Netzaktivisten: Wenn Hacker für die Freiheit kämpfen

Netzaktivisten: Wenn Hacker für die Freiheit kämpfen

, aktualisiert 14. Dezember 2011, 14:56 Uhr
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Hacker aus dem Westen unterstützen den arabischen Frühling. Nun erwägt die EU-Kommission mit den Netzaktivisten zusammenzuarbeiten.

von Stephan DörnerQuelle:Handelsblatt Online

Die EU hatte zu Guttenberg als Berater für Netzfreiheit präsentiert - und viel Kritik geerntet. Jetzt prüft sie die Zusammenarbeit mit echten Netzaktivisten. Sie haben beim arabischen Frühling schon Expertise bewiesen.

DüsseldorfDie nackte Angst der Diktatur vor dem Netz zeigte sich am deutlichsten in der Nacht zum 27. Januar 2011: Ägypten unter dem damaligen Machthaber Husni Mubarak erlebte den digitalen Blackout, fast das gesamte Land war vom globalen Netz abgeschnitten. Die alltägliche Zensur von Informationen reichte dem Staatschef offenbar nicht mehr, er ließ den Stecker ziehen.

Immer wieder hatten es die Aktivisten im Land geschafft, die staatliche Zensur zu umgehen. Sie stellten Videos gewaltsamer Übergriffe der Polizei online und organisierten Protestkundgebungen über Foren und soziale Netzwerke.

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Im Hintergrund wirkte dabei auch eine digitale Hilfstruppe aus dem Westen mit. Europäische Netzaktivisten, Technik-Freaks und Hacker sorgten dafür, dass die Menschen vor Ort an Informationen kamen und frei kommunizieren konnten.

Besonders versiert gingen dabei die Internet-Aktivisten der lose organisierten Gruppe Telecomix vor. Nach dem ägyptischen Blackout sammelten sie Telefonnummern von Sympathisanten der Revolution  in verschiedenen europäischen Ländern, die über ihren Telefonanschluss einen zensurfreien Internet-Zugang bereitstellten. Dann verbreiteten sie die Einwahl-Telefonnummern über das Internet, faxten sie an ägyptische Bibliotheken, Hotels und IT-Firmen.

Auch der syrischen Opposition halfen sie bei der Umgehung des Zensursystems des Assad-Regimes. So verschafften sie sich Zugriff auf Server des syrischer Behörden. „Sie stellten einen großen pseudonomysierten Datensatz online, der unter anderem klar machte, dass auch Gespräche über Instant Messenger abgehört wurden. Das trug auf jeden Fall zur Bewusstseinsbildung bei“, so Netzpolitik.org-Blogger Markus Beckedahl.

Als das Volk in Libyen gegen Gaddafi auf die Straße ging, bot der niederländische Hacker und Gründer des Internet-Providers XS4All, Rop Gonggrijp, einen Einwahlknoten per Telefonverbindung an. Auch Nichtregierungsorganisationen wie das Tactical Technology Collective engagieren sich vor Ort in repressiven Staaten, beispielsweise um Blogger im Umgang mit Repressionen im Netz zu unterrichten, berichtet Beckedahl.

Inzwischen hat auch die Europäische Union die Freiheit im Netz zu einem Schwerpunktthema gemacht. Am Dienstag gab Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, den Start der Initiative „No Disconnect“ bekannt. Als Berater präsentierte sie dabei den deutschen Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Dies wurde von vielen kritisiert, nicht nur wegen des Skandals um die Plagiate in seiner Doktorarbeit, sondern auch weil er auf diesem Feld bisher keine Erfahrung vorweisen kann. Der Grünen-Netzpolitiker Malte Spitz betonte, Guttenberg habe in der deutschen und europäischen Debatte bisher immer aufseiten derer gestanden, die Eingriffe in die Internetfreiheit unterstützt und verteidigt hätten.

Als Reaktion darauf boten die Netzaktivisten von Telecomix Neelie Kroes eine Zusammenarbeit an. In einem auf deutsch und englisch verfassten Brief im Internet begrüßten die Aktivisten die Pläne Kroes, zeigten sich aber über die Einladung an zu Guttenberg, der Kroes beraten soll, „überrascht“. „Um Ihre Entscheidung besser verstehen zu können und um Herrn zu Guttenberg über die Arbeit vieler Netzaktivisten zu informieren, würden wir gerne mit ihm mögliche Ansätze und Ideen diskutieren“, schreiben die Telecomix-Aktivisten.

„Wir hatten bereits Kontakt mit Telecomix und wir beraten in der Tat, ob wir der Einladung folgen werden“, erklärte ein Sprecher der EU-Kommissarin Kroes auf Anfrage von Handelsblatt Online.


Die Werkzeuge der Aktivisten

Die beiden wichtigsten Werkzeuge der Netzaktivisten sind sogenannte Proxy-Server und eine Verschlüsselung mittels Kryptografie-Verfahren. Proxy-Server sind Computer, die meist im Westen betrieben werden und den Datenverkehr umleiten. Eine Verschlüsselung von Daten mittels Kryptografie dient dem Schutz vor staatlicher Überwachung.

Ein Projekt, das beide Konzepte verbindet, ist das Tor-Netzwerk. Tor besteht aus der gleichnamigen Open-Source-Software und einem weltweiten Netzwerk von Servern, die verschlüsselt miteinander kommunizieren. Dadurch können die Nutzer einerseits Zensur umgehen und andererseits anonym kommunizieren. Internetanfragen von Nutzern, die einen Tor-Server als Proxy eintragen, werden so über eine ganze Reihe von Servern geschickt – eine sogenannte Mix-Kaskade. Diese funktioniert technisch so, dass ein möglicher Mitlauscher jeden einzelnen der weltweit verstreuten Server kontrollieren müsste, um die Kommunikation zum Urheber zurückverfolgen zu können.

Wie wichtig die Rolle des Internets für die Aufstände in der arabischen Welt war, berichtete die die Nahost-Expertin Anne Alexander von der Cambridge-Universität im Gespräch mit der BBC. Sie war bei den Protesten in Ägypten vor Ort. „Wo man hinsieht waren Mobiltelefone, Plakate, Nachrichten, die über Zettel verteilt wurden, Graffitis, Zeitungen, Flugblätter“.

Wenn ein Nachrichtenkanal blockiert wird, nutzen die Menschen einen andere“, so Alexander. Jede Massenbewegung benötige Räume, in denen politische Alternativen diskutiert werden. Diese Räume seien in den 1940er, als Ägypten die letzten Massenproteste erlebte, beispielsweise Bücherläden, Untergrundzeitungen und illegale Gewerkschaftstreffen gewesen. Heute, so Alexander, seien diese Räume häufig online.

Netzaktivist Beckedahl betont die Relevanz der öffentliche Wirkung durch den freien Zugang zum Netz. „Es geht vor allen darum, dass diejenigen, die sich vor Ort trauen, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren auch die Chance erhalten, diese der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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