Miodrag Stojkovic im Interview: „Teurer Umweg statt Original“

Miodrag Stojkovic im Interview: „Teurer Umweg statt Original“

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Miodrag Stojkovic Stojkovic, 43, einer der weltweit führenden Stammzellforscher, kommt aus Serbien. In Belgrad studierte er Tiermedizin. 1991 ging er nach Deutschland und musste vier Semester nachstudieren, weil sein Abschluss hier nicht vollständig akzeptiert wurde. So machte er an der Ludwig-Maximilians-Universität in München am Institut für molekulare Tierzucht und Biotechnologie seinen zweiten Doktor, diesmal im Fachgebiet Embryologie. Anschließend blieb er mehrere Jahre am Lehrstuhl von Eckhard Wolf und wurde deutscher Staatsbürger

Der deutsch-serbische Embryologe Miodrag Stojkovic über die Probleme der Forschung in Deutschland, über Scheinheiligkeit und die viel bejubelten Helden von morgen.

WirtschaftsWoche: Professor Stojkovic, Sie haben 2003 Deutschland den Rücken gekehrt, um ins liberalere Großbritannien und später nach Spanien zu gehen. Interessiert es Sie noch, was hier passiert?

Stojkovic: Natürlich. Wir sehen in Valencia fast ausschließlich deutsche Nachrichten und lesen deutsche Zeitungen. Meine Frau stammt ja aus Deutschland – und unser Spanisch ist noch nicht so gut. Außerdem habe ich enge Verbindungen zu deutschen Forschern und bin noch sehr eingebunden ins deutsche Forschungsgeschehen.

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Welche Rolle spielen deutsche Wissenschaftler international in der Stammzellforschung?

Es sind eben nur ganz bestimmte Sachen möglich im Rahmen der deutschen Gesetzgebung. Das schränkt ein. Ich kann einfach nicht verstehen, warum ein fortschrittliches, demokratisches und wissenschaftlich orientiertes Land wie Deutschland in diesem Bereich so kurzsichtig ist.

Immerhin haben restriktive Gesetze wie in Japan aber auch dazu geführt, dass Forscher nach Auswegen aus dem ethischen Dilemma suchen. Und offensichtlich haben sie Wege gefunden, um ohne Embryonen auszukommen.

Das muss sich erst herausstellen, ob diese künstlich verjüngten Zellen tatsächlich dasselbe Potenzial wie die echten embryonalen Stammzellen haben und sich in alle über 200 Zell- und Gewebetypen des Menschen verwandeln können. Ob IPS-Zellen dabei zu Krebszellen entarten, ist genauso wenig auszuschließen wie bei embryonalen Stammzellen. Es scheint sogar wahrscheinlicher zu sein.

Aber wenn sich IPS-Zellen als genauso gut erweisen sollten, wäre das doch genial, oder?

Natürlich sind diese Zellen ein großartiger Fortschritt, aber genial finde ich sie noch nicht. Denn das technische Verfahren, mit dem diese Zellen zu Stammzellen rückprogrammiert wurden, macht sie für jeglichen späteren Einsatz beim Menschen untauglich. Die Viren, mit denen die Verjüngungsgene in die Hautzellen eingeschleust wurden, sind aus früheren Gentherapie-Versuchen bekannt – sie wurden als untauglich und gefährlich eingestuft. Was mich besonders verwundert, ist die Begeisterung in Deutschland: Dort ist jede gentechnische Veränderung in Lebensmitteln verpönt. Doch genmanipulierte Stammzellen sollen nun die Rettung sein.

Das Verfahren steht ja noch ganz am Anfang.

Stimmt, vielleicht findet man noch elegantere Wege. Aber ohne gentechnische Veränderung wird es nicht gehen. Was ich vor allem nicht einsehe: Warum sollen wir viel Zeit aufwenden, um eine teure und möglicherweise nur halb so gute Kopie des Originals zu schaffen, mit dem ich seit Jahren arbeite? Mercedes-Fahrer wollen ja auch lieber das Original haben und nicht ein teueres Abziehbild namens Lexus.

Vielleicht ist dieser Umweg nötig, weil viele Menschen nicht mit der Vorstellung leben können, dass ein Embryo getötet wird, um Zellen zu gewinnen? Ein Embryo, aus dem ein menschliches Wesen hätte werden können.

Das ist doch eine scheinheilige Argumentation. Jedes Jahr bleiben Hunderte von Embryonen in Fruchtbarkeitskliniken übrig. Die werden, wenn keiner sie mehr haben will, aufgetaut und weggeschmissen. Ich finde es sinnvoller, diese Embryonen für die medizinische Forschung zu verwenden. Sie nicht zu nutzen finde ich geradezu unmoralisch.

Aber Sie wollen ja nicht nur mit solchen übriggebliebenen Embryonen arbeiten. Schon in Newcastle haben Sie Embryonen im Labor neu erschaffen, um daraus Stammzellen zu gewinnen. Und in Spanien bekamen Sie gerade die Erlaubnis, um dort genau dasselbe zu tun.

Stimmt, weil ich Stammzellen gezielt von Diabetikern und Menschen mit anderen Erkrankungen gewinnen möchte, um Therapien dagegen entwickeln zu können.

Eine individuelle Therapie für diese Menschen?

Nein, das wird wohl Science-Fiction bleiben. Das würde irrsinnig teuer. Es sind Stammzellen für die Forschung. Oder für Pharmaunternehmen, die daran neue Medikamente erproben könnten, statt sie an Ratten oder Menschen zu testen. Unsere Zellen kommen in eine Stammzellbank, auf die alle Forscher zugreifen können.

Aber können Sie sich nicht vorstellen, dass manche Menschen Probleme haben mit dem, was Sie tun?

Vorstellen kann ich mir das schon. Doch der erste Forscher, der einen Querschnittsgelähmten mithilfe von Stammzellen heilt, wird gefeiert werden wie ein Held. Und dann wird kein Mensch mehr danach fragen, wie die Zellen gewonnen wurden.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Nicht sehr. Ich gehöre zwar der serbisch-orthodoxen Kirche an, aber ich bin in einer Zeit in Jugoslawien aufgewachsen, als Glauben keine große Rolle spielte. Doch sollte mich je eine höhere Macht zur Rechenschaft ziehen, bin ich sicher, dass ich mit gutem Gewissen rechtfertigen kann, was ich hier in Spanien tue.

Wie sehen die Spanier das?

Das ist ja das Erstaunliche: In diesem tief religiösen und katholischen Land hat die Regierung eine ganz pragmatische Entscheidung getroffen – für das Leben.

Gibt es noch andere Länder, in denen das Thema genauso ernst und kontrovers diskutiert wird wie in Deutschland?

Ernst genommen wird das Thema auch anderswo. Doch nirgendwo sonst auf der Welt wird Embryonenforschung so konsequent mit national-sozialistischen Greueltaten in einen Topf geschmissen. Nicht einmal in Israel, das zu den führenden Nationen in der Stammzellforschung gehört. Die Begeisterung für die IPS-Zellen gibt es fast ausschließlich in Deutschland. Und dort wird sie nicht von Wissenschaftlern getragen, sondern kommt vor allem aus religiös-kritischen Kreisen. Das ist ein deutsches Phänomen.

Was wird in Deutschland bei der anstehenden Gesetzesänderung herauskommen?

Ich hoffe, dass Deutschland zu einer ähnlich pragmatischen Linie wie Spanien, Großbritannien oder auch Schweden findet. Natürlich hielte ich es für konsequent, die Stichtagsregelung ganz aufzugeben. Sonst stehen die Forscher in ein paar Jahren wieder vor demselben Problem.

Angenommen, die Stichtagsregelung würde gekippt. Kämen Sie nach Deutschland zurück?

Nun bin ich ja gerade erst nach Spanien gegangen. Natürlich überlegen meine Frau und ich, ob wir eines Tages wieder in Deutschland leben und arbeiten können. Denn dort fühlen wir uns wohl und zu Hause. Auch die Arbeitsbedingungen für Forscher sind unvergleichlich gut. Doch selbst wenn der Stichtag jetzt fallen sollte, bleibt das deutsche Klonverbot noch bestehen. Neue Stammzelllinien in Deutschland herzustellen wäre weiterhin unmöglich. Und ich sehe auch keinerlei Anzeichen dafür, dass sich das so schnell ändern könnte.

Für das, was Sie in Spanien tun, würde Ihnen in Deutschland eine Gefängnisstrafe drohen?

Genau. Deshalb werden wir vorerst nur zu Besuchen nach Deutschland kommen.

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