Medizin-Nobelpreis: Harald zur Hausen: Auszeichnung für hartnäckigen Zweifler

KommentarMedizin-Nobelpreis: Harald zur Hausen: Auszeichnung für hartnäckigen Zweifler

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Es kommentiert WirtschaftsWoche-Redakteur Jürgen Rees

Harald zur Hausen erhält den Medizin-Nobelpreis für seine bahnbrechende Entdeckung, dass Viren Krebsauslösen können, zu Recht. Doch die Erfolge seiner Arbeit heimsen andere ein, weil deutsche Pharmaunternehmen das Potenzial nicht früh genug erkannten. Ein Kommentar von WirtschaftsWoche-Redakteur Jürgen Rees.

Für den Medizin-Nobelpreis war der 1936 in Gelsenkirchen geborene Mediziner Harald zur Hausen schon mehrfach nominiert. Jetzt hat es geklappt. Das ist gut so – aus mehreren Gründen. Die Ehrung gebührt einem hartnäckigen Zweifler, der nicht alle Glaubenssätze der Wissenschaft für bare Münze nahm und sich durch Hindernisse nicht aufhalten ließ. Das Ergebnis seiner Forschung: Eine hochwirksame Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs.

Zudem ist es neun Jahre nach dem Medizin-Nobelpreis für Günther Blobel erstmals wieder ein deutscher Forscher, der die weltweit angesehenste Auszeichnung der Wissenschaft erhält. Aus Sicht der deutschen Forschungslandschaft besonders erfreulich ist, dass zur Hausen die wesentlichen Arbeiten, die jetzt zu der Ehrung führten, an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen wie Erlangen, Freiburg und Heidelberg gemacht hat. Weniger erfreulich ist jedoch, dass die Früchte seiner Arbeit zwei amerikanische Pharmaunternehmen ernten, weil deutsche Unternehmen lange nicht erkannten, welches Potential zur Hausens Entdeckungen boten.

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Als zur Hausen 1972 mit seinen Forschungen begann, belächelte die Fachwelt seine Theorie, dass Viren als Bösewichte im Körper fungieren und Krebs auslösen können. 1983 gelang ihm und seiner Arbeitsgruppe der schwierige Nachweis, dass durch Geschlechtsverkehr übertragbare Papillomaviren Gebärmutterhalskrebs bei Frauen tatsächlich verursachen können. Das Komplizierte daran: Nicht jeder Kontakt mit den Viren verursacht bösartige Wucherungen, erst Rauchen und krebsauslösende Gene begünstigen die bösartigen Wucherungen und lösen so Jahrzehnte nach der Ansteckung mit den Viren den Krebs aus. Jedes Jahr gibt es alleine in Deutschland 6500 Frauen, die neu an Gebärmutterhalskrebs erkranken. 2500 davon sterben an den Wucherungen.

Weil die Fachwelt immer noch an zur Hausens Erkenntnissen zweifelte, schickte zur Hausen in den achtziger Jahren die Befunde und Ergebnisse zur Überprüfung sehr freizügig an alle interessierten Wissenschaftler. Als „naiv“ bezeichnet zur Hausen heute sein Handeln in Zeiten als Patentschutz für Forscher noch nicht so wichtig schien. Die amerikanischen Kollegen erkannten das Potential schneller als die deutsche Fachwelt und patentierten Teile der Ergebnisse frech. Ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA (NIK) und dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, das die Rechte an der Verwertung inne hat und das zur Hausen 20 Jahre führte, wurde erst 2005 durch einen Vergleich beigelegt.

Zur Hausen selbst träumte davon, diesen Krebs – ähnlich wie die Pocken oder die Kinderlähmung – durch eine Impfung auszurotten. Doch der Weg zum Impfstoff erwies sich als steinig. Er versuchte die Marburger Behringwerke, die seine Forschung bereits finanziell unterstützten, davon zu überzeugen, einen Impfstoff zu entwickeln. Doch sie teilten zur Hausen mit, dass sie besseres zu tun hätten als einen Impfstoff gegen menschliche Papilloma-Viren zu entwickeln. Zur Hausen ließ sich von solchen Rückschlägen nicht abhalten.

Zugegriffen haben stattdessen die Pharmaunternehmen Merck (heute Sanofi Pasteur MSD) und Glaxo-Smith-Kline: 2006 und 2007 brachten sie Impfstoffe gegen Papillomaviren auf den Markt. Einer davon, Gardasil von Sanofi, zählte bereits 2007 zu den zehn umsatzstärksten neuen Medikamenten in Deutschland. Die Krebsimpfung von Sanofi Pasteur MSD kostet 465 Euro: „Haarsträubend“ findet das der Vater der Erfindung, Harald zur Hausen, der persönlich kein Geld mit der Impfung verdient. Der Impfstoff müsse billiger werden, um mehr Menschen zu impfen und vielfältiges Leid zu verhindern.

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