Nanotechnik: Stapelbare Seifenblasen

Nanotechnik: Stapelbare Seifenblasen

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Rainer Surkow (li) und Dirk Schumann, Gründer von Bubbles & Beyond

von Susanne Kutter

Feuerfester Schaum, nicht platzende Seifenblasen, hochwirksame Putzmittel: Die jüngste Spielart der Nanotechnik ermöglicht eine neue Generation von Produkten. Doch trotz positiver Eigenschaften fürchten manche Unternehmen Imageschäden.

Nichts ist unmöglich, das ist Dirk Schumanns Lebensmotto. Schon als Schüler im schwäbischen Ditzingen erprobte er seine Fähigkeiten, Neues zu schaffen: Seine T-Shirt-Farben etwa braute er selbst. Inzwischen ist dem promovierten Chemieingenieur tatsächlich bisher Unmögliches gelungen. Schumann hat eine Flüssigkeit entwickelt, aus der sich Seifenblasen pusten lassen, die nicht platzen. Sie trocknen vor dem Herunterfallen und lassen sich dann als zarte Kunststoffblasen stapeln.

Ein anderes Gemisch aus Schumanns Labor löst Graffiti mühelos und ohne Farbschatten von jeder Hauswand ab. Ein optimales Putzmittel. Eine weitere Flüssigkeit kann Nagellack mit einem einzigen Wischen entfernen – ganz ohne Schmieren und Lösungsmittelgestank. Und ein neuer Bauschaum lässt sich selbst mit einer 1500 Grad heißen Flamme nicht in Brand stecken.

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Gemeinsamkeit all dieser Erfindungen, von Putzmittel bis Bauschaum: Sie stecken voll winziger Tröpfchen und Bläschen, die nur wenige Nanometer groß sind, Millionen Mal kleiner als ein Regentropfen. „Diese Strukturen verleihen den Gemischen völlig neue Eigenschaften“, sagt Schumann. Eigenschaften, die Unternehmen für ihre Produkte seit Jahren suchen.

Schumann gründete zusammen mit dem Biotechnologen Rainer Surkow in Leipzig vor vier Jahren das Unternehmen Bubbles & Beyond. Mit dem Startup sind sie die Einzigen, die sich auf die kommerzielle Entwicklung und Nutzung dieser neuen nanostrukturierten Flüssigkeiten und Schäume spezialisiert haben.

Viele Einsatzmöglichkeiten für Nanotechnik

Dabei steigt das Interesse an solchen Materialien gerade enorm. Denn die möglichen Einsatzgebiete der neuen Technik sind quasi unbegrenzt: Neben Reinigungsmitteln, Baumaterialien und Kosmetika könnten auch Treibstoffe, Automobilteile oder medizinische Produkte wie Implantate auf Nanoschaumbasis ganz neu designt werden.

Eine echte Zukunftstechnik, bestätigt der Forschungsvorstand des weltgrößten Chemiekonzerns BASF, Andreas Kreimeyer. Auf die Frage der WirtschaftsWoche, welche Megatrends die nächste Dekade bestimmen werden, sagt er: „Viele Innovationen in den Bereichen Klimaschutz und Energieeffizienz beruhen auf nanostrukturierten oder nanoskaligen Materialien; deshalb sollten wir die Chancen, die Nanoprodukte bieten, konsequent nutzen.“

Was diese Strukturen bewirken, lässt sich beim Nagellackentferner gut vorstellen. Die extrem beweglichen Tröpfchen sind so klein, dass sie durch feinste Risse im Lack kriechen und ihn quasi absprengen.

Milch, Mayo und Bier

Das Prinzip, nach dem die nanostrukturierten Flüssigkeiten und Schäume aufgebaut sind, ist der Natur abgeschaut. Es sind zum einen Emulsionen wie etwa die Milch. Während Öl und Wasser sich normalerweise nicht mischen, gehen beide in einer Emulsion eine enge Beziehung ein, weil sich das Öl in Form kleiner Tröpfchen gleichmäßig im Wasser verteilt. Wer bereits eigenhändig aus Öl, Essig und Eigelb Mayonnaise hergestellt hat, kennt die Technik, die Emulsionen möglich macht: schnelles und gleichmäßiges Rühren. Nach diesem Prinzip werden auch Körperlotionen hergestellt.

Schäume kommen ebenfalls in Natur und Alltag in zahllosen Variationen vor: ob als Schaumkrone auf der Welle oder auf dem frisch gezapften Pils. Die Schaumblasen verändern die Eigenschaften der Ausgangsstoffe drastisch: „Eine Münze würde nicht in der Luft schweben können und im Bier sofort untergehen“, erklärt Schumann das Prinzip: „Legt man sie aber vorsichtig auf den Schaum, ist der so stabil, dass sie liegen bleibt.“

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