
"Wir sind zur Oma nach Pforzheim gefahren", schrieb Bertha Benz am 5. August 1888 ihrem Mann Carl. Der hatte keine Ahnung vom riskanten Ausflug seiner Frau und seiner beiden Söhne Richard und Eugen: Die drei knatterten in einer Art dreirädrigen Kutsche mit 0,9 PS und mit bis zu 18 Kilometern pro Stunde die damals sagenhafte Entfernung von 106 Kilometern von Mannheim nach Pforzheim. Bertha Benz war damit der erste Mensch, der eine Fernfahrt in einem Benzinauto unternahm. Die Tour im sogenannten Benz Motorwagen markiert den Beginn der spektakulären Erfolgsgeschichte des Verbrennungsmotors.
Ganz in der Nähe, zwischen Pforzheim und Stuttgart, fährt heute wieder ein Mercedes-Benz. Und wieder ist er das Symbol für den Aufbruch in ein neues Zeitalter: Der giftgrüne Kompaktwagen Blue Zero surrt dank eines Elektromotors flüsterleise über den Flugplatz Malmsheim, 30 Kilometer westlich von Stuttgart. Noch ist er ein Einzelstück. Doch schon nächstes Jahr soll er als Elektro-A-Klasse-Modell mit bis zu 200 Kilometer Reichweite auf den Markt kommen, in einer Miniauflage von 500 Exemplaren. Spätestens 2014 soll die Öko-A-Klasse in Serie gehen. Aber nicht nur sie. Bis dann wollen alle großen Hersteller mit Elektromobilen auf dem Markt sein.
Auf der Schwelle zur Antriebs-Revolution
Auch wenn auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA), die am Donnerstag dieser Woche in Frankfurt ihre Tore öffnet, noch die klassischen Modelle mit Benzin- und Dieselantrieb die Messestände beherrschen werden – schon jetzt ist allen Spielern im Markt klar: Langfristig wird der Elektroantrieb den Verbrennungsmotor vollständig ablösen. Schwindende Erdölreserven, hohe Benzinpreise, die Klimadebatte und immer schärfere Abgasvorschriften zwingen Autohersteller, Zulieferer und Kunden zu einem radikalen Kurswechsel. Für die Hersteller ist es der größte Umbau in ihrer Geschichte. Denn die neuen Stromautos brauchen leistungsfähige Batterien und eine komplexe Steuerungselektronik. Zugleich werden Verbrennungsmotoren, mehrstufige Getriebe, Auspuffanlagen und Katalysatoren überflüssig.
„Wir stehen an einer Schwelle, vergleichbar mit der von der Schreibmaschine zum Computer“, sagt Audi-Entwicklungsvorstand Michael Dick. Selbst wenn die Verbrennungsmotoren in den nächsten Jahren deutlich sparsamer werden, müssen bis zum Jahr 2020 bis zu zehn Prozent der zugelassenen Autos elektrisch und emissionsfrei fahren, um die weltweit vereinbarten Klimaziele zu erreichen.
Ein neuer Markt entsteht
Doch wer wird das Rennen um das Elektroauto gewinnen? Was zählt noch die über Jahre erworbene Kompetenz im Bau von Motoren oder anderen Fahrzeugkomponenten? Welche der 17 weltweit tätigen Autohersteller und ihrer 10.000 Zulieferer werden überleben? Wer dominiert künftig die Branche? Welche Region gibt den Ton an? Mit Staatsmilliarden gepäppelte Produzenten aus China nutzen schon jetzt ihre Chance, ebenso wie Startups aus den USA. Mit neuen Ideen und Techniken greifen sie die etablierten deutschen Autohersteller Volkswagen, Daimler, BMW & Co. an. Die halten mit Milliardeninvestitionen in die neue Technik dagegen.
Wie gigantisch die Umwälzungen sein werden, zeigt eine neue Untersuchung der Unternehmensberatung McKinsey: Weltweit können Elektrofahrzeuge bis 2020 einen Marktanteil von etwa neun Prozent erreichen. Das wären rund sieben Millionen Fahrzeuge und ein neuer Markt mit 470 Milliarden Euro Umsatz.

Rund 140.000 neue Arbeitsplätze würden dann weltweit in Unternehmen entstehen, die Batterien herstellen und entwickeln, so die Studie. Doch zugleich fallen 46.000 Jobs weg, davon 12.000 bei deutschen Herstellern von Motoren, Getrieben und Abgasanlagen. „Es ist eine Frage des langfristigen Überlebens, dass sich Unternehmen den entstehenden Elektromarkt erschließen“, sagt McKinsey-Autoexperte Christian Malorny.
In einem weiteren Schritt wird das Stromzeitalter auch das Geschäft von Autohändlern und Werkstätten erschüttern. Rund 600.000 Mitarbeiter zählt McKinsey heute im Kfz-Handel, in Werkstätten und bei Zubehörherstellern in Deutschland. Schon jetzt zeigt sich, dass Elektroautos weniger wartungsintensiv sind als Verbrennungsmotoren. Sie benötigen kein Motorenöl, kein mehrstufiges Getriebe, keinen Auspuff und keinen Katalysator mehr, diese Teile jedoch machen einen erheblichen Teil aller Reparaturen aus. Die einzig wartungsintensiven Teile von Elektroautos sind Batterie und Elektronik.











