Organspende: Der Preis des Lebens

Organspende: Der Preis des Lebens

Bild vergrößern

Melanie Perske

von Cornelia Schmergal

In jedem Jahr sterben in Deutschland 1300 Menschen, weil sie vergebens auf ein Spenderorgan warten. Nun will die Bundesregierung gegensteuern. Patienten auf der Warteliste schöpfen Hoffnung.

Hinter der Schlafzimmertür faucht und gluckert eine Tonne aus Metall, so hoch und so kalt wie ein Kühlschrank. Sie drückt Sauerstoff in einen Plastikschlauch, der sich über den flauschigen Teppich in den Flur schlängelt, an der Kommode mit den Familienfotos vorbei, und in der Küche verschwindet. Dort endet er in Melanie Perskes Nase. Ohne diesen Schlauch würde sie jetzt nicht hier stehen und Kaffee kochen. Ohne diesen Schlauch wäre sie vielleicht längst an einem Krampfanfall erstickt.

In Melanie Perskes Leben gibt es viele schlechte Tage, doch heute ist einer der besseren: An guten Tagen kann sie aufstehen, umhergehen und ein wenig in der Küche werkeln. Nur ihr Atem rasselt leise, und Besucher müssen aufpassen, dass sie in der kleinen Wohnung nicht ständig auf das Plastikschläuchlein treten.

Anzeige
Warten kostet das Leben Quelle: Quelle: Eurotransplant  Von: Wirtschaftswoche

Warten kostet das Leben

Bild: Quelle: Eurotransplant Von: Wirtschaftswoche

Zehn Meter misst diese Leine zum Sauerstoffgerät, und inzwischen hat Melanie Perske gelernt, mit ihr zu leben. Sie hatte viel Zeit dazu. Seit vier Jahren hofft sie auf eine neue Lunge.

Vier Jahre, das macht mehr als 1400 Tage, und nicht jeder Tag war ein guter. Es gab Tage, da lag sie auf der Intensivstation, weil das Cortison ihre Knochen so porös gemacht hatte, dass ihr die Rückenwirbel brachen.

Damals sagte man ihr, sie sei zu schwach, um eines der wenigen Spenderorgane zu bekommen, ohne neue Lunge aber habe sie wenig Chancen. Es gab Tage, da traute sie dem Schlaf nicht mehr. Es gab Tage, da hätte sie sich gern ergeben.

Warten auf eine Lunge

Seit 30 Jahren leidet Melanie Perske an Sarkoidose, einer Krankheit, die schleichend die Lungenhälften lähmt. Beide Flügel stecken voller verhärteter Knötchen. Wenn die 56-Jährige spricht, dann klingt es nach schepperndem Metall. Ihr letzter Wellensittich konnte sogar ihren Husten nachmachen. Und um eine Vermutung gleich auszuschließen: In ihrem ganzen Leben hat Melanie Perske nicht eine einzige Zigarette angefasst. Die Ärzte urteilen, ihre Krankheit sei „medikamentös ausgereizt“. Oder anders gesagt: Nichts kann mehr helfen. Außer einer Spenderlunge.

Angebotsmangel

In Deutschland warten derzeit 11 570 Patienten auf das Geschenk ihres Lebens. Doch der Markt ist eng, Organe sind ein knappes Gut. Nirgends sonst hat Knappheit so tragische Folgen: An jedem Tag sterben mindestens drei Menschen, weil sie vergebens auf eine neue Lunge, eine Niere, eine Leber oder ein Herz gehofft haben. Kaum irgendwo in Europa werden weniger Organe gespendet als in Deutschland. Und die Zahlen sinken sogar: Nach neuen Statistiken der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gab es zwischen Januar und September nur 902 Menschen, die nach ihrem Tod als Spender infrage kamen. Ein Jahr zuvor waren es noch 961 gewesen.

Da müsse man von einem moralischen Defizit sprechen, meinen die Kirchen. Da handele es sich schlicht um einen klassischen Fall von Angebotsmangel, der mit wirtschaftlichen Instrumenten bekämpft werden müsse, behaupten Transplantationsexperten. „Wir haben ein System der Verwaltung knapper Ressourcen, das nicht effektiv ist“, sagt der Verfassungsrechtler Edzard Schmidt-Jortzig.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%