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Medizin: Stammzelltherapie-Anbieter locken mit fragwürdigen Versprechen

von Susanne Kutter und Sebastian Matthes

Mediziner wollen Herzinfarkte und Diabetes mit Stammzellen heilen. Doch bevor der Nutzen überhaupt belegt ist, locken Unternehmen Schwerkranke mit überzogenen Heilsversprechen – und gefährden Menschenleben.

Eine Krebspatientin bekommt Quelle: dpa/dpaweb
Eine Krebspatientin bekommt eine Stammzelleninfusion Quelle: dpa/dpaweb
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Die Schmerzen kehrten beim Snowboarden zurück: Jörn Bethges* rechtes Knie hatte ihm den Urlaub vermasselt. Schon vor acht Jahren war der Knieknorpel des 31-Jährigen bei einer Operation geglättet worden. Nun müsse er wieder unters Messer, sagt sein Orthopäde. Der rät ihm allerdings auch, die Operation hinauszuzögern. Denn beliebig oft könne man den Eingriff nicht machen, sonst sei der Knorpel weg. Bethge hat eine bessere Idee. Im Internet stieß er auf eine neue Therapie, die in Düsseldorf angeboten wird: Sie lässt, so das Versprechen, den verschlissenen Knorpel mithilfe von Stammzellen wieder sprießen.

Hinter dem schier unglaublichen Angebot steckt das XCell-Centrum, das sich mit einer Niederlassung im Dominikus-Krankenhaus in Düsseldorf-Heerdt eingemietet hat. Bethge holte sich dort einen Termin. Er fragte auch nach Risiken. 2900 Behandlungen habe das Unternehmen schon durchgeführt, antwortet eine Mitarbeiterin. Ganz gleich, ob am Knie, Herzen oder Rückenmark – noch nie sei es bei ihrer Stammzelltherapie zu Komplikationen gekommen.

Millionen hoffen auf Stammzelltherapie

Das dürften die Eltern des zehnjährigen Jungen, der kürzlich in die Düsseldorfer Uniklinik eingeliefert wurde, anders sehen: Ihm wurden von XCell-Mitarbeitern Stammzellen aus dem Knochenmark seines Hüftknochens entnommen und später ins Gehirn implantiert. Das sollte seine Epilepsie und die dadurch bedingte Entwicklungsverzögerung lindern. Doch es gab Probleme: Der Junge wäre beinahe an einer Hirnblutung gestorben. Die Uniklinik-Ärzte konnten ihn retten. Doch nun ist er weit schwerer behindert als vor der XCell-Operation. Auf Anfrage der WirtschaftsWoche sagt XCell-Sprecher Stefan Kempfen: „Von Komplikationen bei der Behandlung ist mir nichts bekannt.“

Stammzelltherapien sind die Hoffnung von Millionen Schwerkranken. Und das zu Recht. Denn die Therapie soll eines Tages infarktgeschädigte Herzen, Krebs oder Diabetes heilen. Dafür werden Stammzellen, die sich noch rege teilen und zu unterschiedlichen Zelltypen entwickeln können, entnommen und in kranke Teile des Körpers injiziert. Dort können sie helfen, wieder neues Gewebe zu bilden, so wie sie es natürlicherweise bei der Wundheilung tun.

Doch wie die Zellen entnommen und vorbehandelt werden müssen, damit sie ihr heilsames Potenzial entfalten, das erforschen Wissenschaftler gerade erst in streng überwachten Studien am Menschen: Sie wollen herausfinden, bei welchen Krankheiten Stammzellen heilen – und wie sich Risiken vermeiden lassen. Experten jedenfalls sind sich einig: Selbst wenn die Wunderwaffe Stammzelltherapie zündet, werden noch Jahre vergehen, bis die Technik massenhaft verfügbar ist.

Ruf der Stammzelltherapie ruiniert

Doch aus den Hoffnungen auf die innovativen Therapien versuchen Ärzte und Unternehmen in aller Welt schon heute Kapital zu schlagen. Sie locken Querschnittsgelähmte, Herzkranke und Alzheimer-Geplagte mit weitgehend unbelegten Heilsversprechen. Damit gefährden sie nicht nur Menschenleben. „Sie ruinieren den Ruf einer der wichtigsten Innovationen der Medizin“, sagt Stammzellforscher Wolfgang-Michael Franz aus München.

Nicht jeder Fall endet so krass wie der des Jungen aus Düsseldorf. Einige XCell-Patienten betrachten sich sogar als geheilt. Doch seit Herbst warnen die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Parkinson-Gesellschaft offensiv vor solch einer 7545 bis 26.000 Euro teuren Prozedur, die Krankenkassen nicht übernehmen. „Der Behandlung von Parkinson-Patienten mit adulten Stammzellen fehlt nach aktuellem Kenntnisstand jeglicher Nutzen“, sagt DGN-Vorstandsmitglied Wolfgang Oertel. Führende Stammzellforscher sagten: Bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass aus unbehandelten Knochenmarksstammzellen Nervenzellen werden. Diese Hoffnung weckt XCell.

* Name geändert

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 26.05.2010, 22:17 UhrAnonymer Benutzer: Dr. med. E. Pommé

    Die Stammzellentherapie soll nach Standartmassnahem erforscht werden. Aber hier wurde etwas verwechselt: Die Hirnblutung ist die Folge einer sehr gefährlichen Art der Aplikation. Diese Massnahme soltte durch einen erfahrenen Neurologen durchgeführt werden! ich selber habe das tragische Erlebnis mitbekommen müssen, dass eine Knochenhenmarkspunktion an einem 10-jährigen Kind von einem Arzt durchgeführt wurde, und zwar im Sternum! Das Kind ist gestorben wegen Durchbruchs. Dies ist das Versagen eines Therapeuten. Dies ist nur ein beispiel von vielen schlechten Erfahrungen, die ich in der Medizin gemacht habe. Die Mediziner sollten aufhören, überheblich auf Alternativverfahren herunter zu schauen. ich habe zum beispiel ein 6-jähriges Kind, was eine therapieresistente Epilepsie, die er mit 6 Jahren bekommen hat, mit dem Nahrungsmittelintoleranztest durch weglassen der Nahrung, gegn die er igG-Antikörper entwickelt hatte -und das waren nicht wenige - von 13 Konvulsionen pro Tag auf 3 Konvulsionen pro Woche (!) ohne irgendwelcher Medikamente bereits nach 2 Wochen der Weglassdiät bekommen. ich bin aus Naturheilpraktischer Sicht davon überzeugt, dass die Mediziner den Darm des Kindes ruiniert haben, denn es hat 6-8 Antibiosen/Jahr bekommen, zudem bei jedem infekt 14-20/Jahr permanent Paracetamol oder ibuprofen bekommen. Zufall? ich finde nicht, denn bis jetzt haben alle meine chronisch erkrankten Patienten eine wesentliche besserung durch Nahrungsmitteltest, homöopathisch dosiertem Cortison, Ausleitungstherapien, eine wesentlche Verbesserung bishin zur Genesung nach jahrelangem Leidensweg und massiver unerwünschter Nebenwirkungen der täglich einzunehmender Medikamente erfahren dürfen. Wir sollten von den Anderen lernen, anstatt überheblich zu sein.

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