Proteintests

von Susanne Kutter

Ein neuer biotechnischer Test ermöglicht es, Krankheiten Jahre früher zu erkennen als bisher. Doch er hat mächtige Gegner.

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Grafik: Wie Gene und Proteine unser Leben steuern und unsere Gesundheit beeinflussen (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Es war die Entscheidung, die jeder Arzt fürchtet: Operieren mit dem Risiko, dass der Patient stirbt? Oder nichts tun und zusehen, wie ein Organ versagt? Jochen Ehrich stand vor dieser Wahl, als bei einer 14-Jährigen plötzlich eine Niere aussetzte. Nun hätte der Chef der Kinderklinik für Nieren-, Leber- und Stoffwechselerkrankungen an der Medizinischen Hochschule Hannover eigentlich mithilfe eines kleinen chirurgischen Eingriffs eine Gewebeprobe aus dem Organ entnehmen müssen. Doch weil auch die Blutgerinnung des Mädchens gestört war, hätte es dabei verbluten können. „Es war einfach zu gefährlich“, sagt Ehrich.

Auf der Suche nach einem Ausweg aus der heiklen Lage wagte sich der Kinderarzt auf medizinisches Neuland. Mithilfe eines damals völlig neu entwickelten, noch weitgehend unbekannten Tests des Biotechnikunternehmens Mosaiques aus Hannover gelang es Ehrich, völlig unblutig zu diagnostizieren, wie es um die Niere stand – und mit welchen Medikamenten er sie retten konnte.

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Statt OP-Besteck und Nierenzellen benötigte Kinderarzt Ehrich dafür nur eine Urinprobe seiner Patientin. Denn den Mosaiques-Forschern ist mit ihrem Diapat genannten Test weltweit Einzigartiges gelungen: Er ermöglicht es, aus den im Urin eines Menschen enthaltenen Zigtausenden Eiweißmolekülen so detaillierte Rückschlüsse auf dessen Gesundheit zu ziehen wie nie zuvor.

Das Analyseverfahren aus Hannover wertet auf einen Schlag mehr als 6000 Einzelmoleküle im Urin aus. Die Analysebilder, die so entstehen, erinnern an wilde Gebirgspanoramen mit schroffen Bergspitzen und weiten Tälern. Dabei stellt jede Zinne ein Protein dar (siehe Grafik). Mithilfe ihrer selbst entwickelten Software gleichen die Mosaiques-Experten die individuellen Proteinbilder der Patienten mit typischen Krankheitsmustern ab.

Neue Art der Frühdiagnose

Der Nutzen der neuen Methode ist immens und reicht weit über Nierenleiden hinaus. Denn durch die umfassende Analyse der Proteinmuster lassen sich Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Herzinfarkt vorhersagen – schon lange bevor sie ausgebrochen sind und Beschwerden verursachen. Damit ermöglicht der neue, pro Untersuchung knapp 450 Euro teure Test bei vielen Erkrankungen einen Zeitgewinn von zwei bis vier Jahren.

Das Feld der Proteinanalytik eröffne ganz neue Wege, um Krankheiten zu diagnostizieren, sagt Raymond Vanholder, Chef der Nierenabteilung der Universitätsklinik im belgischen Gent. Der renommierte Forscher, der auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der europäischen Nieren-Vereinigung ist, hält das aber nur für eine von vielen positiven Auswirkungen: „Die neuen Proteinmarker können uns auch zu völlig neuen Therapien führen.“

Lange Zeit war der innovative Test aus Hannover vor allem Experten bekannt. Doch nun ist die Technik dabei, Furore zu machen. Im März hat die US-Gesundheitsbehörde FDA (die Federal Drug Administration) dem Analyseverfahren für Nierenerkrankungen die Zulassung erteilt. Mitte April hat der nationale Gesundheitsdienst in Großbritannien (NHS), der die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung sichert, angebissen: Er wird die neue Früherkennungsmethode im Rahmen eines Demonstrationsprojekts in der Krankenversorgung einsetzen. Auch die EU-Behörde EMA (European Medicines Agency) in London hat signalisiert, die Protein-Biomarker bald abzunicken.

Der Segen der Gesundheitsbehörden ist umso wertvoller, als die Analyse der im Körper zirkulierenden Proteine nicht nur die Früherkennung von Krankheiten ermöglicht. Sie bietet auch eine sofortige Erfolgskontrolle bei der Gabe von Medikamenten – für jeden Patienten, ganz individuell. Damit ist das Verfahren auch ein Meilenstein auf dem Weg zur seit Jahren beschworenen personalisierten Medizin. Denn durch die Protein-Schau können Ärzte und Pharmaforscher bei vielen Krankheiten exakt überprüfen, wie gut Medikamente bei einzelnen Patienten wirken oder ob sie Wechselwirkungen mit anderen Arzneien zeigen. Das kann die Entwicklung neuer und sicherer Medikamente deutlich beschleunigen.

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