Motor der Fortschritts: Ingenieurdienstleister: Verschwiegene Branche

Motor der Fortschritts: Ingenieurdienstleister: Verschwiegene Branche

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Dienstleister entwickeln komplette Systeme und schwimmen auf einer Auftragswelle

Ingenieurdienstleister sind zum wichtigen Motor des technischen Fortschritts geworden. Sie kreieren innovative Lösungen und Jobs en masse. Ein Einblick in eine verschwiegene Branche.

Sie genießen künftig das ausgefeilte Unterhaltungsangebot an Bord des neuen Großraumjets A 380 von Airbus. Oder fahren in absehbarer Zeit mit einem Audi durch die Gegend, in dem ein Elektromotor beim Beschleunigen zugeschaltet wird, was mehr Fahrspaß bei geringem Kraftstoffverbrauch bringt. Bei diesen und vielen anderen wegweisenden Technikentwicklungen legen unabhängige Ingenieurdienstleister kräftig mit Hand an. Der Bertrandt-Konzern aus Ehningen bei Stuttgart hat zum Beispiel die komplette Rohbauentwicklung des neuen Mercedes CL-Coupés verantwortet. Seine Ingenieure trafen dabei in Abstimmung mit dem Autohersteller weitreichende Entscheidungen. So ersetzten sie Aluminiumteile der Karosserie, darunter den Kofferraumdeckel, durch solche aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Das spart Gewicht und damit Sprit.

Um Kosten zu sparen und schnell an neues Wissen zu kommen, vergeben Großkonzerne immer mehr Entwicklungsarbeit nach draußen, was die Branche der Entwicklungs-Dienstleister beflügelt. Doch blühen muss sie im Verborgenen – den Ruhm für die Innovationen wollen die Auftraggeber selbst einheimsen. Sie fürchten Imageschäden, wenn bekannt würde, dass viele Teile ihrer teuren Produkte extern entwickelt wurden. „Vom Auto bis zum Airbus steckt in fast jedem Produkt auch unsere Arbeit drin. Reden dürfen wir selten darüber und nirgendwo steht unser Name drauf“, bedauert Michael Witte, Vorstandschef der Münchner Euro Engineering.

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Die Klagen halten sich jedoch in Grenzen. Denn die Branche schwimmt derzeit auf einer Auftragswelle. Die drei Großen unter den für alle Industriezweige tätigen deutschen Entwicklungsdienstleistern – neben Euro Engineering sind das Ferchau aus Gummersbach bei Köln und Brunel in Bremen – glänzen mit zweistelligen Zuwachsraten bei Umsatz und Personal. Brunel beschäftigt heute mehr als 2000 Ingenieure und Techniker – fast dreimal so viele wie noch vor fünf Jahren. Die Konkurrenten haben ähnlich beeindruckende Zahlen vorzuweisen (siehe Grafik Seite 80).

Nicht minder gut stehen die Spezialisten da. Der börsennotierte Bertrandt-Konzern, der für die Automobil- und Luftfahrtindustrie tätig ist, meldet einen Umsatzsprung von 40,8 Prozent auf 339,5 Millionen Euro. „Es war eines unserer besten Jahre“, jubelt Vorstandschef Dietmar Bichler. Niederlassungen in den USA, Großbritannien, Spanien, Schweden und Frankreich trugen knapp 30 Millionen Euro zum Umsatz bei. Bei den meisten anderen Dienstleistern spielen selbst solch bescheidene Auslandsaktivitäten bisher keine Rolle. „Die Märkte sind sehr national dominiert“, erläutert Euro-Engineering-Chef Witte.

Die Arbeitsteilung funktioniert: Die Ingenieurdienstleister haben sich zu einem Motor des technischen Fortschritts in Deutschland entwickelt. Brunel-Geschäftsführer Carsten Siebeneich hält die Rolle für ausbaufähig. „Unsere Stärke ist unser breites Know-how. Es ermöglicht uns, branchenübergreifende Lösungen und Ideen einzubringen.“ Die Bremer waren am Bau des A 380 ebenso beteiligt wie an der Entwicklung neuer Getriebetechniken und elektronischer Bordnetze für Autos.

Eine Studie der internationalen Strategie- und Technologieberatung Booz Allen Hamilton stützt den Kurs. Danach wächst das globale Volumen für Entwicklungsdienstleistungen von heute 750 Milliarden auf 1,1 Billionen Dollar im Jahr 2020. Zum dominanten Sektor wird sich demnach die IT-, Software- und Telekommunikationsbranche mit einem Anteil von 30 Prozent am gesamten Auftragskuchen entwickeln, gefolgt von der Automobil- (19 Prozent) und der Luftfahrtindustrie (acht Prozent) sowie dem Bereich Energieversorgung (drei Prozent). Der Aufschwung, schreiben die Booz-Experten, gehe einher mit einer raschen Internationalisierung. Neue Konkurrenten vor allem aus Indien und China würden versuchen, sich ein großes Stück von dem Kuchen abzuschneiden, konzentrierten sich dabei aber vorerst auf die heimischen Märkte.

Brunel-Chef Siebeneich nimmt die Herausforderung gelassen. Er vertraut auf die langjährigen Beziehungen zu seinen Kunden und auf den Kompetenzvorsprung hiesiger Ingenieure. „Die besten Jahre liegen noch vor uns.“ 2008 hofft er, 1000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. „Das ist anspruchsvoll, aber nicht unrealistisch.“

Zuversicht herrscht auch bei der FEV Motorentechnik. Ob Katalysator, Direkteinspritzung oder variable Ventilsteuerung – viele Techniken, die den Verbrennungsmotoren zu mehr Leistung bei geringerem Verbrauch und niedrigeren Emissionen verholfen haben, wurden in den Labors der Aachener ausgetüftelt und perfektioniert. Das hat Stefan Pischinger, den Vorsitzenden der FEV-Geschäftsführung, selbstbewusst gemacht. „Wir entwickeln, was morgen und übermorgen in Serie geht.“

Ihre Bedeutung hat sich die Branche hart erarbeitet. In den Sechzigerjahren beschränkten sich die Aufgaben vieler Ingenieurbüros darauf, technische Zeichnungen anzufertigen und Berechnungen anzustellen. Viele der rund 2000 Dienstleistungsunternehmen für Forschung und Entwicklung in Deutschland, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim gezählt hat, erbringen auch heute nicht viel mehr an Leistungen. Anders die Speerspitze. Brunel, Ferchau, Euro Engineering & Co. sind zu gefragten Entwicklungspartnern der Industrie aufgestiegen, die eigene Schlüsselkompetenzen aufbauen und ganze Systeme und Module eigenverantwortlich bis zur Serienreife konstruieren und testen. „Wir arbeiten auf Augenhöhe“, sagt Brunel-Chef Siebeneich.

Richtig los ging es Ende der Neunzigerjahre. Ertragsdruck und Renditeanforderungen von Aktionären und Investoren zwangen die Industrie zu Kostensenkungen und zur Konzentration aufs Kerngeschäft. Die eigenen FuE-Abteilungen wurden ausgedünnt, Projekte zunehmend nach draußen vergeben und Kompetenzen zugekauft. „Dafür sind wir der ideale Partner“, sagt Siebeneich. Andreas Schwer, Entwicklungsleiter bei der EADS-Tochter Eurocopter, stimmt zu. „Wir verlagern immer mehr Aufgaben auf Dienstleister.“

Als dann vor zwei Jahren die Konjunktur auch im Inland ansprang, waren viele Unternehmen gar nicht mehr in der Lage, den Auftragsschub mit eigenem Personal abzuarbeiten, zumal neue Produkte immer schneller marktreif sein müssen und die » Variantenvielfalt steigt. Auch der leergefegte Arbeitsmarkt für hoch qualifizierte Fach- kräfte zwang sie, sich Unterstützung von außen zu besorgen. „Das alles mündete in einen kräftig gestiegenen Auftragseingang“, bestätigt Frank Ferchau, Geschäftsführer von Ferchau Engineering.

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